Berlin Die AfD, das „Stern“-Interview und die Nazi-Buchstaben
Der „Stern“ interviewt AfD-Chefin Alice Weidel und druckt dazu das Wort „Hass“ in Fraktur. Ein AfD-Mann findet die Nazi-Anspielung falsch – aus ganz eigenen Gründen.
Erst stellt die AfD den Sonneberger Landrat; dann hebt der „Stern“ auch noch die Parteichefin aufs Cover. Jetzt ist die Aufregung groß. Normalisiert das die Partei? Oder ist sie eh so erfolgreich, dass es auf den „Stern“ auch nicht mehr ankommt? So etwa debattiert gerade das politische Berlin.
„Was können Sie eigentlich außer Hass, Frau Weidel?“, lautet der Titel der Geschichte, das Wort „Hass” in Frakturschrift gesetzt. Vielleicht auch in der Schwabacher. Auseinanderhalten kann die Schriftarten heute ja kaum noch einer. Den Nazi-Vorwurf versteht trotzdem jeder.
Die AfD kennt sich mit der Fraktur aber noch aus. Aus der baden-württembergischen Landtagsfraktion erreicht uns dazu eine Pressemitteilung. AfD-Mann Rainer Balzer wirft dem „Stern“ darin „geschichtsvergessene Manipulation“ vor. In aller Ausführlichkeit erklärt er dann, dass Hitler gebrochene Schriften wie die Fraktur in Wahrheit ablehnte und auf die moderne Antiqua setzte.
In ihrer Typografie, sagt der AfD-Vertreter also, werden die alten Nazis hier missverstanden. Dass er mit den neuen Nazis nichts zu tun haben will, sagt er nicht. Stört den Mann etwa nur die Schriftfrage? Nicht der Nazi-Vorwurf selbst? Auf den sollte er vielleicht auch reagieren – angesichts einer Parteichefin, die bei der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen allen Ernstes an einen „Schuldkult“ glaubt.
Man könnte das AfD-Schreiben lustig und selbstentlarvend finden. Wenn man nicht wüsste, dass die all schillernden Formulierungen zum Nazismus am Ende auch ein Publikum finden, das eben nicht nur den Protest wählen will – sondern den Nazismus. Diesen Tonfall hat die Partei perfektioniert. Das gilt auch für die aktuelle Pressemitteilung, die das „Stern“-Team als „Hamburger Tintenstrolche“ schmäht. Für heutige Ohren klingt das womöglich nach Goebbels, tatsächlich stammt die Wendung vom Hitler-Gegner Karl Kraus.
Über dieses Stöckchen sollte man also nicht springen. Stattdessen greift man vielleicht besser die historische Belehrung auf. Wenn der AfD-Ehrenvorsitzende die Nazis und Hitler das nächste Mal als „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ bezeichnet, druckt man das korrekterweise in Antiqua.