Osnabrück Vier Kinder vom Stiefvater: Lisas jahrelanges Trauma aus Gewalt und Misshandlung
Lisa sagt, Oliver habe sie schon missbraucht, als sie sechs war. Mit 18 wird sie das erste Mal schwanger von ihm. Er behauptet, sie habe ihn verführt. Verurteilt wird er nie. Erst Jahre später kann sie sich befreien – frei fühlen kann sie sich nicht.
Mindestens fünf müssen es sein, fünf Shampoos, fünf Duschgels, fünf Deos, sonst findet Lisa keine Ruhe. Sie stehen im Bad-Regal, akkurat sortiert, da hat Lisa sie im Blick, hat die Kontrolle über sie, kann einfach nachkaufen, wenn schon wieder eins leer ist. Schnell geht das, schneller zumindest als Lisa lieb ist. So schnell, dass Lisa jeden Monat 100 bis 150 Euro für Nachschub ausgeben muss. Die Flaschen leeren sich beim Duschen am Morgen, bei der täglichen Ganzkörperrasur, beim Baden am Abend oder einfach zwischendurch. Es ist nicht so, dass Lisa die Flaschen nicht gerne langsamer leeren würde. Aber das Waschen fühlt sich so gut an, die Reinheit danach, der Schmerz währenddessen.
Manchmal fühlt der Schmerz sich zu gut an, dann werden ihre Hände wieder rau, platzen auf und bluten. Lukas stellt sich dann neben Lisa und passt auf, dass sie es mit dem Waschen nicht weiter übertreibt. Lisa weiß, dass es gut ist, dass Lukas das macht, nur ist der Schmerz manchmal eben noch besser. Denn der Schmerz an ihren Händen überdeckt den in ihrem Kopf. Die Gedanken an Oliver.
So erzählt sie es: Jeden Tag ist Oliver bei ihr, obwohl Lisa nun seit vier Jahren in Freiheit lebt. Oliver ist da, wenn Lisa auf dem Sofa die Augen schließt. Wenn sie, wie früher, nachts um drei wach wird und sich fürchtet. Wenn sie alte Männer sieht, dicke Männer. Irgendetwas, das Lisa an ihn erinnert.
Oliver ist immer da, weil er immer da war, 20 Jahre ihres Lebens. Seit ihrem sechsten Lebensjahr: Da zieht er bei ihnen ein, bei Lisa und ihrer Mutter, in einer Stadt irgendwo in Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt hat er wieder einmal keine Wohnung. Ein Bekannter legt ein gutes Wort für Oliver ein, und weil die Mutter sich auf den ersten Blick in ihn verliebt, nimmt sie ihn auf, rosarote Brille auf den Augen, genau an Lisas sechstem Geburtstag.
Vor allem Olivers guten Stil schätzt die Mutter. Immer adrette Kleidung trägt er, riecht gut, die Haare akkurat gekämmt. Noch ahnt die Mutter nicht, dass er seine Markenkleidung bald auf ihren Namen und den ihrer Kinder bestellen wird, dass er der ganzen Familie einen Schuldenberg bescheren wird, den sie aus Angst vor ihm noch Jahre später abstottern wird.
Sie ahnt nicht, dass Oliver aufquellen und immer fetter werden würde. Dass er sich auf der Wohnzimmercouch einnisten würde, stets auf dem gleichen Platz, meist in Unterwäsche, mal im Jogger. Meist nichts tuend, manchmal fernsehend oder Konsole spielend. Vor ihm akkurat sortiert alles, was er braucht: ganz links die Fernbedienung, dann Zeitung, Kaffee, Aschenbecher. 40 bis 50 Kippen raucht Oliver am Tag, dazu trinkt er Kaffee wie Wasser, drei bis vier Kannen. Am Anfang ahnt die Mutter nicht, dass Oliver nur in der Öffentlichkeit gepflegt und charmant ist – aber zu einem muffeligen Tyrannen mutiert, sobald sich die Wohnungstür schließt.
