Hamburg Personalmangel bei der Bundeswehr? Ja, aber nicht überall
Das Personalproblem der Bundeswehr ist mittlerweile in aller Munde, Tausende Soldaten fehlen. Dennoch könnten qualifizierte Bewerber abgelehnt werden. Denn in einzelnen Bereichen ist die Truppe ganz gut aufgestellt.
Der Zeitpunkt, um sich bei der Bundeswehr zu bewerben, scheint derzeit so günstig wie nie. Die Löhne im öffentlichen Dienst steigen und die Streitkräfte der Bundesrepublik gewinnen zunehmend an Ansehen. Der russische Angriff auf die Ukraine hat vielen Bürgern die Sinnhaftigkeit der Bundeswehr neu vor Augen geführt. Dass mehr als 100.000 Besucher zum Tag der Bundeswehr alleine ins niedersächsische Bückeburg kamen, ist dafür nur ein Indiz. Tarnfarben wirken plötzlich schick.
Doch was potenzielle Bewerber am meisten locken dürfte: Die Bundeswehr sucht sie auch händeringend. Zu viele offene Stellen und zu wenig Soldaten für eine umfassende Bündnis- und Landesverteidigung bereiten den Verantwortlichen in und um das Verteidigungsministerium Kopfschmerzen.
Es sind derart viele Stellen, dass derzeit bei der CDU eine Dienstpflicht gefordert wird und die Wehrbeauftragte sich zumindest für eine verpflichtende Musterung von jungen Erwachsenen starkmacht – ob diese dann wirklich bei der Bundeswehr Karriere machen wollen, bliebe ihnen selbst überlassen.
Sofern nicht auf den Kopf gefallen, klingt das beinahe schon wie eine Jobgarantie für jeden Bewerber. 36.000 gab es von ihnen 2022, knapp 19.000 durften bei der Truppe anfangen. Mehr als jeder Zweite also. Allerdings braucht die Bundeswehr jedes Jahr mehr als 20.000 neue Soldaten, wenn sie weiter wachsen soll – so wie politisch gewünscht.
Und dennoch wurden zuweilen auch potenzielle Fachkräfte abgelehnt, weil es für sie doch keinen Platz in der Bundeswehr gab. „Das stößt natürlich erst einmal auf Unverständnis. Überall wird gesagt, die Bundeswehr sucht Personal und dann haben wir doch genug”, räumt Stephan Küttler ein. Der Kapitän zur See ist beim Personalamt der Bundeswehr Unterabteilungsleiter für Personalgewinnung.
Denn wie eine Nachfrage unserer Redaktion beim Verteidigungsministerium ergab, gibt es den Personalmangel bei weitem nicht überall: „Im Bereich der Offizierinnen und Offiziere ist die Bundeswehr in der überwiegenden Anzahl von Verwendungs-/Tätigkeitsbereichen relativ gut aufgestellt und verfügt über einen hohen Einstiegsanteil an Frauen von rund 20 Prozent”, so eine Sprecherin.
Bei den Panzergrenadieren, Feldjägern, der Flugabwehr oder auch beim Nachschub und Transport hat die Truppe kaum Grund zu klagen. Auch im Sanitätsdienst bei den Ärzten – jenem einzigen Bereich, in dem fast so viele Frauen wie Männer zu finden sind – „ist die Personallage grundsätzlich sehr zufriedenstellend”. Wenig überraschend: Gerade das Medizinstudium über die Bundeswehr zieht noch immer an, einen Numerus Clausus gibt es hier nicht.
So kann es immer mal passieren, dass ein Bewerber trotz Qualifikation und bester Absichten nicht zu der nur scheinbar so personalarmen Bundeswehr stoßen kann. Denn zuweilen wird dabei der Einstiegszeitraum zum Fallstrick, wie Küttler erklärt. Logisch: In der durchgetakteten Soldaten-Ausbildung können nicht zu jedem Zeitpunkt Neueinstellungen vorgenommen werden.
Ein Einstellungsstopp für bestimmte Berufe gilt jedoch nicht. „Eine große Organisation wie die Bundeswehr hat per se immer offene Stellen”, teilt das Ministerium mit. In der Praxis sind es dann meist die Karriereberater, die potenziellen Rekruten andere Berufswege schmackhaft machen, sollte der „Traumjob“ im Panzer gerade nicht frei sein.
Doch wo fehlen der Truppe denn vor allem die Fachkräfte? Laut Verteidigungsministerium sind es vor allem Hubschrauber- und Flugzeugpiloten, also Stellen mit besonders hohen geistigen und körperlichen Anforderungen. Auch die Marine könnte mehr Leute gebrauchen, die langen Zeiten auf hoher See schrecken jedoch viele potenzielle Bewerber ab.
Bei den Sanitätern kämpft die Bundeswehr als Arbeitgeber mit der Konkurrenz aus dem zivilen Bereich. Und besonders Techniker und Informatiker, die mit ihrer Expertise in der freien Wirtschaft noch bessere Verdienstmöglichkeiten haben, sind bei der Truppe Mangelware.
Zugleich ist es kein Zufall, dass gerade in den höheren Laufbahnen bei den Offizieren die Lage ganz gut aussieht. Auch hier zeigt sich bei der Bundeswehr exemplarisch, womit die Gesellschaft insgesamt zu tun hat. Der Anteil an Abiturienten wird immer größer, wer mit dem höchsten Schulabschluss in der Tasche zur Bundeswehr kommt, lässt sich nur schwer für den Weg des Unteroffiziers oder in den Mannschaften begeistern.
Ein Forschungsbericht des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr wertete aus, dass 2022 knapp zwei Drittel der erfolgreichen Bewerber über eine Hochschulzugangsberechtigung verfügten.
Für die Bundeswehr seien Bewerber jeder Schulabschlüsse von Interesse, betonte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Rande eines Termins beim Personalamt. „Deswegen sprechen wir auch alle gezielt an.“
Doch ob die Werbung auch zum Bedarf passt? In der Praxis läuft das durch aufwendige, multimediale Image- und Recruitingkampagnen. Gerade beim Image setzt die Bundeswehr jedoch weiter auf Hochglanzbilder, Kampfeinsätze und epochale Musik. „Deutschland braucht eine starke Bundeswehr – arbeite mit uns daran“, heißt die aktuelle Kampagne. Dass dazu etwa auch die IT-Spezialisten gehören, deren Arbeit zuweilen weniger spektakuläre Bilder hervorbringt, geht jedoch manches Mal unter.