Istanbul Zum Tode verurteilter Deutsch-Iraner: War das Jamshid Sharmahds letzter Anruf?
Nach drei Jahren Isolationshaft durfte der zum Tode verurteile Deutsch-Iraner erstmals mit seiner Familie telefonieren. Seine Tochter ist skeptisch. Lenkt das Regime ein, oder war das der Vorbote für seine Hinrichtung?
Jamshid Sharmahd wusste nicht einmal, dass er zum Tode verurteilt ist. Der 67-jährige Deutsch-Iraner, der seit fast drei Jahren im Iran im Gefängnis sitzt, durfte vor wenigen Tagen erstmals aus der Isolationshaft mit seiner Familie telefonieren. Seine Tochter Gazelle musste ihm während des Telefonats von der Gerichtsentscheidung berichten. Sharmahd ist in seiner Zelle völlig von der Außenwelt abgeschnitten. „Er wusste nicht, wer gerade Bundeskanzler ist“, sagt Gazelle Sharmahd.
Sie freute sich natürlich, nach so langer Zeit mit ihrem Vater sprechen zu können, wie sie unserer Zeitung sagte. Aber die Gesprächserlaubnis macht sie auch misstrauisch. „Warum durfte ich jetzt mit ihm sprechen?“ fragt sie. „Ist das ein Abschiedsgespräch? Durfte er deswegen mit mir reden? Weil sie ihn hinrichten wollen?“
Ein Revolutionsgericht im Iran hatte Sharmahd im Februar zum Tode verurteilt, weil er angeblich an Terroranschlägen beteiligt gewesen sei. Zwei Monate später wurde das Urteil bestätigt. Sharmahd, der in den USA lebte, bis er 2020 während einer Geschäftsreise in Dubai von iranischen Agenten nach Teheran entführt wurde, weist die Vorwürfe zurück. Er ist in der Haft schwer erkrankt und leidet unter den Folgen von Misshandlungen. „Sie haben ihm die Zähne ausgeschlagen“, sagt Tochter Gazelle.
Die iranische Justiz hält auch weitere Deutsche, andere Ausländer und Doppelstaatler fest, um sie in Verhandlungen mit westlichen Staaten als Geiseln einzusetzen. Im Frühjahr hatte Teheran mehrere Europäer freigelassen; Belgien schickte im Gegenzug einen iranischen Diplomaten nach Hause, der wegen der Vorbereitung eines Terroranschlags auf iranische Oppositionelle zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden war. Deutschland war an dem Gefangenenaustausch nicht beteiligt.
In welchem Gefängnis Jamshid Scharmahd sitzt, weiß seine Familie nicht. Seine Tochter vermutet, dass er irgendwo außerhalb von Teheran festgehalten wird, an einem Ort, an dem er völlig abgeschirmt werden kann. „Er kann niemanden sehen und mit niemandem sprechen“, sagt sie. Deutsche Diplomaten haben keinen Zugang zu dem Häftling, weil der Iran doppelte Staatsbürgerschaften nicht anerkennt und Sharmahd deshalb als iranischen Inhaftierten betrachtet.
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Gazelle Sharmahd erzählte ihrem Vater am Telefon von den Protesten gegen das iranische Regime, die im vergangenen September ausgebrochen waren – auch das war ihm neu. „Mein Vater hat 16 Jahre lang dafür gekämpft, dass die Menschen im Iran gehört werden, gesehen werden, dass sie aufstehen, dass sie sich wehren gegen dieses barbarische Regime“, sagte Gazelle Sharmahd. „Ich glaube, das gibt ihm sehr viel Kraft, dass das gerade passiert.“
In seiner Zelle hofft Jamshid Sharmahd auf die Bundesregierung. „Meine Hoffnung ist in Europa und in Amerika“, sagte er seiner Tochter am Telefon. Er appellierte an Kanzler Olaf Scholz, sich für ihn einzusetzen. „Er hofft, dass er nicht vergessen wird“, sagt Gazelle Sharmahd.
Sie wirft der deutschen Regierung vor, ihren Einfluss auf den Iran bisher nicht ausgespielt zu haben; Deutschland ist der größte Handelspartner der Islamischen Republik in Europa und deshalb besonders wichtig für die iranische Wirtschaft, die mit westlichen Sanktionen belegt ist. „Mein Vater und alle deutschen Geiseln werden im Stich gelassen“, sagt Gazelle Sharmahd.
Obwohl sie befürchtet, dass die Erlaubnis für das Telefonat mit ihrem Vater ein Vorbote der geplanten Hinrichtung sein könnte, hält Gazelle Sharmahd auch noch eine andere Möglichkeit für denkbar: „Hat sich ein Fenster geöffnet?“ Könne es sein, dass die Regierung in Teheran einlenke? „Dass das Regime merkt, dass es doch Konsequenzen haben würde, wenn man einen deutschen Staatsbürger entführt und ermordet?“
Noch kennt Gazelle Sharmahd die Antwort nicht. Sie hofft, dass Deutschland und Europa Druck machen, um ihren Vater freizubekommen. „Das Regime soll merken: Geiseldiplomatie ist kein tolles Geschäft, das weitergeführt werden soll.“