Dabei beginnt alles so gut. Oliver bringt Regeln in den Haushalt der Mutter, der zuvor keine Regeln kannte. Er legt Wert auf gutes Benehmen. Beim Essen spricht man nicht. Beim Spielen nimmt man Rücksicht auf andere. Das Zimmer hat ordentlich zu sein. Die Mutter freut die neue Ordnung, die sie zuvor nie hatte durchsetzen können. Doch quillt das familiäre Regularium schnell auf zu einem allumfassenden Lebensregelwerk. Kein Bereich der Gemeinschaft, den Oliver nicht bestimmt. Kein Ausgang, kein Handy, keine selbstbestimmten Aktionen. Oliver erzieht seine Kinder zu seinen Bediensteten, die tun müssen, was immer er will.
Einmal, erzählt sie, schmiert Lisa seine Stulle falsch. Da klatscht er ihr eine. Nicht einfach so, zack: Ohrfeige auf die Wange, sondern richtig Prügel setzt es. Es ist das erste Mal, dass jemand Lisa schlägt. Vielleicht, denkt Lisa da, vielleicht, habe ich es verdient. Ich habe Scheiße gebaut, da habe ich es verdient. Ich habe die Wurst falsch auf die Stulle gelegt, also habe ich Schuld. Und weil Oliver an diesem Abend sagt, dass es noch viel mehr Ärger geben würde, wenn Lisa darüber auch nur ein Wort an ihre Mutter verliert, schweigt sie dazu. Natürlich schöpft ihre Mutter Verdacht, nur aussprechen kann sie ihn nicht, denn da beginnt sie Oliver schon zu fürchten.
Knapp 60.000 Fälle von Kindeswohlgefährdung zählten die deutschen Behörden laut Statistischem Bundesamt 2021, davon 13 Prozent wegen körperlicher Gewalt, 21 Prozent wegen mehrerer Misshandlungen gleichzeitig. Lisa ist das, was die Behörden dabei das Dunkelfeld nennen. Ihr Fall wird nicht aktenkundig – und damit von der Statistik nicht gezählt.
Die Prügel jedenfalls sind Olivers harte Seite. Seine vermeintlich weiche zeigt er nachts.
„Ich kann nicht allein schlafen“, sagt er da. „Du musst jetzt bei mir sein.“
In diesen Nächten streichelt er Lisa. Und Lisa ihn, weil er das so will. Dann, Lisa ist immer noch sechs Jahre alt, streichelt Oliver auch Lisas Vagina und sie seinen Penis, denn Oliver will das so. Lisas Hand nimmt er dann und führt sie dahin, wo er sie will. Erst leistet Lisa Widerstand, dann droht Oliver ihr, und Lisa folgt.
So vergehen Jahre. Mal ist Oliver normal, mal streichelt er, mal prügelt er. Einmal bricht er Lisas Arm dabei, so heftig drückt er sie in ihren Berg aus Kuscheltieren.
„Was hast du da?“, fragt die Mutter danach. „Da, an deinem Arm?“
„Nichts.“
„Komm, lass uns mal zum Arzt gehen“, sagt die Mutter, mehr sagt sie nicht.
„Nein.“
Oliver ist es, der später mit Lisa ins Krankenhaus fährt. Die Mutter darf nicht, sie könnte die Wahrheit sagen, die sie vor Oliver nicht auszusprechen wagt.
„Was hast du gemacht?“, fragen die Ärzte Lisa.
„Die Treppe runtergefallen.“
„Das kann nicht sein. Komm, sag schon: Was ist da passiert?“, fragen die Ärzte.
„Doch, doch, die Treppe runtergefallen“, sagt Lisa, mehr sagt sie nicht und die Ärzte belassen es dabei. Wie es auch die Mitschüler irgendwann dabei belassen, die Lehrer, die Nachbarn. Die wechseln ohnehin permanent. Weil die Familie keine Mieten zahlt und Schulden macht, bleibt sie an keinem Ort für lange Zeit. In einem Jahr wechseln sie achtmal ihren Wohnort.
