Osnabrück  30 Jahre Kunsthalle Osnabrück: Zehn Highlights, an die wir uns erinnern

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 12.07.2023 10:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Dominikaner-Kirche in Osnabrück: seit 30 Jahren Kunsthalle der Stadt. Foto: Michael Gründel
Die Dominikaner-Kirche in Osnabrück: seit 30 Jahren Kunsthalle der Stadt. Foto: Michael Gründel
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30 Jahre Kunsthalle Osnabrück: Welche Ausstellungen haben das Haus geprägt? Eine Zeitreise in zehn Highlights – von 1993 bis 2019.

30 Jahre, drei Direktionen – die Geschichte der Kunsthalle Osnabrück ist durch Kontinuität geprägt. Auf den ersten Blick jedenfalls. 1993 übernimmt André Lindhorst als Gründungsdirektor das Haus. 2013 folgt auf ihn die Kuratorin Julia Draganovic, die das Haus bis 2019 leitet. So gegensätzlich diese Persönlichkeiten waren, so kontrastreich zeigen sich im Rückblick auch ihre Programme. Ein Rückblick auf die Zeit vor den gegenwärtig amtierenden Direktorinnen Anna Jehle und Juliane Schickedanz.

Was sagt sie uns denn nun, die Kunst? 1993 beginnt für das Publikum die Entdeckungsreise zur zeitgenössischen Kunst, wie sie in der Kunsthalle Osnabrück inszeniert wird. Kunst in der Kirche: Das Haus trägt zunächst noch den Namen Kunsthalle Dominikanerkirche. Wer das Haus besucht, geht zur „Doki“, so der liebevolle Spitzname, der erst unter Direktorin Julia Draganovic aus der Mode kommt. Die erste von inzwischen weit über 100 Ausstellungen ist ab Januar 1993 Arnulf Rainer gewidmet. Die übermalten Porträts und Kreuze Rainers sind Programm. Sie will eben entschlüsselt werden, die Kunst von heute.

André Lindhorst zeigt zunächst vertraute Größen einer Kunst, die vor 30 Jahren noch von ganz anderen Namen und Stilen dominiert wird. Emil Cimiotti gehört als Bildhauer zum Informel. Seine abstrakten Skulpturen passen mit ihren rauen Oberflächen perfekt in das Kirchenschiff. Der Ausstellungsort findet in den neunziger Jahren schnell zu seiner ganz eigenen Ästhetik mit den klassischen künstlerischen Medien Malerei und Skulptur. Die Leitung geht dabei zunächst auf Nummer sicher und vertraut bestens eingeführten Namen – wie dem Emil Cimiottis.

Zur Ära André Lindhorsts an der Kunsthalle Osnabrück gehört die Kunst im öffentlichen Raum. Wer erinnert sich noch an das Betonpodest auf dem Nikolaiort, das Lindhorst jahrelang mit wechselnden Skulpturen bespielte? Mit kleinem Team stemmte Lindhorst nicht nur das Ausstellungsprogramm für Kunsthalle und Stadtgalerie, er kümmerte sich auch um Kunst im öffentlichen Raum. Rainer Kriesters „Großer Nagelkopf“ von 1981/82 prägt bis heute den Platz vor der Kunsthalle – als Statement einer Kunst mit existenzieller Aussage.

Und wo bleiben die Künstlerinnen? Wer die Liste der Namen der ausgestellten Künstlerinnen und Künstler für die erste Zeit der Kunsthalle durchzählt, stellt sicher ein Übergewicht der Männer fest. André Lindhorst bot aber auch Frauen die Bühne seines Hauses, so etwa 2001 der Berliner Künstlerin Elvira Bach. 1997 gab es in Osnabrück eine Ausstellung des inzwischen nicht mehr vergebenen Gabriele-Münter-Preises zu sehen. Osnabrück zeigte damals die Aktionskünstlerin Valie Export und weitere Künstlerinnen in einer bewegenden Gruppenausstellung. Ein starkes Statement – und eine intensive Erinnerung an das kulturpolitische Engagement für Frauen.

