Alte Blücherkaserne  Stadt Aurich will Kaserne jetzt kaufen

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 22.06.2023 20:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Langsam nimmt die Entwicklung in der alten Blücherkaserne Fahrt auf. Foto: Romuald Banik
Langsam nimmt die Entwicklung in der alten Blücherkaserne Fahrt auf. Foto: Romuald Banik
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Seit Jahren wird über die Umwandlung der alten Kaserne in einen Stadtteil diskutiert. Nun wird die Zeit knapp.

Aurich - Ein neuer Stadtteil soll auf dem Gelände der ehemaligen Blücherkaserne entstehen. Darüber diskutiert wird seit Jahren, viel passiert ist indes noch nicht. Nun scheint Bewegung in die Sache zu kommen: Für knapp 1,4 Millionen Euro wird die Stadt Aurich über 180.000 Quadratmeter des insgesamt knapp 40 Hektar großen Areals kaufen. Geplant ist, die Flächen an den Investor Norbert Dittel (Terra Nova, Bremen) weiterzureichen. Ausgenommen davon sollen nur die Flächen für Straßen, Regenrückhaltebecken und Grünzüge sein. Diese bleiben bei der Stadt.

Einstimmig fiel der Empfehlungsbeschluss, das Gelände zu kaufen. In der kommenden Woche muss der Rat noch zustimmen. Damit hörte die Einigkeit dann aber auch schon auf. Denn in Teilen der Politik sind Zweifel aufgekommen, ob es klug ist, das Wohl und Wehe der Kaserne an einen einzigen Investor zu hängen.

Viele Kommunen wandeln Kasernen selbst um

Norbert Dittel hatte sein Konzept im März dieses Jahres vorgestellt. Kern des Ganzen soll demnach ein riesiges Pflegeheim für bis zu 250 Senioren werden, das im Divisionsgebäude entstehen soll. Gunnar Ott (Grüne) äußerte die Kritik deutlich. „Ein Altersheim in der Mitte der Kaserne ist zu wenig.“ Man werde nie wieder eine so große Fläche im Innenstadtbereich komplett überplanen können. Das sollte die Stadt nicht einem Investor überlassen. Rund 70 Prozent der Kommunen würden die Konversion alter Kasernen selbst in die Hand nehmen. „Wir haben hier die Chance für ein modernes Stadtzentrum.“ Der Investor sei ihm suspekt, so Ott.

Kritik an der Entwicklung der Kaserne kam auch von Bodo Bargmann (CDU). Er forderte zwar nicht, dass die Stadt den Bereich selbst entwickeln solle. Denn der Rat habe beschlossen, es dem Investor zu überlassen. „Wir werden mit dem Kasernengelände kein Geld verdienen“, so Bargmann, der vor allem die finanziellen Risiken im Blick hat.

Vorwurf: Verwaltung hat Konversion der Kaserne verschleppt

Denn die 1,4 Millionen Euro, die nun investiert würden, seien nur der Anfangswert vor der Sanierung. „Einige lassen sich von dem niedrigen Ankaufspreis blenden.“ Es sei aber auch der Wert der Kaserne danach berechnet worden. „Und dieser Ausgleichsbetrag sind 14,6 Millionen Euro.“ Diese Summe müsste dann irgendwie von der Stadt erzielt werden. Die Finanzen sind aber nicht der einzige Kritikpunkt von Bodo Bargmann in Sachen Kaserne. Schon im Finanzausschuss am Dienstag war der Kauf der Kaserne durch die Stadt Aurich auf der Tagesordnung. Als dessen Vorsitzender konnte Bargmann dort aber nichts dazu sagen. Das holte er als einfaches Mitglied des Bauausschusses einen Tag später nach.

Im alten Divisionsgebäude sollen bis zu 250 Senioren untergebracht werden. Foto: Romuald Banik
Im alten Divisionsgebäude sollen bis zu 250 Senioren untergebracht werden. Foto: Romuald Banik

Vier Jahre lang sei in Bezug auf das Kasernengelände nichts gemacht worden. Im Jahr 2019 habe die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) als Besitzerin des Geländes ein Interessenbekundungsverfahren durchgeführt. Seitdem sei nichts passiert. „Von der Verwaltung ist einiges verschleppt worden, auch Teile des Rates waren daran beteiligt“, so Bargmann. Ausdrücklich nahm er den jetzigen Stadtplaner Mirko Wento aus der Kritik heraus. Seitdem dieser im Amt sei, hätten die Dinge Fahrt aufgenommen, so Bargmann.

Risiken in alten Gebäuden

Gemeint sein dürften daher eher die frühere Fachbereichsleiterin Irina Krantz und die ehemalige Planungsamtsleiterin Anna Heimlich. Das führte Bargmann aber nicht näher aus. Auch Namen der Ratsmitglieder, die die Konversion verhindert hätten, nannte er nicht. Er betonte aber die Risiken des Unternehmens. Neben den hohen Kosten, die entstehen könnten, gebe es auch im Bestand der alten Gebäude weitere Risiken. Ein Beispiel seien die drei Gebäude, die derzeit vom Landkreis Aurich für die Flüchtlinge genutzt werden.

„Die Stadt Aurich garantiert dort die Energieversorgung“, so Bargmann. In diesen Gebäuden befänden sich derzeit zwei Gaskessel aus dem Jahr 2003 mit einer Leistung von 4500 Kilowatt. Zum Vergleich: In Einfamilienhäusern kommen Thermen mit einer Leistung von rund 20 Kilowatt zum Einsatz. „Was passiert, wenn einer dieser Kessel Hopps geht?“, fragt Bargmann. Eine sorge, die Gunnar Ott ihm nehmen konnte. „Diese Großkesselanlagen sind für Laufzeiten bis zu 50 Jahre ausgelegt.“

Ohne Kauf steht Projekt vor dem Aus

Zustimmen musste er dem Projekt wie der Rest des Ausschusses am Ende doch. Denn die Politik ist, wie schon zu Zeiten von Irina Krantz, im Zugzwang: Werden bestimmte Fördermittel nicht ausgegeben, dann verfallen sie. Die gesamte Konversion der Kaserne muss zwar erst bis Ende 2032 abgeschlossen und abgerechnet sein. Doch schon Ende dieses Jahres können vier Millionen Euro an Fördergeldern verfallen, wenn nicht genug Geld ausgegeben wird.

„Wir müssen endlich ins Bauen kommen“, so Mirko Wento. Die Stadt wolle anfangen, Straßen, Wege und Regenrückhaltebecken anzulegen. Das dürfe sie aber laut den Förderrichtlinien nur, wenn ihr der Grund und Boden auch gehöre. „Wenn nicht gekauft wird, steht ein großes Fragezeichen hinter dem gesamten Projekt“, sagte Wento bereits im Finanzausschuss. Einen Tag später klingt das noch entschiedener bei ihm: „Die Alternative wäre, sich von dem Projekt zu verabschieden.“ Es brauche einfach den Beschluss zum Kauf des Kasernengeländes, mit dem 1,4 Millionen Euro ausgegeben werden.

Dem Vorhaben folgte der Ausschuss einstimmig, zumal die Forderung zum Kauf des Geländes von Teilen des Rates schon vor vielen Jahren erhoben worden war, als es der Stadt wirtschaftlich noch hervorragend ging. Euphorisch ist derzeit wohl kein Ratsmitglied. „Aber Mut und Zuversicht sind angebracht“, so Hendrik Siebolds (Linke). Man habe keine andere Wahl, sagte Richard Rokicki (AWG). „Es müssen jetzt endlich Raupen und Bagger auf dem Kasernengelände rollen.“

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