Berlin  Zivile Beschäftigte: Wie viele Beamte braucht es pro Bundeswehr-Soldat?

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 30.06.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Es sind nicht nur Kampfeinsätze, bei der Bundeswehr fällt für Soldaten und zivile Beamte auch ordentlich Schreibtischarbeit an. Foto: IMAGO-Images / Stefan Trappe
Es sind nicht nur Kampfeinsätze, bei der Bundeswehr fällt für Soldaten und zivile Beamte auch ordentlich Schreibtischarbeit an. Foto: IMAGO-Images / Stefan Trappe
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Um die Landesverteidigung zu gewährleisten, braucht die Bundeswehr nach eigenem Ermessen rund 20.000 zusätzliche Soldaten. Doch auch der zivile Bereich soll ordentlich wachsen. Ist das wirklich nötig?

Die Bundeswehr wirbt gerne mit ihren Berufsbildern von A bis Z. Von Arzthelfer bis zu den zivilen Mitarbeitern in der Verwaltung. Während die Soldaten gewissermaßen an vorderer Front kämpfen, üben und theoretisch ihr Leben riskieren müssen, soll eine andere Truppe im Hintergrund dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Etwa 69.000 zivile Beschäftigte kümmern sich um die rund 183.000 Soldaten.

Mit Auszubildenden und Anwärtern sind es sogar knapp 81.000 Menschen im zivilen Bereich, wie Zahlen des Verteidigungsministeriums belegen. Sie sitzen in Verwaltungen, Küchen oder Werkstätten. Und es sollen wieder mehr werden. Auf insgesamt 73.000 Beschäftigte soll der zivile Bereich bereits bis 2027 wachsen. Hintergrund: Der militärische Teil wird nach Plänen des Ministeriums ebenfalls deutlich größer. Bis 2031 sollen 203.000 Soldaten im Dienst stehen. 

Allerdings war auch der zivile Bereich schon mal weit größer als aktuell. „Es wurde jahrelang Personal abgebaut”, erinnert die Vorsitzende des Verbandes der Beamten und Beschäftigten der Bundeswehr (VBB), Imke von Bornstaedt-Küpper. 30 Jahre schrumpften alle Bereiche der Bundeswehr. Das „konnte mit Blick auf die aktuelle sicherheitspolitische Lage und den daraus erwachsenden Anforderungen an die Streitkräfte so nicht fortgesetzt werden”, erklärt die Verbandsvorsitzende weiter.

Zudem nehmen viele Soldaten auch zivile Aufgaben wahr. Etwa Dienstposten im Ministerium oder militärfremde Aufgaben in Kasernen: Ein besonderes Ärgernis für von Bornstaedt Küpper: „Soldatinnen und Soldaten nehmen an zu vielen Stellen zivile Aufgaben wahr. Stattdessen fehlen sie bei der Wahrnehmung originärer militärischer Aufgaben in der Truppe”, kritisiert sie.

Vielfach seien sie dafür aber gar nicht geeignet: „Sie versperren dabei nicht nur die Karrierewege von Zivilbeschäftigten. Gravierender ist es, dass Soldaten und Beamte sehr unterschiedliche Ausbildungen haben. Beamtinnen und Beamte haben eine stärkere Bindung an Gesetz und Recht und wurden entsprechend ausgebildet”, kritisiert sie.

Insgesamt zählt die Truppe schon jetzt zu den größten Arbeitgebern des Landes. Mehr als die Hälfte der beim Bund angestellten Menschen ist bei der Bundeswehr, es sind mehr Mitarbeiter als etwa die Deutsche Bahn oder die Evangelische Kirche haben.

Aber warum braucht es plötzlich so viele Zivilisten mehr? Muss auf jeden dritten Soldaten wirklich ein ziviler Mitarbeiter kommen? Während das Ministerium mit einer eigenen Bedarfsanalyse argumentiert, wird der VBB konkreter: Die Rückbesinnung auf die Bündnis- und Landesverteidigung ziehe einen ganzen Rattenschwanz an Aufgaben nach sich, die durch Beamte gewährleistet werden müssen. Mehr Soldaten brauchten beispielsweise mehr Köche, mehr Personal bedeute insgesamt auch mehr Aufgaben in der Verwaltung.

Ein Beispiel: Jeder Bewerber, der bei der Bundeswehr anfangen will, wird vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) überprüft, um mögliche extremistische Gesinnungen auszuschließen. Eine zeitraubende Aufgabe, der das Amt dem Vernehmen nach schon jetzt nur schwer hinterherkommt. Immerhin sollen jährlich rund 20.000 neue Soldaten zur Bundeswehr stoßen. Jeder einzelne wird vom militärischen Nachrichtendienst überprüft. Eine gewaltige Aufgabe für ein Amt mit „nur“ rund 1300 Mitarbeitern.

Doch die zivilen Beschäftigten sind auch andernorts zu finden, wie die VBB-Vorsitzende erläutert: Gerade bei Infrastruktur-Entscheidungen brauche es in der Folge mehr ziviles Personal. So wie vergangenes Jahr, als der Bund die Warnow-Werft in Rostock-Warnemünde übernahm. Und auch der neue Bundeswehrkampfjet F-35 werde zivilen Sachverstand benötigen. Für das Flugzeug braucht es Hallen, Werkstätten und dann auch Techniker, die sich um die Einsatzbereitschaft kümmern.

Insgesamt ließe sich wohl sagen: Was in der Verwaltung 30 Jahre lang nach und nach abgebaut wurde, soll nach und nach zurückkehren. Aber dazu braucht es dann auch Platz, neue Räume, vielleicht sogar ganz neue Standorte? Noch vor Jahren hatte die Truppe in vielen Städten große Dienstleistungszentren. Die sind mittlerweile verschwunden.

An einen großen Wurf beim Wiederaufbau glaubt von Bonstaedt-Küpper allerdings nicht. „In dieser Legislaturperiode werden sicherlich keine großen Infrastruktur-Entscheidungen mehr getroffen”, sagt sie. Der politische Fokus liege zunächst auf einer vernünftigen Ausrüstung für die Soldaten – und damit doch bei der Truppe im engeren Sinne.

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