Frage: Lisa, hast du Oliver gehasst, damals?
Antwort: Das konnte ich nicht. Da waren immer wieder auch die schönen Momente. Wenn er mit uns rausging und uns Getränke spendierte, einfach so. Wenn alles war wie immer. Als wir Ostern feierten und Weihnachten. Oder meinen Geburtstag. Ich habe nie Geschenke bekommen, die hat die Mutti mir heimlich gegeben. Trotzdem war es an diesen Tagen schön – und jedes Mal habe ich gedacht: Eigentlich ist alles gar nicht so schlimm.
Frage: Was hast du gedacht, wenn du mit deinen Mitschülern gesprochen hast? Warst du neidisch, dass bei ihnen alles so viel leichter war?
Antwort: Neidisch war ich nie. Das war mein Leben, das war halt so. Aber traurig war ich manchmal, wenn ich abends nicht mit rausdurfte. Oder wenn ich gehört habe, was die anderen alles erleben. Den Unterricht habe ich gehasst damals, aber die Schule habe ich geliebt. Das war die Zeit, in der ich einfach ich sein konnte – ohne dass mir etwas passieren konnte.
Lisa ist 15, da zwingt Oliver sie das erste Mal zum Sex. Auf den Küchentisch legt er sie.
„Nenn‘ mich Papa“, befiehlt er.
„Ich will das nicht. Du bist nicht mein Papa.“
„Wenn du nicht mitmachst, bringe ich deine Familie um.“
Lisa macht mit.
„Schau mich an!“, sagt Oliver. Aber weil Lisa nicht schaut, sondern weint, legt Oliver ihr ein Handtuch auf die Augen.
An diesem wie an allen folgenden Abenden fragt Oliver danach: „Hat es dir Spaß gemacht?“
Und weil nur „ja“ die richtige Antwort ist, sagt Lisa: „Ja.“
„Hast du es gewollt?“
„Ja.“
Dann, dieses wie alle anderen Male, geht Lisa ins Bett und weint leise in ihren Kelly-Family-Kissenbezug. Die Tränen werden nicht weniger, nur der Widerstand bricht über die Jahre. Denn von diesem Tag an holt Oliver sie regelmäßig. Stets dann, wenn die Mutter zur Nachtschicht fährt, um zu putzen, immer morgens um drei. Manchmal vergehen Tage, bis es wieder so weit ist, manchmal Monate.
Fünf Prozent der behördlich gezählten Kindeswohlgefährdungen sind Folge sexueller Gewalt. Lisa gehört zum Dunkelfeld auch dieser Statistik.
In der Nacht nach dem ersten Mal beginnt Lisa, nachts aufs Klo zugehen. Nicht, dass sie müsste, aber da ist dieses Bedürfnis danach. Die Toilette gibt ihr Sicherheit, sie ist abschließbar, ein Refugium. Lisa setzt sich auf die Schüssel und zwingt sich, dass es kommt. Raus, die ganze Scheiße soll raus aus ihr.
Und weil Lisa sich dreckig fühlt, jedes Mal, wenn er sie anfasst, beginnt sie sich zu waschen. Nicht einfach so, sondern richtig sauber. So stark spült Lisa ihre Vagina, dass ihre Frauenärztin zu fragen beginnt. Alle Chemie, die sie finden kann, benutzt sie. Ihre Klamotten wechselt sie mehrmals täglich, und die Flaschen voll Shampoo und Duschgel leeren sich fortan binnen weniger Tage.
Oliver nimmt das Waschen hin. Die Zahl der Prügel geht zurück, seit Oliver Lisa vergewaltigt. Dafür werden die Regeln noch strenger. „Du bist mein“, sagt Oliver, „wenn ich dich nicht kriege, kriegt dich kein anderer.“
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Geht Lisa abends raus, kommt Oliver nach.
Ist Lisa in größeren Runden, macht Oliver sie schlecht. Um sie klein zu halten einerseits, um sich außer Konkurrenz zu halten andererseits.
