Hamburg/Berlin  Ex-AfD-Chef Jörg Meuthen: „Ein wenig stolz“ auf Wortkreation „links-grün-versifft“

Dirk Fisser, Rena Lehmann
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Von Dirk Fisser, Rena Lehmann
| 18.07.2023 01:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Jörg Meuthen war von 2015 bis 2022 Bundessprecher der AfD. Heute sagt er im Interview: „Es war ein Fehler, anfangs auch mit den extremen Kräften in der Partei die Kooperation zu suchen.“ Foto: Kay Nietfeld/dpa
Jörg Meuthen war von 2015 bis 2022 Bundessprecher der AfD. Heute sagt er im Interview: „Es war ein Fehler, anfangs auch mit den extremen Kräften in der Partei die Kooperation zu suchen.“ Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Jörg Meuthen war sieben Jahre Co-Chef der AfD. Ein Gespräch über eigene Fehler, die Kanzler-Ambitionen von Alice Weidel und was er heute über seine Wortschöpfung „links-grün-versifft“ denkt.

Jörg Meuthen wechselte 2022 von der AfD zur Zentrumspartei, seinen Sitz im EU-Parlament hat er behalten. Der 62-jährige Wirtschaftswissenschaftler konnte sich gegen rechtsextreme Kräfte in der Partei nicht mehr durchsetzen. So erklärt er zumindest seinen Abgang.

Im Interview äußert er sich zu seiner neuen und seiner alten Partei, zu einer möglichen Kanzlerkandidatin der AfD und den Erfolgsaussichten von Björn Höcke in Thüringen.

Frage: Herr Meuthen, Ihre Ex-Partei AfD befindet sich derzeit im Umfragehoch, führt sogar in mehreren Bundesländern in den Umfragen. Überrascht Sie das? 

Antwort: Der Höhenflug überrascht mich in dieser Ausprägung ein wenig. Aber ich kann ihn mir schon erklären: Es ist die Angst vieler Menschen angesichts  des kompletten Versagens der derzeitigen Regierungsparteien: sinkende Reallöhne, Erosion der Mittelschicht, Migrationsproblematik. Die Leute haben durchaus begründete Verlust- und Abstiegsängste. Angst ist Treibsatz für eine Partei wie die AfD. Also wendet man sich der Opposition zu. Die Union wird nicht als solche gesehen, schließlich regiert sie in vielen Bundesländern gemeinsam mit den Grünen. Darum sehen viele die AfD als einzigen Strohhalm. 

Frage: Sind das nur Umfrageergebnisse oder wird die AfD diese Stimmen in Wahlerfolge ummünzen? Zuletzt wurde ein Landrats- und ein Bürgermeisterposten gewonnen.

Antwort: Die Leute sind nicht aus Liebe zur Partei für die AfD, sondern aus schierer Verzweiflung. Aber ja: Wir reden über Umfrageergebnisse, die nicht ohne Weiteres auf kommende Wahlen übertragbar sind. Ich gehe davon aus, dass die Umfragen auch wieder sinken werden. Das bis heute beste AfD-Ergebnis im Westen habe ich 2016 in Baden-Württemberg mit 15,1 Prozent geholt. Das wurde seitdem nie wieder erreicht und meine Prognose ist: Das wird auch bei der Hessen- und der Bayernwahl in diesem Jahr nicht übertroffen. 

Frage: Ist mit einem Ministerpräsidenten Björn Höcke in Thüringen zu rechnen?

Antwort: Ich würde sehr hoch darauf wetten, dass Björn Höcke nicht Ministerpräsident in Thüringen wird. Rechnen Sie mal mit heftiger Konkurrenz in Thüringen, ich nenne nur einen Namen: Sahra Wagenknecht. Da wird sich sicher noch einiges tun vor der Wahl.

Frage: Wird die AfD einen Kanzlerkandidaten aufstellen?

