Leer Zögert Energieversorger EWE Rückzahlungen für Strom und Gas hinaus?
Einige Kunden des Energieversorgers EWE warten weiterhin auf ihre Jahresabrechnung. Insbesondere jene, die voraussichtlich eine Rückzahlung erhalten. Ihr Vorwurf: Wer nachzahlen müsse, habe seine Abrechnung bereits erhalten. Was steckt dahinter?
Die EWE hat es immer noch nicht geschafft, den zeitlichen Rückstand bei ihren Jahresabrechnungen aufzuholen. Auf ihrer Internetseite vertröstet sie ihre Kunden ein ums andere Mal. Bis Ende Mai stand dort zu lesen: „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, auch die übrigen Rechnungen zu erstellen – dies wird voraussichtlich Ende Mai 2023 der Fall sein.“ Anfang Juni stand dort, dass es voraussichtlich bis Ende Juni dauern werde. Und jetzt, im Juli, heißt es: „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, auch die übrigen Rechnungen zu erstellen – dies wird voraussichtlich bis zum Ende des dritten Quartals der Fall sein.“ Also bis Ende September. Voraussichtlich.
Das Energiewirtschaftsgesetz verpflichtet Energielieferanten dazu, „spätestens sechs Wochen nach Beendigung des abzurechnenden Zeitraums dem Letztverbraucher die Rechnung zu stellen“ – bei der EWE kann das über ein halbes Jahr dauern, wie sie kürzlich auf eine Anfrage unserer Redaktion eingeräumt hat. Sie begründet das mit „der derzeitigen Situation am Energiemarkt mit den enorm kurzfristig umzusetzenden staatlichen Unterstützungsmaßnahmen“.
Unsere Zeitung hat wiederholt über Kunden berichtet, die nicht nur monatelang auf die Jahresabrechnung gewartet haben, sondern damit verbunden auf eine Rückzahlung der EWE in drei- bis vierstelliger Höhe. Kürzlich erzählten zwei EWE-Kunden, dass sie in ihrem Familien- und Bekanntenkreis von EWE-Kunden wüssten, die ihre Rechnung schon erhalten hätten – und nachzahlen müssten. Sie selbst und andere, die mit Rückzahlungen rechnen würden, hätten die Jahresabrechnung noch nicht.
Unsere Redaktion hat die EWE gefragt: „Arbeitet die EWE die Jahresrechnungen, die mit Zahlungsrückständen verbunden sind, gleichermaßen schnell ab wie die Jahresrechnungen, die mit Guthaben-Rückerstattungen an Kunden verbunden sind?“ Die Antwort des Unternehmens: „Es gibt bei der Reihenfolge, in der wir die Abrechnungen erstellen, definitiv keinen Zusammenhang zwischen Zahlungs- und Verbrauchsverhalten der Kundinnen und Kunden. Da die Abschlussrechnungen noch nicht vorliegen, wäre dieses gar nicht möglich. Daher werden unter den noch wartenden Kunden sowohl Kunden mit einer Nachzahlung an EWE als auch Kunden mit einem Guthaben sein.“
Dennoch stellt sich die Frage, ob der Zeitverzug bei den Jahresabrechnungen für die EWE finanziell vorteilhaft ist. Die steigenden Energiepreise haben im vergangenen Jahr dazu geführt, dass viele Kunden ihre monatlichen Abschlagszahlungen erhöht haben, über den Winter Energie gespart haben oder in andere Energiequellen wie Holzöfen und Solaranlagen investiert haben – und dann sanken die Energiepreise. Im Ergebnis dürfte es viele Strom- und Gasverbraucher geben, die jetzt ein Guthaben bei der EWE haben.
Wenn die EWE diese Rückzahlungen nicht in den gesetzlich vorgesehenen sechs Abrechnungswochen leistet, wird das Geld zu einer Art Darlehen, das die Kunden dem Unternehmen unfreiwillig gewährt haben. Sofern die EWE einstweilen auf den Einzug von Abschlagszahlungen verzichtet, stottert sie ihre Schulden ab. Wie verzinst die EWE das Geld?
Die Antwort des Unternehmens: „EWE stellt sicher, dass keinem Kunden ein finanzieller Schaden entsteht.“ Und: „In allen Fällen verzichtet EWE auf Zinszahlungen.“ Für Kunden mit Guthaben ist das jedoch ein Nachteil. Aber: „Auch bei Kunden, die im Jahresverlauf zu geringe Abschläge gezahlt haben und entsprechend mehr Leistungen bezogen als bezahlt haben, fallen keine Zinszahlungen an“, ergänzt die EWE.
Sollten sich Rück- und Nachzahlungen die Waage halten, dann ist das ein Null-Summen-Spiel für die EWE. Sofern aus den geschilderten Gründen (vorsichtshalber erhöhte Abschläge sowie Gas- und Stromeinsparung, verbunden mit sinkenden Strom- und Gaspreisen) aber die Guthaben von Kunden in Summe höher sein sollten als die Forderungen der EWE an Kunden, dann würde es sich für die EWE rechnen, den Energie-Bezug verspätet abzurechnen.
Die EWE könnte diesbezüglich mit Presseauskünften für Transparenz sorgen. Doch folgende Frage hat sie nicht beantwortet: „Wie hoch sind die Zinsvorteile der EWE durch die noch nicht zurückbezahlten Kunden-Guthaben?“ Und auch diese Frage hat die EWE nicht beantwortet: „Mit wie vielen Jahresrechnungen ist die EWE ungefähr noch in Verzug – also wie viele Jahresrechnungen sind seit über sechs Wochen fällig?“
Aus einem Interview unserer Zeitung mit dem EWE-Vorstandsvorsitzenden Stefan Dohler ging im vergangenen Sommer hervor, dass die EWE mindestens eineinhalb Millionen Kundenverträge hat. Denn jene waren damals in ein neues Informationstechnik-System überführt. Je nachdem, bei wie vielen Verträgen die EWE im Rechnungsrückstand ist, kann es im Falle von Kundenguthaben um Millionen-Beträge gehen. Eine Beispielrechnung: Wenn nur 10.000 Kunden auf durchschnittlich 100 Euro Rückzahlung warten, ergibt das eine Million Euro.
Den Kunden, auf die wegen der „Verzögerungen in der Rechnungserstellung und den bei einigen fehlenden Abschlägen“ eine Nachzahlung zukommt, verspricht die EWE: „Wir lassen sie damit nicht alleine. Wenn der Kunde sich frühzeitig nach Erhalt der Rechnung bei uns meldet, werden wir gemeinsam eine Lösung – vorrangig in Form einer zinslosen Ratenzahlung – finden.“
Dieser Artikel erschien zuerst in der Ostfriesen-Zeitung in Leer.