Umgang mit Corona-Impfschäden  Sprechstunden für Post-Vac-Patienten ausgesetzt

Kim Hüsing
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Von Kim Hüsing
| 14.07.2023 16:23 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Bremer Arzt Julien Dufayet hat in der Praxis von Dr. Andrea Radde-Reinhard in Wiesmoor Sprechstunden für Post-Vac-Patienten angeboten. Foto: Franziska Otto
Der Bremer Arzt Julien Dufayet hat in der Praxis von Dr. Andrea Radde-Reinhard in Wiesmoor Sprechstunden für Post-Vac-Patienten angeboten. Foto: Franziska Otto
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Patienten mit Impfschäden müssen lange nach Hilfe suchen. Eine Anlaufstelle in Wiesmoor fällt nun auch noch weg. Eine Wiesmoorer Kinderärztin fordert nun Solidarität.

Aurich/Wiesmoor - Patienten mit dem Post-Vac-Syndrom müssen ab sofort wieder weite Wege in Kauf nehmen. Den Betroffenen von Corona-Impfschäden hatte der Bremer Arzt Julien Dufayet in der Praxis von Kinderärztin Dr. Andrea Radde-Reinhard seit März Sprechstunden angeboten. Doch über den Sommer setze er diese in Wiesmoor aus, informiert Radde-Reinhard. Dufayet könne diese aus Kapazitätsgründen nicht aufrecht erhalten. Er wolle versuchen, im Herbst wieder Patienten vor Ort zu behandeln. Doch erreichten ihn Anfragen aus ganz Deutschland.

„20 bis 30 Patienten kommen jeden Mittwochnachmittag zu den Terminen“, berichtet Radde-Reinhard. Anfragen gebe es noch viel mehr. Die meisten hätten mit Impfschäden zu kämpfen. „Für Long-Covid-Patienten gibt es mehr Anlaufstellen“, sagt sie. Als Beispiel nennt sie die Post-Covid-Ambulanz des Emder Klinikums. Post-Vac-Patienten würden dort hingegen nicht behandelt. „Es gibt keine offiziell anerkannte Diagnose. Also gibt es auch keine bezahlte Therapie durch die Krankenkassen“, ärgert sich Radde-Reinhard. Viele Betroffene wüssten nicht, wie sie das Geld für ihre Behandlung aufbringen sollen. „Für viele ist das das Ende.“ Eine Patientin habe ihr eine fünfstellige Kostenaufstellung gezeigt. Auch die Ärztin selbst ist als Betroffene nicht mehr länger schuldenfrei.

Finanzielle Sorgen der Betroffenen

Radde-Reinhard fühlt sich genau wie die anderen Betroffenen aus dem Landkreis allein gelassen. „Es ist unverschämt, wie mit uns umgegangen wird. Wir sind immer Bittsteller“, so die Medizinerin. Die Pläne von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), eine Internetseite mit gebündelten Informationen anzubieten und einen Runden Tisch zu gründen, der neben Long-Covid auch über Post-Vac beraten soll, findet sie richtig. „Es ist viel Wert, dass das Thema endlich in Berlin auf dem Tisch liegt“, sagt die Kinderärztin. Doch käme diese Initiative ein bis zwei Jahre zu spät. „Wenn es schon so lange dauert, darüber zu sprechen, wie lange dauert es dann, Hilfen zu entwickeln?“, fragt Radde-Reinhard.

Eine Mitarbeiterin zieht eine Spritze mit einem Corona-Impfstoff auf. Nach der Impfung klagen einige Patienten über starke Beschwerden. Foto: DPA
Eine Mitarbeiterin zieht eine Spritze mit einem Corona-Impfstoff auf. Nach der Impfung klagen einige Patienten über starke Beschwerden. Foto: DPA

Die Symptome einer Long- beziehungsweise Post-Covid-Erkrankung würden denen von Impfschäden ähneln, sagt Radde-Reinhard. Sie selbst käme an einigen Tagen kaum aus dem Bett. Auch die Konzentrationsfähigkeit habe stark gelitten. „Ich kann entweder arbeiten oder leben. Beides schaffe ich an einem Tag nicht“, verdeutlicht sie. Sie könne schon wieder mehrere halbe Tage in der Woche arbeiten. Andere hätten nicht so viel Glück. Doch die Therapie würde ihr helfen. Leider müsste diese komplett selbst bezahlt werden.

Medizinerin fordert mehr Unterstützung

„Uns fehlt ein Ansprechpartner“, sagt Radde-Reinhard. Diesen hatte sie sich unter anderem vom eigens vom Kreistag eingerichteten Arbeitskreis versprochen. „Der hat dreimal getagt, dann wurden wir Betroffenen endlich eingeladen“, erzählt die Kinderärztin. Dort habe man ihnen mitgeteilt, dass man nichts für sie tun könne – außer einen Appell an den Bund zu richten. Zudem solle eine Selbsthilfegruppe gegründet werden, die Verwaltung wolle dabei unterstützen. „Die gibt es bereits. Außerdem tauschen wir uns in einer Whatsapp-Gruppe über unsere Erfahrungen aus“, sagt Radde-Reinhard. Denn viele könnten aus gesundheitlichen Gründen gar nicht zu einer Selbsthilfegruppe hingehen. Oder zu einer Behandlung bis nach Bremen oder Berlin fahren. „Wir werden allein gelassen“, so ihr Eindruck.

Radde-Reinhard wünscht sich einen Fonds. Über den könnten Therapiekosten bezahlt werden, solange es keine Kostenübernahme durch die Krankenkassen gibt. „Ich arbeite so viel ich kann. Doch viele schaffen auch das nicht oder sind schon im Ruhestand. Sie müssen mit 900 Euro im Monat über die Runden kommen und davon noch ihre Behandlungen bezahlen“, beschreibt Radde-Reinhard. „Was wir dringend brauchen, ist eine Kapazität zu denken.“ Ideen hätten die Betroffenen genug. Doch hapere es bei den meisten an der Konzentrationsfähigkeit. „Da wäre es schön, wenn sich ein Gesunder solidarisch zeigen würde. So wie wir, als wir uns haben impfen lassen“, so die Medizinerin.

Bei Radde-Reinhard habe eine Muskelbiopsie, die sie extra nach Dresden habe schicken lassen, noch nach zwei Jahren Spikes nachgewiesen. Für sie ein eindeutiger Beweis der Folgen der Corona-Impfung. Doch zur Anerkennung reiche auch das noch nicht. „Ich muss weiter überlegen, ob ich spazieren gehe oder ein paar Stunden arbeite. Wenn ich über meine Grenzen gehe, falle ich danach mehrere Tage komplett aus“, so die 58-Jährige.

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