Bielefeld Vorbild für Integration: Wie Dilek Irmak eine Schule mit 80 Prozent Migrantenanteil leitet
Dilek Irmak ist in Bielefeld stadtweit die einzige Rektorin mit Einwanderungsgeschichte. An ihrer Schule haben rund 80 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Ein Problem? Keineswegs.
Ärzte, Rechtsanwälte, Uni-Professoren: Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind in vielen akademischen Berufen, Führungspositionen und auch in der Stadtpolitik längst auch in Bielefeld keine Seltenheit mehr. In der Schulleitung allerdings schon. Dilek Irmak ist da stadtweit die einzige Rektorin. Nicht nur das macht sie außergewöhnlich. Als sie 2016 an die Spitze der Südschule in Bielefeld wechselte, war sie mit damals 35 Jahren die jüngste Schulleiterin. „Und die Schule hatte damals einen schlechten Ruf und sinkende Anmeldezahlen“, berichtet die 42-Jährige.
Mittlerweile ist die Grundschule sehr gefragt, die Schülerzahlen sind kontinuierlich gestiegen. 80,6 Prozent der Kinder dort haben laut Angaben im Ganzheitlichen Schulentwicklungsplan der Stadt eine Zuwanderungsgeschichte. Das bedeutet, so die Definition, dass sie im Ausland geboren und nach Deutschland zugewandert sind, mindestens ein Elternteil im Ausland geboren ist oder in der Familie kein Deutsch gesprochen wird.
Irmak selbst ist in Bielefeld geboren; ihre Eltern stammen aus der Türkei. Ihre Mutter, „eine echte Powerfrau, die nonstop gearbeitet hat“, sei ihr großes Vorbild, sagt Irmak. Diese sei als 16-Jährige ganz allein und ohne Sprachkenntnisse als Gastarbeiterin nach Deutschland gekommen und habe alles getan, um ihren Kindern das zu ermöglichen, was sie selbst habe nicht erreichen können.
Lehrerin, vielleicht sogar Schulleiterin: Ihr Berufswunsch habe sich erst nach ihrem Abitur konkretisiert. „Eigentlich wollte ich Stewardess werden“, sagt Irmak. Dann aber bitte Pilotin, habe ihre Mutter gesagt. Sich ruhig hohe Ziele zu stecken, dafür anzustrengen und an sich zu glauben, habe sie von ihr gelernt. Das Vertrauen wolle sie auch ihren beiden Töchtern (16 und 20) und ihren Schülern mit auf den Weg geben. Verantwortung zu tragen, auf eigenen Beinen zu stehen, ihr Leben zu gestalten und etwas zu erreichen, das sei ihr schon früh wichtig gewesen. „Ich habe mit 19 geheiratet, mit 23 mein erstes Kind bekommen – da habe ich noch studiert“, sagt Irmak.
Anders als heute sei es seinerzeit nicht einfach gewesen, als Lehrerin eine feste Stelle zu bekommen. Neun Jahre lang habe sie als Vertretungskraft an unterschiedlichen Schulen gearbeitet und sich nebenbei unter anderem für die kommunale Integrationsstelle und ehrenamtlich in der Sprachförderung in Kitas engagiert. Dabei habe sie ganz unterschiedliche Systeme kennengelernt. Dann kam die Chance: Die Bielefelder Südschule suchte eine neue Schulleitung. Bevor sie zusagte, hatte sie schon einige schlaflose Nächte.
Mit viel Engagement und Herzblut schaffte Irmak es, aus der einst unbeliebten Schule eine mit sehr gutem Ruf zu machen. Ein einfaches Tool, das die Inhalte der Schulhomepage in viele verschiedene Sprachen übersetzt, Sprachkurse für Mütter, vorbereitende Projekte mit den Kita-Kindern aus der Umgebung, die zum neuen Schuljahr in die Grundschule kommen, digitaler Unterricht in der Coronazeit und vieles mehr: Auf ganz unterschiedliche Art und Weise holt Irmak alle mit ins Boot. Genau das sei das Erfolgsrezept. Und nicht nur ihres, das betont sie ausdrücklich. Das Ganze funktioniere nur dank des tollen Kollegiums. Aber auch an der Südschule sei nicht alles rosig, ganz klar.
„Aber manches lässt sich einfach nicht ändern, und man muss aus dem, was man hat, immer das Beste machen“, sagt die 42-Jährige. Aber wenn sich alle grundsätzlich wohlfühlen und wahrgenommen werden, sei schon viel gewonnen. Fairness, Ehrlichkeit, Höflichkeit, Mut, Fleiß, Hilfsbereitschaft, Aufmerksamkeit, Sorgsamkeit, Respekt, Pünktlichkeit und Ordnung: Auf einer großen Leinwand in ihrem Büro steht schwarz auf weiß, was wichtig ist für ein gutes Miteinander – und eine gute Schulzeit.
Auch die Einrichtung hier ist bemerkenswert, obwohl Irmak für die Ausstattung auch nicht mehr Budget hat als andere Schulleiter. Eine Sitzecke mit stylischen Samtsesseln, ein schlichter, weißer Besprechungstisch, graue Regalfronten, aufgearbeiteter Fischgrätparkett und Altbauflair, ein paar ausgewählte, persönliche Bilder und Lieblingsbücher: Der Raum kann locker mithalten mit dem, was man in angesagten Wohnmagazinen sehen kann.
Ihre Zuwanderungsgeschichte möchte Dilek Irmak nicht in den Vordergrund gestellt wissen, sondern ihre Kompetenzen und ihre Rolle als Multiplikatorin. Aber sie diene doch oftmals als Türöffner, um Eltern mit ins Boot zu holen. Dass ein Großteil der Kinder aus unterschiedlichen Herkunftsländern kommt, sei im Stadtteil durch die Industriegebiete schon sehr lange so – und habe sich nicht großartig verändert in den vergangenen Jahren. Stadtweit ist der Anteil der Schüler, die eine Zuwanderungsgeschichte haben, gestiegen. Er liegt bei 53 Prozent, so eine aktuelle Auswertung des Amtes für Schule. Bei den Grundschulen sind es sogar 62 Prozent.
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Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Westfälischen in Bielefeld.