Itzehoe Zeugin im Fall Brokstedt: „Er griff nach dem Messer und grinste mich an“
Im Prozess um die tödliche Messerattacke im Regionalexpress bei Brokstedt in Schleswig-Holstein hat eine erste Zeugin vor dem Landgericht Itzehoe ausgesagt. Ihre Schilderungen sind erschütternd.
Studentin Johanna W. (22) aus Kiel wollte ihre Eltern in Brokstedt besuchen, saß unten im dritten Waggon. Dort, wo der Angeklagte Ibrahim A. (34) seinen Messerangriff begann. Am Montag, 17. Juli, ist sie die erste Zeugin, die vor dem Landgericht Itzehoe zum Geschehen am Tattag im Januar aussagt.
Der Angeklagte habe schräg hinter ihr gesessen, schilderte die Studentin dem Gericht. „Kurz hinter Neumünster ist er mir aufgefallen, erst im Augenwinkel, weil er seine Jacke ausgezogen hat. Dann schritt er im Gang auf und ab, streckte sich, machte Ausfallschritte und legte die Hand an meine Sitzreihe, da drehte ich mich zu ihm um. Er war blass und sah unruhig aus.“
Automatisch habe sie nach einer Erklärung für sein Verhalten gesucht und gedacht, er sei vielleicht schon länger unterwegs und müsse sich mal locker machen. Doch der Angeklagte habe sich nicht mehr hingesetzt, sondern die Leute beobachtet.
„Als ich die ersten Häuser von Brokstedt sah, bin ich aufgestanden und wollte an ihm vorbei. Weil er sich aber mit den Händen auf beiden Sitzreihen abstützte, hatte ich keine Lust, mich an ihm vorbei zu drängen, habe kehrt gemacht und bin zu den Türen hinten im Waggon.“
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Dort habe sie sich noch einmal umgedreht und gesehen, wie Ibrahim A. seine Sporttasche aufmachte, in der ein Messer gelegen habe. Die Studentin sagt: „Er griff nach dem Messer und grinste mich an.“
Sie habe nach einem Schaffner gesucht, schon einmal die Nummer des Notrufs in ihr Handy getippt, aber noch nicht gewählt, als ein Fahrgast gerufen habe: „Achtung, der Mann hat ein Messer.“
„Der Angeklagte sah wahnhaft aus, die Augen groß und rund“, schildert die Studentin. „Er packte ein Mädchen, das gerade aufgestanden war, an der Schulter, drehte es herum und stach von oben auf ihren Kopf und die rechte Körperhälfte ein, immer wieder ging das Messer hoch. Sie schrie nur einmal kurz.“
Ein junger Mann mit dunklen Haaren habe sich dann zwischen die beiden gedrängt, die Arme erhoben. „Der Angeklagte begann, auch auf ihn einzustechen. Es brach Panik aus, es war das absolute Chaos. Alle aus dem Waggon sprangen auf und rannten in meine Richtung.“
Die Schülerin Ann-Marie K. (17) und ihr Freund, Danny P. (19), der sie verteidigen wollte, starben durch die Messerstiche. Die Staatsanwaltschaft wirft Ibrahim A. zweifachen Mord und vierfachen versuchten Mord vor. Der Angeklagte folgt den Ausführungen der Zeugin mit reglosem Gesicht. Er sitzt tief gebeugt auf der Anklagebank, die Unterarme aufgestützt
Die Studentin schildert weiter: Mit anderen Fahrgästen sei sie durch die Türen am Anfang des vierten Waggons auf den Bahnsteig gelaufen. „Minuten danach ging die Tür auf und eine Frau, etwa 55 Jahre alt, kam blutüberströmt heraus. Sie hatte Messerstiche im Kopf und einen im Gesicht neben der Nase, den ich versuchte abzudrücken, auch andere halfen ihr.“
Obwohl sie stark blutete, habe die Frau weiterfahren wollen und auf keinen Fall einen Krankenwagen gewollt. „Es schien, als habe sie gar nicht begriffen, was passiert ist. Weil wir Gepolter und Tumult im vierten Waggon hörten, sind wir mit ihr auf dem Bahnsteig ein Stück weg.“
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Dann sei der Anklagte aus dem Zug gekommen, in seinem hellblauen T-Shirt, hinter ihm ein junger Mann mit einem Messerstich im Kopf. Und dann sei da noch eine Person gewesen, die das Messer, dass nun am Ausstieg auf dem Boden lag, in einen Papierkorb geworfen habe.
Ibrahim A. sei den Bahnsteig entlang gelaufen. „Dort hat ihn jemand von der Seite geschlagen, er wurde von Männern umringt.“ Sie habe eine Stichwunde am Rücken des Mannes, der mit dem Angeklagten aus dem Zug gekommen sei, mit ihrem Schal abgebunden, seine klaffende Kopfwunde mit einem Kleidungsstück abgedrückt.
Später im Bürgerhaus, wo die Polizei alle Fahrgäste vernahm, habe sie erfahren, dass der junge Mann noch im Zug war, weil er einen Verbandskasten suchte, dann mit dem Angreifer kämpfte, ihm das Messer aus der Hand ringen konnte.
Der Vorsitzende Richter will wissen: „Wie ging es ihnen unmittelbar danach?“
Die Studentin sagt: „Ich konnte es nicht fassen, war tagelang ruhelos.“ Und dann unter Tränen: „Es war nicht leicht, dass wir die Familie des Jungen kannten, der gestorben ist.“
Der zweite Zeuge dieses Verhandlungstages, Student Waleed M. (21) aus Hamburg, sagt: „Das gehobene Messer sehe ich immer wieder, das hat sich eingebrannt. Und panische Schreie.“ Zuvor aufgefallen sei ihm Ibrahim A., weil der zwischen zwei Sitzen stand, sich „Jacke und Shirt so hochzog, dass man seinen Oberkörper sehen konnte“.
Der Richter fragt nach: „Wie haben Sie das gedeutet?“ Der Student antwortet: „Es schien, als wäre ihm extrem warm. Ich aber hatte das Gefühl, dass er psychisch nicht ganz bei Sinnen sei und gefährlich sein könnte.“ Es habe so ausgesehen, als sei sich die Person bewusst, dass sie etwas machen wolle, sich mental darauf vorbereite. „Da habe ich mich gefragt, was ich tun würde, wenn jetzt jemand mit einer Waffe angreift.“
„Sie haben den Angeklagten aber nicht weiter beobachtet?“, hakt der Richter nach.
„Nein“, sagt der Student. „Das nächste, was ich sah, war der Beginn der Tat, das gehobene Messer.“ Mit seinem Freund flüchtete der Hamburger aus dem Zug, lief sogar über die Gleise, um sich in Sicherheit zu bringen.
Der Prozess wird fortgesetzt.