Geht Lisa Wege allein, muss sie dabei mit Oliver telefonieren. An Orte mit zu vielen Männern darf sie nicht. Ihre beiden Brüder, gezeugt von Oliver und Lisas Mutter, müssen auf Lisa aufpassen. An guten Tagen lassen sie sie rausgehen, an schlechten Tagen verpetzen sie sie.
Auch den Beginn einer Ausbildung verbietet Oliver.
Er nennt Lisa jetzt „meine Kleine“. Wenn sie tut, was er sagt, ist sie ein „gutes Mädchen“. Leistet sie Widerstand, ist sie die „nutzlose Schlampe“.
Mit 18 Jahren könnte Lisa das erste Mal frei sein. Die Mutter hat sich in der Zwischenzeit von Oliver getrennt, lebt in einer neuen Wohnung. Lisa könnte abhauen, in eine andere Stadt. Aber sie geht nicht: zu groß ist die Macht, die Oliver über sie hat, zu groß sind Abhängig- und Hörigkeit. Also bleibt Lisa bei der Mutter, Oliver kommt täglich zu Besuch. Wieder richtet er sich auf dem Sofa ein, keiner widerspricht. Irgendwann nimmt Oliver sich den Wohnungsschlüssel von Lisa und ihrer Mutter: „Ich hab den jetzt“, sagt er, mehr sagt er nicht, keiner widerspricht.
Dann wird Lisa schwanger, schwanger von Oliver. Oliver freut sich wie ein kleines Kind, Lisa weiß nicht, was sie denken soll. Lisas Mutter weiß nicht, wer ihre Tochter geschwängert hat. Es wird das erste von vier Oliver-Kindern sein.
Die erste Schwangerschaft bemerkt Lisa im sechsten Monat bei der Routine-Untersuchung. Sie ist pummelig geworden bis dahin, aber einen Baby-Bauch hatte sie nicht, ihre Periode kam ohnehin unregelmäßig. Als Lisas Bruder nach der Geburt erfährt, wer der Vater ist, verlässt er die Familie.
Die zweite Schwangerschaft bemerkt Lisa im Krankenhaus. Dort wacht sie auf, nachdem Oliver sie geprügelt und Lisa sich in die Besinnungslosigkeit gesoffen hat. „Das war ein geiler Abend“, sagt Lisa, „der hat nach Freiheit gerochen.“ Noch am Tag der Geburt des zweiten Kindes fragt Oliver Lisa, wann sie wieder nach Hause kommt, damit sie Sex haben können.
Die dritte und vierte Schwangerschaft versucht Lisa im Alleingang zu beenden. „Ich habe alles versucht“, sagt sie, „alles. Da ist nichts, was ich nicht in mich reingekippt hätte. Genützt hat das alles nichts. Aber jetzt sind sie da. Jetzt sind sie meine Schätze und ich liebe sie. Aber damals…“ Beide Kinder sind geistig behindert.
Mit Lisas fünfter Schwangerschaft hat Oliver nichts zu tun. Allerdings weiß Lisa das am Anfang nicht so genau. Da ist noch ein anderer Mann, mit dem sie heimlich schläft, ihr erster Fluchtversuch. Aber dieser Mann ist eben auch kein Guter. Gerade sitzt er im Gefängnis.
Frage: Lisa, hast du manchmal Angst, Oliver in deinen Kindern wiederzuerkennen?
Antwort: Jeden Tag. Ich weiß, das ist ungerecht, aber ich merke, dass die Kinder, die nicht von Oliver sind, mehr Aufmerksamkeit kriegen. Bei den anderen beginne ich bei Kleinigkeiten zu schreien, bei den anderen ist es okay. Das ist nicht richtig und ich will das ändern. Aber noch arbeite ich daran.
Frage: Du warst sechs, als alles begann. Deine Mutter hätte dich beschützen können. Machst du ihr Vorwürfe?
