Paderborn  Carsten Linnemann: So tickt der neue CDU-Generalsekretär

Miriam Scharlibbe
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Von Miriam Scharlibbe
| 11.07.2023 18:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Auf die große Beförderung lauert Carsten Linnemann bereits seit Jahren. Foto: Michael Kappeler
Auf die große Beförderung lauert Carsten Linnemann bereits seit Jahren. Foto: Michael Kappeler
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Nicht mehr ganz so jung, wie er aussieht, dafür umso konservativer: Carsten Linnemann soll als neuer Generalsekretär die CDU wieder auf Kurs bringen. Doch Linnemann ist weder ein Newscomer, noch ein Gegenentwurf zu seinem Vorgänger.

Die vermeintlich größte Gemeinsamkeit zwischen CDU-Parteichef Friedrich Merz und dem neuen Generalsekretär Carsten Linnemann ist gar keine. Merz und Linnemann stünden sich nicht nur inhaltlich nah, sie kämen auch aus derselben Region, ließen diverse Medien kurz nach dem Bekanntwerden der Personalie verlauten. Das ist nicht nur ziemlich falsch, sondern auch eine ziemliche Kränkung für Sauerländer und Ostwestfalen.

Wer sich nun fragt, wo genau diese beiden märchenhaft klingenden Gebiete liegen, möge seinen Blick auf einer Landkarte zuerst auf Nordrhein-Westfalen richten, den oberen Teil, nahe der niedersächsischen Grenze. Ziemlich genau in der Mitte zwischen Hannover und Dortmund befindet sich entgegen anderslautender Internetgerüchte die Stadt Bielefeld. Südlich dieser Großstadt begegnet einem zuerst Paderborn, Geburtsort von Carsten Linnemann. Erst weitere 50 Kilometer südlich landen Sie in Brilon, der Heimat von Friedrich Merz.

Ostwestfalen-Lippe und das Sauerland in einen Topf zu werfen, wäre quasi so, als würde man dem Nordfriesen und dem Flensburger sagen, sie seien ja aus einem Holz geschnitzt. Oder als würden Sie den Emsländer in Osnabrück verorten.

Was genau verrät uns diese geographische Ungenauigkeit über die öffentliche Wahrnehmung des neuen CDU-Generalsekretärs? Dass Carsten Linnemann in der politischen Bundesrepublik bei Weitem nicht so bekannt ist, wie er selbst sich das vielleicht wünschen würde.

Denn kaum ein Politiker lauert schon seit Jahren und Jahrzehnten so sehr auf eine große Beförderung wie der Buchhändlersohn aus Paderborn. Der Namen Linnemann tauchte in der jüngsten Vergangenheit schon das ein oder andere Mal auf, wenn es darum ging Spitzenposten der CDU (wieder) neu zu besetzen.

Zuletzt war dies der Fall, als im Oktober 2021 über die Nachfolge von Armin Laschet an der Parteispitze diskutiert wurde. Schnell jonglierten Hauptstadtkorrespondenten und Talkshow-Moderatoren die immer selben Namen: Friedrich Merz, Jens Spahn, Norbert Röttgen. Da war es schon praktisch, wenn man diesen etwas unbekannteren Spieler ins Feld führen konnte.

Und nicht wenige trauten Linnemann schon damals alles zu. Einige sehen bis heute in dem Volkswirt, der im August 46 Jahre alt wird, die große Hoffnung der CDU. Ein Newcomer ist Linnemann aber sicher nicht mehr.

Er ist Berufspolitiker. Seit 2009 sitzt der Paderborner im Bundestag und hat sich derweil einen einen Namen gemacht im Politikbetrieb der Hauptstadt, unter Unternehmern in Nordrhein-Westfalen und immer häufiger auch als wirtschaftsliberale und konservative Stimme in Talkshows. Bei Markus Lanz ist Carsten Linnemann immer für einige pointierte Zitate gut. Er wagt sich gerne einen Schritt mehr nach vorne. Aber immer nur so viel, dass es ihm kurz Applaus einbringt, ihn aber nicht zu sehr verbrennt.

Im Bundestag hat er für Bundeswehreinsätze und gegen die Ehe für alle gestimmt. Er hat schon während der Sondierungsphase die Ampelkoalitionäre kritisiert und vor einer wachsenden Verschuldung gewarnt. 2019 forderte Linnemann öffentlich eine Migrationsquote für Schulen und, dass Imame in Deutschland bitte Deutsch sprechen sollten. Vielleicht hat sich Merz auch daran erinnert, als er sich jetzt fragte, wie die CDU sich im wachsenden Zuspruch für die AfD positionieren kann.

Für das Werben am ganz rechten Rand ist Linnemann allerdings der falsche General. Zumindest, wenn man seinen biographischen Spuren tiefer in die Vergangenheit folgt.

In Paderborn wurde in dieser Woche das Schützenfest gefeiert. Dafür nehmen in Ostwestfalen-Lippe auch junge Menschen an einem Montag Urlaub. Längst gibt es eine echte StartUp-Szene, Crossfit-Studios und hippe Boutiquen zwischen den Stadtbildprägenden Kirchen. Universität und private Wirtschaftshochschule, an der auch Linnemann studierte, ziehen Studenten an die Pader. Die ist mit ihren gut vier Kilometern Länge übrigens der kürzeste Fluss Deutschlands – echtes Insiderwissen für Stadt-Land-Fluss-Fans.