Es gibt Künstler, für die Dezenz ein Fremdwort ist. Der Maler und Bildhauer Markus Lüpertz gehört sicher dazu. 2011 sind seine Skulpturen zum Thema David sowie Grafiken in Osnabrück zu bewundern. Auch wenn die meisten seiner Plastiken vergleichsweise handliches Format haben, so gibt es doch eine Figur von gehörigem Gewicht. André Lindhorst und seine Helfer wuchten den 600 Kilogramm schweren Koloss per Hand in die Senkrechte. Mitten auf der Vierung des Kirchenschiffs steht die Figur von Lüpertz – Visitenkarte eines der berühmtesten Bildhauer der Gegenwart und ein Stück weit auch ästhetische Visitenkarte der Ära von André Lindhorst in der Kunsthalle Osnabrück.

Mit Julia Draganovic beginnt eine neue Ära der Kunsthalle. Und das ist 2013 ganz wörtlich gemeint. Denn die Kuratorin, die aus dem italienischen Modena nach Osnabrück wechselt, entfernt aus der Kunsthalle die Wandpaneele, befreit die Fenster von ihren Abdeckungen. Der Clou: Mit dem Installationskünstler Michael Beutler wird ein Mann engagiert, der der Osnabrücker Kunsthalle das Markenzeichen für die nächsten Jahre gibt: das Objekt „Die Bank“. Die aus den entfernten Paneelen gefertigten Bänke laufen rund um das Kirchenschiff an der Wand entlang. Der Ausstellungsraum wird Arena für Performances. Das ist die neue Philosophie.

Das ist der Überraschungscoup der Ära Draganovic: Gemeinsam mit Christel Schulte, der Kuratorin für Lernen und Vermittlung, öffnet die Direktorin vor einer Umbauphase für eine Woche rund um die Uhr. Das Motto: Jeder darf kommen und kreativ sein. „24/7“: Der kurze Titel bezeichnet eine Woche im Juni 2014, die viele als magisch erinnern. Das Kirchenschiff der Kunsthalle verwandelte sich in einen Kreativraum für alle. Die künstlerische Leitung der Kunsthalle – sie begnügte sich darauf, das fröhliche Machen in Bahnen zu halten. Was als Dauerprogramm schlichte Beliebigkeit wäre, avancierte für eine Woche zum Augenöffner – für eine Kunsthalle als Möglichkeitsraum.

Performance war das Programm, Maria José Arjona ihr Star. Unter dem Titel „You are splendid!“ versammelt die Künstlerin Anfang 2016 ein Programm aus Performances und Ausstellungen. Der Vogelflug avanciert in ihrer Lesart zum Zeichen globaler Austausch- und Wanderungsbewegungen. Jenseits aller lehrhaften Programmatik entfaltet die Künstlerin eine Präsentation, die sich unablässig verwandelt und mit ihrer Sinnlichkeit bezaubert. Die Künstlerin mit der Vogelmaske – dieses Bild hat sich vielen Besuchern der Kunsthalle eingeprägt.

Huch, das Heger Tor ist dicht! Viele Osnabrücker regen sich auf, als Künstler Michael Johansson das Heger Tor, ein Wahrzeichen Osnabrücks, mit alten Möbeln bis auf einen Durchgang verstellt. „Konkret mehr Raum“: Unter diesem Titel bringt Julia Draganovic mit ihrem Team die Kunst in den Stadtraum. Während in der Kunsthalle Bildhauerin Susanne Tunn das Kirchenschiff der Kunsthalle mit einem silbern schimmernden Netz aus gegossenem Zinn neu definiert, arrangiert das Ausstellungsteam künstlerische Beiträge im Stadtraum – ein Novum für Osnabrück. „Konkret mehr Raum“: Ein absolutes Highlight in der Geschichte der Kunsthalle.

Wie sieht Kunst aus, die einfach Spaß macht, ohne mit bleischweren Thesen zu belasten? Der Schweizer Künstler Felice Varini führt es 2017 in Osnabrück vor. Varinis Spezialität sind scheinbar zusammenhanglose Figuren, die sich, von einem bestimmten Punkt aus gesehen, zu großen geometrischen Gebilden fügen. Auf Wände und Gewölbe des Kirchenschiffs der Kunsthalle zaubert Varini rote, auf die Dächer von Marienkirche und Bürgerhäusern am Markt blaue Kreise. Ein zauberhafter Moment in der Geschichte Osnabrücks – und nicht der einzige, den diese Stadt ihrer Kunsthalle verdankt.

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