Antwort: Ich gebe ihr nie die Schuld, nie. Nein, auf meine Mutti lasse ich nichts kommen. Klar, sie hätte mehr sagen können. Aber sie war 1,60 Meter groß. Sie war schwer krank. Meine Mutter hatte nicht die Kraft, um sich gegen so ein Arschloch wehren zu können.
Oliver gibt sich jetzt als Lisas Partner aus. „Da stehst du dann als junges Mädchen mit einem alten Sack beim Frauenarzt“, sagt Lisa, „und fühlst dich so falsch.“ Als Lisas Mutter hört, dass Oliver und ihre Tochter nun ein Paar sind, sagt sie:
„Aber man ist doch nur ein Paar, wenn beide sich lieben.“
„Wir lieben uns doch“, sagt Oliver.
„Sie liebt dich nicht“, sagt Lisas Mutter.
„Ich liebe dich nicht“, sagt Lisa, dann setzt es was.
Häusliche Gewalt gegen Frauen hat in den letzten Jahren in Deutschland deutlich zugenommen. Innenministerien und Landeskriminalämter registrierten 2022 knapp 180.000 Fälle – und damit einen Anstieg um 9,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Betroffen sind alle Schichten und alle Altersgruppen. Behörden mutmaßen, dass die Dunkelziffer bei dieser Art Verbrechen sehr hoch ist. Lisa ist Teil auch dieser Dunkelziffer.
Lisa ist 23, da hält es auch ihr zweiter Bruder nicht mehr aus. Er kauft ein Handy für Lisa. Ein zweites, mit dem sie heimlich schreiben kann. Eines, das Oliver nicht kontrolliert. „So kann es nicht weitergehen“, sagt der Bruder. Er installiert ihr eine Dating-App, mit der sie gute Männer kennenlernen kann. Nachts, wenn Oliver schläft, heimlich unter der Bettdecke. Nur sind in der App fast nur Idioten, einer blöder als der andere. Und alle wollen sie nur Sex. Irgendwann ist Lisa so frustriert, da schreibt sie in ihren Status: „Gibt es hier denn keine anständigen Männer?“
Erstmal meldet sich keiner mehr, später dann einer: Patrick. Die beiden schreiben einander, wie man eben so schreibt in Dating-Apps. Dann erzählt Lisa, dass sie fünf Kinder hat. Das haut Patrick erstmal aus dem Konzept, er schweigt einige Tage. Lisa hat ihn längst aufgegeben, da schreibt er:
„Ich will dich sehen.“
„Ich darf nicht raus.“
„Dann komm ich zu dir.“
Und er kommt tatsächlich, stellt sich vor ihr Fenster und sie reden. Nicht einmal, sondern immer wieder, jeden Abend, fast zwei Monate lang. Dann erlaubt Lisa Patrick, durch das Fenster in ihr Zimmer zu klettern. „Komm rein, mein Prinz“, sagt sie, schiebt leise ihren Kleiderschrank vor die Tür und traut sich das erste Mal in ihrem Leben, jemandem ihre Geschichte zu erzählen. Patrick hört sie sich an, fragt nach, will alles wissen, dann geht er nach Hause.
Am nächsten Tag steht er nicht mehr an Lisas Fenster, auch am zweiten und dritten nicht. Am vierten steht er unten und sagt: „Es tut mir leid, ich musste nachdenken. Wir kriegen das hin.“ Heimlich bauen sie eine Beziehung auf. Nach sechs Monaten, da ist Lisa 24 Jahre alt, hat Lisa das erste Mal Sex und positive Gefühle dabei. Danach weihen Patrick und Lisa zuerst Lisas Bruder, dann ihre Mutter ein. Irgendwann erzählt Lisa auch Oliver von ihrem Freund. Sagt, dass sie mit ihm zusammenziehen will. „Das ist Abschaum“, sagt Oliver, „der will sich nur in die Familie einnisten.“
Tage später kommt Oliver zu Lisa und Patrick und sagt, dass Lisa jetzt mit ihm einkaufen müsse.
„Nein, sie bleibt hier“, sagt Patrick da.