Und trotzdem pflegt und hegt die 150.000 Einwohner zählende Kreisstadt ihre Traditionen und das Bild, dass rund um den Dom die Welt doch noch in schöner Ordnung sei. Für Christdemokraten bedeutet das eindeutige Wahlsiege, eine starke Präsenz der katholischen Kirche von den Kindergärten über die Jugendarbeit bis hin zum einmal im Jahr stattfindenden Libori-Fest.

Dabei geht es eigentlich eine Sommerwoche lang um Kirmes, Live-Musik und sehr viel Bier. Aber der Ursprung des Festes geht auf das Jahr 836 zurück, als die Reliquien des Heiligen Liborius von Le Mans im Rahmen der damals üblichen Reliquientranslationen aus Frankreich in die Bischofsstadt Paderborn gebracht wurden. Als die Gruppe Geistlicher, die nach Le Mans aufgebrochen war, wieder Paderborn erreichte, geschah dies unter großer Teilnahme des Volkes. Bis heute zieht darum zur Libori ein Tross aus Kirchenobersten, Meßdienern und Schützen mit dem Reliquienschrein durch die Stadt.

Linnemann streut solche Details über seine Heimat nur dann ein, wenn es die vermeintliche Bodenständigkeit betont. So findet sich auch in jedem offiziellen Porträt der Hinweis auf das eine Jahr, das er in der elterlichen Buchhandlung gearbeitet hat.

Linnemann könnte auch andere Details von sich betonen, die so unglaublich gut zum Ursprungsbild eines guten CDUlers passen: Der Obergefreite Linnemann zum Beispiel, der Diplom-Kaufmann, Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung, Lehrbeauftragter für Makroökonomie. Überhaupt, die Wirtschaftsexpertise. Darauf setzt Linnemann seit Jahren, wenn es darum geht, sich von anderen Partei-Karrieristen abzusetzen.

Von 2013 bis 2021 war Linnemann Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) der CDU/CSU, der nach eigenen Angaben größte parteipolitische Wirtschaftsverband in Deutschland. Seit 2013 gehört er dem Bundesvorstand der CDU an, 2022 wurde er stellvertretender Bundesvorsitzender. Von 2018 bis 2022 war der Ostwestfale zudem stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Sein Netzwerk ist weit gespannt und hat ihn jetzt den Posten des Generalsekretärs gebracht.

Sein Vorgänger Mario Czaja konnte sich nur eineinhalb Jahre in dem Amt halten. Czaja war innerhalb der Partei nicht unumstritten. Einigen in der Partei galt der gebürtige Ost-Berliner als zu zurückhaltend für das Amt des Generalsekretärs. Das alleine ist aber noch keine Erklärung. Wenn ein Parteivorsitzender den Generalsekretär auswechselt, ist das ein Zeichen dafür, dass die Hütte brennt. Und die CDU hat sich noch lange nicht von der Pleite der letzten Bundestagswahl erholt.

Merkel-Kritiker Linnemann wird es sicher leicht fallen, sich gegen linke Stimmen und als Ampel-Treiber zu positionieren. Den Paderborner nun aber als rauflustig zu bezeichnen, wäre zu viel des Guten. Linnemann rauft sich immer genau so viel, wie es seinem Bekanntheitsgrad gut tut. Danach holt ihn das konservative Gewissen ein.

Er ist Politstratege und Überzeugungstäter. Damit wäre er vielleicht ein guter Generalsekretär einer Regierungspartei geworden. Aber im Bund sitzt die CDU nunmal auf der Oppostionsbank. Dort muss sie langsam anfangen zu beweisen, dass es ihr wirklich um die Sache geht.

Vielleicht ist es genau das, was Friedrich Merz im Sinn hat: eine echte, konservative Alternative zur Alternative für Deutschland bieten. Die schwarzen Schäfchen wieder einfangen, die zu weit nach rechts getrabt sind. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass Merz seine eigenen Felle schwimmen sieht und darum auf den Mann setzt, den er glaubt, am besten kontrollieren zu können.

Czaja wünschte seinem designierten Nachfolger übrigens „Energie und kluge Ideen“ für die Erfüllung seiner Aufgabe und dass die Partei „den eingeschlagenen Kurs der Öffnung und Weiterentwicklung von einer Mitgliederpartei zu einer Mitmachpartei, die sich für eine neue Zugehörigkeitskultur mit Maß und Mitte in der Breite der Gesellschaft stark macht, konsequent weiterverfolgt“.

„Ich glaube, dass wir gut gerüstet sind, mit einer Politik von Maß und Mitte Halt und Orientierung zu geben“, sagte übrigens schon Angela Merkel im Jahr 2016 in der ARD-Sendung „Anne Will“. Zuvor hatte sie ihre erneute Kandidatur für den CDU-Vorsitz und das Kanzleramt angekündigt.

Als Kritiker der späten Merkel-Ära wäre Linnemann daher gut beraten, sich etwas Neues auszudenken. 

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