Osnabrück/Wiesbaden  Totgeburten in Deutschland nehmen stark zu: Was Corona damit zu tun haben könnte

Maria Lentz, epd User
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Von Maria Lentz, epd User
| 14.07.2023 13:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Zahl der Frauen, die ihr Baby tot zur Welt bringen müssen, ist in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland sprunghaft angestiegen. Foto: IMAGO IMAGES/AAP
Die Zahl der Frauen, die ihr Baby tot zur Welt bringen müssen, ist in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland sprunghaft angestiegen. Foto: IMAGO IMAGES/AAP
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Es sind erschreckende Zahlen, die für viele Eltern großes Leid bedeuten: Die Zahl der Totgeburten steigt seit Jahren stetig an. 2021 machte sie dann einen besorgniserregenden Sprung nach oben. Welche Ursachen Experten vermuten.

Es ist ein Schicksalsschlag, der für werdende Eltern nur schwer zu verkraften ist: Das Baby kommt tot zur Welt. Besonders erschreckend ist die Tatsache, dass die Zahl der Totgeburten in Deutschland zuletzt stark angestiegen ist. Das geht aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervor.

Im Jahr 2007 wurden demnach in Deutschland noch 3,5 Kinder je 1000 Geburten tot geboren. 2021 waren es mit 4,3 Totgeburten je 1000 Entbindungen deutlich mehr. Bis ins Jahr 2020 steigen die Zahlen kontinuierlich leicht. 2021 hingegen kam es zu einem Sprung im Vergleich zu den beiden Vorjahren.

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Im Jahr 2021 kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 3420 Kinder tot zur Welt. Das war im Vergleich zu 2019, als 3180 Kinder tot geboren wurden, eine Zunahme von 7,5 Prozent.

Antworten, welche Ursachen es für den besorgniserregenden Anstieg der Totgeburten gibt, sind schwer zu finden. Nicht einmal der Berufsverband der Frauenärzte kann Erklärungsansätze beisteuern: „Uns stehen keine anderen Daten zur Verfügung als die Erhebungen durch das Statistische Bundesamt“, sagte Pressereferentin Anna Eichner dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Erhellender ist eine Nachfrage bei der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG). Präsident Wolf Lütje nennt „mögliche Ursachen“. Ein Grund könne demnach die zunehmende Anzahl an künstlichen Befruchtungen sein, sagt der ehemalige Chefarzt der Frauenklinik am Evangelischen Amalie Sieveking Krankenhaus in Hamburg.

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Außerdem habe es während der Corona-Krise, die in Deutschland im März 2020 begann, mehr Kaiserschnitte gegeben. Diese vergrößern laut dem Gynäkologen das Risiko einer Totgeburt. Lütje verweist zudem auf die 2022 von der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin veröffentlichte Cronos-Registerstudie zu Covid-19 in der Schwangerschaft: Danach war die Rate an Totgeburten von Frauen, die mit dem Coronavirus infiziert waren, erhöht.

Ein prominentes Beispiel ist Fiona Erdmann. Das Ex-GNTM-Model brachte ihr Kind 2021 tot in der 18. Schwangerschaftswoche tot zur Welt. Das Herz hatte aufgehört zu schlagen, wie bei einer routinemäßigen Untersuchung festgestellt wurde. Kurz zuvor hatte Erdmann eine Corona-Infektion durchgemacht. Die Schwangerschaft verlief bis zum diesem Zeitpunkt ohne Komplikationen, wie das Model angab.

Kritisch sieht es Frauenarzt und Psychotherapeut Lütje, dass es viele Schwangere verlernt hätten, in sich hineinzuhören und die Bewegungen ihres Kindes wahrzunehmen. Wer kein Gespür für das Kind im Leib habe, bekomme Auffälligkeiten oft zu spät mit und suche dann entsprechend spät Hilfe auf. Das könne für das ungeborene Kind im schlimmsten Fall tödlich enden.

Beunruhigende Risikosignale entdeckten Christof Kuhbandner, Psychologie-Professor in Regensburg, und Matthias Reitzner, Mathematik-Professor in Osnabrück. Sie setzen bei ihren Analysen – anders als das Statistische Bundesamt – die Zahl der Totgeburten eines Quartals ins Verhältnis zu den Geburten des nächsten Quartals.

Mit dieser Methode entdeckten sie einen extremen Anstieg der Totgeburten im vierten Quartal 2021 um 19,4 Prozent. Auch 2022, heißt es in ihrer Studie, bleibe die Totgeburtenrate „ungewöhnlich hoch“. Veröffentlicht wurde die Studie der beiden Forscher im Mai in der medizinischen Fachzeitschrift „Cureus“.

Kuhbandner und Reitzner halten es für geboten, mögliche Zusammenhänge zwischen Totgeburten sowie Corona-Impfungen und -Infektionen näher zu untersuchen. Dies zu unterlassen, wäre für Reitzner ein „politischer Skandal“.

Bemerkenswert findet Lütje, dass es Anfang 2022 zu einem deutlichen Geburtenrückgang gekommen ist – ziemlich genau neun Monate nach Start der Corona-Impfkampagne. Auch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung spricht von einem „Absturz“ der Geburtenziffer. Frauen hätten beim Start der Impfkampagne im Frühjahr 2021 ihren Kinderwunsch zunächst zurückgestellt, erklärt das Institut.

Forschungsdirektor Martin Bujard findet es „plausibel, dass sich manche Frauen erst impfen lassen wollten, bevor sie schwanger werden“. Auch im ersten Quartal 2023 blieb die Geburtenzahl im Vergleich zum Vorjahresquartal auf niedrigem Niveau, allerdings schwächte sich der Rückgang ab.

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