„„Weißt du, was ich gestern gemacht habe?“, fragt Oliver. Und behauptet, mit Lisa Sex gehabt zu haben.
Danach fallen allerlei Beschimpfungen von Patricks Seite, und Oliver prügelt auf ihn ein. An diesem Abend, das erste Mal nach 20 Jahren, ruft jemand die Polizei. Die Beamten nehmen Oliver mit auf die Wache. „Komm mit mir“, sagt Patrick da, „sonst gehst du hier drauf. Ich fasse dich auch nicht an. Ich schlafe auf der Couch. Aber komm hier raus, bitte.“ Lisa folgt Patrick, wenn zuerst auch nur mit vieren ihrer Kinder. Eine Tochter will Oliver behalten: „Wenn ich sie nicht kriege, bringe ich deine Kinder um!“ Und weil Lisa ihm das glaubt, lässt sie sie ihm.
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Bis eines Abends der Kinder-Jugend-Notdienst anruft. Die Tochter sei bei ihnen – mit blauen Flecken im Genitalbereich. Ob Lisa sie abholen könne? Die Tochter verrät Oliver nicht, so wie Lisa Oliver nie verriet. „Aber an diesem Tag wollte ich ihn umbringen“, sagt Lisa. „Ich habe das Küchenmesser genommen, und wäre er dagewesen, ich hätte…“ Sie hat es nicht. Aber sie erstritt das vollständige Sorgerecht für alle ihre Kinder.
Einmal hört Lisa danach noch von Oliver. Da kam sie morgens aus dem Haus und jemand hatte daran geschmiert: „Lisa, du Schlampe. Patrick, du Zuhälter.“ Einmal kam er zu Besuch und sagte: „Entschuldigung für alles.“ Seither ist Stille.
Heute, fünf Jahre später, könnte Lisa frei sein. Mit Patrick ist sie nicht mehr zusammen, die Beziehung scheiterte schließlich an Drogen und Schlägen und viel Geschrei. Aber auf einer Party lernte Lisa Lukas kennen. „Den will ich, den krieg‘ ich“, sagte Lisa. Und sie kriegte ihn: Im November hat Lisa mit Lukas ihr sechstes Kind bekommen.
Mit Lukas zusammen holen Lisa und ihre Kinder jetzt das Leben nach, das andere von Geburt an kennenlernen. Sie gehen ins Kino und auf die Kirmes, auf den Weihnachtsmarkt und aufs Stadtfest. Stolz zeigt Lisa ihre Ausflüge in ihrem WhatsApp-Status. Sie, Lukas und ihre Kinder beim Tanzen, Spielen, Lachen. „Meine Kinder freuen sich, wenn wir einen Ausflug machen,“, sagt Lisa, „aber ich mich fast noch mehr.“
Das sind die lichten Momente, die schönen. Nur sind da eben auch die dunklen. Denn ganz frei sein kann Lisa nicht. Nicht solange Oliver es auch ist.
Es gab eine Ermittlung und eine Anklage, nachdem Lisas Tochter die blauen Flecken im Intimbereich hatte. Drei Tage verhörte die Polizei Lisa, ihre ganze Geschichte erzählte sie, ab dem sechsten Lebensjahr. Lisa kann alles genau rekonstruieren, denn ihre Erinnerungen sind ihr Gefängnis, das sie durch ständige Besuche darin aktuell hält.
Nur sind Erinnerungen keine Beweise. Oliver und Lisa lebten zusammen. Selbstverständlich hatten die beiden ein enges Verhältnis. Vorzeigbare Verletzungen oder blaue Flecken gibt es keine. Beweise, dass Lisas vier Kinder unfreiwillig gezeugt wurden, ebenso wenig. Lisa wurde mit 18 schwanger, nicht schon mit 15, als die Vergewaltigungen begannen. Warum nicht vorher? Oliver spricht nur über seinen Anwalt mit der Polizei. Der teilt mit, Lisa habe Oliver verführt. Lisa bestreitet das. Die Aussagen ihrer Familie gehen auseinander. So steht Aussage gegen Aussage – und die Ermittlung gegen Oliver wird eingestellt.