Antwort: Davon gehe ich aus. Alice Weidel will das und sie wird es sicher auch. Das verschafft der AfD viel Aufmerksamkeit in einem Wahlkampf. Aber: Die AfD ist mit ihrem heutigen Kurs nicht anschlussfähig. Weder CDU noch FDP würden jemals gemeinsam mit der AfD regieren. Und absolute Mehrheiten sind für die AfD außer Reichweite. Es gibt keine reale Machtoption. Aber ich will nicht permanent über die AfD sprechen. Ich bin aus der Partei ausgetreten und habe sie lange hinter mir gelassen. 

Frage: Sie selbst haben das mittlerweile geflügelte Wort „links-grün versifft” erfunden...

Antwort: Das war auf dem Parteitag in Stuttgart 2016. Darauf bin ich ein wenig stolz. Das ist tatsächlich meine Wortkreation. 

Frage: Stolz? Hat diese Wortschöpfung nicht sehr zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen?

Antwort: Ich wäre niemals stolz auf eine Spaltung der Gesellschaft, um das ganz klar zu sagen. Was ich meinte: Die 1968er-Generation hat über Jahrzehnte einen Marsch durch die Institutionen vollzogen. Dadurch ist die Spaltung entstanden, in der wir uns heute befinden. Das habe ich damit benannt. 

Frage: Bereuen Sie Ihr Engagement für die AfD?

Antwort: Wenn man sich engagiert, macht man auch Fehler. Einige dieser Fehler bereue ich in der Tat. Es war ein Fehler, anfangs auch mit den extremen Kräften in der Partei die Kooperation zu suchen. Der Irrtum war: Ich habe Positionen von Leuten wie Höcke für randständig gehalten. Ich habe gedacht, die AfD sei eine Partei der vernünftigen Leute, und die extremen Kräfte könnten sich in ihr nie und nimmer durchsetzen – das war eine Fehleinschätzung. Sie haben sich durchgesetzt. 

Frage: Sie sind jetzt in der Zentrumspartei. Haben Sie eigentlich auch bei der CDU angeklopft? 

Antwort: Nein. Ich kann mit einer CDU, die derart stark mit den Grünen liebäugelt, nichts anfangen. Ich könnte mir nicht vorstellen, in einer Partei zu sein, die mit den Grünen koaliert. Das würde meine Kompromissfähigkeit überstrapazieren. Die aktuelle Entwicklung bei der CDU, die Benennung von Carsten Linnemann als Generalsekretär, ist allerdings eine bemerkenswerte Richtungsentscheidung. Vielleicht hat Friedrich Merz nun verstanden, dass die CDU nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie sich ganz deutlich von den Grünen abgrenzt. 

Frage: Die Zentrumspartei ist zwar eine sehr alte Partei. Aber Ihre Hochzeit liegt in der Weimarer Republik. Was streben Sie an, werden Sie erneut für das Europaparlament kandidieren?

Antwort: Die Zentrumspartei wird im Herbst ihre Liste für die EP-Wahl aufstellen. Ich beabsichtige, für Listenplatz 1 zu kandidieren. Da es keine Sperrklausel bei der Europawahl gibt, stehen dort auch mit einer kleineren Partei die Chancen recht gut. Ich bin da optimistisch.

Frage: Die AfD will den „Dexit”, den Austritt Deutschlands aus der Union...

Antwort: Das wäre das Ende der EU. Die Abschaffung der Europäischen Union wäre irre. Es gibt auf der einen Seite die AfD, die die EU zerstören will. Und auf der anderen Seite die übrigen Parteien, die am liebsten die Vereinigten Staaten von Europa schaffen wollen mit immer mehr Macht für Brüssel. Ich halte beide Positionen für falsch. Wir brauchen die EU als Bündnis souveräner Nationalstaaten, die supranationale Aufgaben gemeinsam angehen. Es braucht die EU, aber anders als heute.

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