Statistisch ist das nicht ungewöhnlich. Das zeigt beispielhaft die Staatsanwaltschaft Berlin: 2019 leitete sie 945 Verfahren wegen häuslicher Gewalt ein. Im selben Jahr stellte sie 668 Verfahren mangels Beweisen ein, neuere Daten gibt es nicht.
Immerhin: Nach diesem Vorfall erhält Lisa das alleinige Sorgerecht für ihre Kinder. Einmal hört sie danach noch von Oliver. Seitdem ist Stille.
Frage: Lisa, würdest du sagen, dass du jetzt glücklich bist?
Antwort: Es geht mir nicht gut, gar nicht, nie. Ich würde gerne mal durchschlafen können, aber das kann ich nicht. Jetzt, während wir reden, ist da etwas Dunkles in meinem Kopf. Und das ist immer da. Vor meinen Kindern versuche ich, mir nichts anmerken zu lassen, aber es geht mir beschissen.
Frage: Kannst du dir vorstellen, dass du jemals glücklich wirst?
Antwort: Ich fühle mich gefangen, solange er hier herumläuft. Solange er machen kann, was er will. Neulich hat ihn eine Freundin gesehen, besoffen auf einem Kinderspielplatz. Das darf doch nicht sein. Ich will rausgehen können, ohne Angst haben zu müssen. Und ich will wissen, warum er mir das angetan hat. Er hat immer gesagt, ich hätte ihn verführt. Aber das stimmt doch nicht. Ich will wissen, was er wirklich gedacht hat. Aber das wird er wohl nie sagen.
Noch immer schreckt Lisa manchmal hoch, Punkt drei Uhr nachts. Zu der Zeit, als Oliver sie holte.
Aber seit Lukas macht sie echte Fortschritte, sagt sie. Sie kann allein sein, wenn im Hintergrund der Fernseher läuft. Sie kann raus, ohne ständige Angst zu haben. „Es geht mir so gut wie noch nie in meinem Leben.“
Trotzdem ist sie am liebsten daheim, in ihrer großen neuen Wohnung. Dort hat Lisa sich eingerichtet. Meist sitzt sie auf dem Sofa, an dem alles dort ist, wo sie es braucht. Vor ihr auf dem Tisch ganz links die Fernbedienungen, daneben die Fernsehzeitung, daneben ihr Glas Sprudelwasser mit Geschmack. Das Handy hat Lisa neben sich auf dem Sofa platziert. Sie denkt viel nach, wenn sie dasitzt, nur denkt sie häufig das Gleiche.
Am schlimmsten sind die Gedanken, wenn sie jemanden sieht, der Oliver ähnelt. Oder wenn ihre Kinder sagen: „Mama, du bist böse.“ Dann gehen bei Lisa die Schalter aus, denn dann ist Oliver wieder in ihrem Kopf, der dasselbe sagte, immer und immer wieder. Oliver, dem sie nie genügen konnte, obwohl er sich alles nahm, was ein Mensch sich nur nehmen kann. Lisa bricht in Tränen aus, wenn sie den Satz wieder hört. „Mama, nein, ich liebe dich doch, das weißt du“, sagen ihre Kinder dann.
Lisas Tagesablauf ist fast immer der gleiche. „Und es muss immer der gleiche sein“, sagt Lisa. Fünf Uhr aufstehen, Kinder fertig machen, dann ihre Aufgaben machen, so nennt sie das, als würde noch immer jemand sie befehligen: Sachen packen, Zimmer aufräumen, Putzen. Putzen ist wichtig, weil putzen alles wieder richtig rein macht, so wie Lisa sich permanent wieder rein macht. Alles, was sie dafür braucht, hat sie auf Vorrat: Shampoos, Duschgels, Deos, sonst findet sie keine Ruhe. „Aber es müssen nicht mehr zehn sein, wie früher“, sagt Lisa. „Ich bessere mich.“ Heute sind es nur noch fünf.
Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.