Berlin Lisa und Lena: Wer sind die Top-Influencerinnen, die jetzt sogar das Kino erobern wollen?
Auf Instagram und TikTok haben die Influencerinnen Lena und Lisa Millionen von Fans. Vielen Erwachsenen dürften sie trotzdem unbekannt sein. Und das, obwohl sie längst zum „Wetten, dass ..?“-Team gehören.
19 Millionen Instagram-Follower, 13 Millionen TikTok-Fans: Lena und Lisa sind Deutschlands größte Social-Media-Stars. Jetzt wechseln sie ins Kino: Ihr erster Film heißt „Get up“ und erzählt von vier Skaterinnen und dem letzten Sommer der Jugend. Im Interview erklären die Zwillinge, warum sie sich Erwachsenen immer noch gern vorstellen – und was sich geändert hat, nachdem Lena auf offener Straße überfallen worden ist.
Frage: Lena und Lisa, ich freue mich, Sie kennenzulernen – und besonders freue ich mich, dass der Anlass so ein überraschend guter Film ist.
Antwort: Lisa: Danke!
Antwort: Lena: Und danke, dass Sie „überraschend“ sagen! Das ist so ein Kompliment! Wir wollten ja überraschen.
Frage: Was ich meinte: Wenn zwei Instagram-Zwillinge ihren ersten Film drehen, könnte man ein Starvehikel befürchten. Und das ist der Skaterfilm „Get up“ gerade nicht geworden.
Antwort: Lena: Eben – wir haben nicht ohne Grund zwei Jahre Schauspielunterricht genommen; wir wollten nicht einfach nur einen schnellen Influencer-Film drehen.
Frage: Die Youtuber „Die Lochis“, ebenfalls Zwillinge, haben zuletzt eine Verwechslungskomödie im Stil des „Doppelten Lottchen“ gedreht. Hat man Ihnen sowas nicht vorgeschlagen?
Antwort: Lisa: Natürlich hatten wir vor diesem Filmprojekt schon andere Anfragen: „Hanni und Nanni 2“, „Das doppelte Lottchen“. Aber hey – das gibt es alles schon. Natürlich spielen auch wir Zwillinge; wir sind ja welche. Aber es war uns wichtig, dass der Fokus nicht nur auf uns liegt und dass es vier Hauptcharaktere gibt.
Antwort: Lena: Und wir wollten nicht diese cheesy (etwa: kitschig, Anm. d. Red.) Geschichte von Zwillingen spielen, die alle reinlegen und immer gut drauf sind. Wo bleibt der Abnabelungsprozess? Kindergarten, Schule, Arbeit – wir waren immer zu zweit. Wenn man als Zwilling groß wird und nie allein war, ist es nicht so leicht, sich selbst zu finden. Zu einer Zwillingsgeschichte gehört das auch dazu.
Hier sehen Sie den Trailer zu Lisas und Lenas Skaterfilm „Get up“:
Frage: Haben Sie dann überhaupt noch Lust, gemeinsam Interviews zu geben? Hätte ich nur eine Schwester anfragen sollen?
Antwort: Lisa: Wir machen das gern zusammen. Den Film haben wir ja auch zusammen gedreht. Er ist erstmal unser letztes gemeinsames Projekt und wir genießen noch mal alles, das wir zusammen machen. Danach wollen wir jeder für uns arbeiten; und dafür müssen wir erstmal rausfinden: Wer bin ich eigentlich ohne Lena, wenn ich allein bin?
Frage: Der Film erzählt von einer Teenager-Welt, in der man viel Zeit mit Freunden verbringt, die Eltern enttäuscht, alles Mögliche ausprobiert und immer wieder scheitert. Ist das das Leben, das Sie über dem frühen Erfolg verpasst haben?
Antwort: Lena: Ich bin eigentlich dankbar, dass alles so früh passiert ist. Mir wurde schneller klar, auf was es im Leben ankommt. Wir sind sehr früh in eine Erwachsenenwelt gekommen und haben viel gelernt, das wir sonst erst jetzt mit 21 Jahren gelernt hätten. Als wir in Social Media bekannt wurden, war TikTok – das damals noch Musical.ly hieß – keinem ein Begriff, genauso wenig wie Influencer. Wir sind da so reingerutscht und haben erst dabei gelernt, was das alles bedeutet.
Antwort: Lisa: Und wir hatten Mama und Papa dabei, die auf uns aufgepasst haben. Wir haben nicht alles gemacht, was möglich war. Unsere Eltern haben darauf geachtet, dass es nicht zu viel wird. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt Eltern, die ihre Kids jedes Angebot annehmen lassen. Für unsere war das Wichtigste, wie es uns geht.
Hier sehen Sie ein typisches TikTok-Video von Lisa und Lena:
Frage: Bei Instagram erreichen Sie ein junges Publikum. Die Elterngeneration dürfte Sie das erste Mal wahrgenommen haben, als Sie bei „Wetten, dass ..?“ hinter den Kulissen mitmoderiert haben. Wollten Sie bewusst ein neues Publikum erreichen?
Antwort: Lisa: Wir haben nie eine Strategie – wir machen einfach. Jedes Management rollt darüber die Augen. Aber wir sind gut damit durchgekommen. „Wetten, dass ...?“ haben wir immer mit der Family geschaut, genau wie „Verstehen Sie Spaß“. Es war cool, dabei zu sein. Uns wird viel angeboten, was strategisch besser wäre. Vor einigen Jahren wollte Disney mit uns arbeiten. Aber damals hat es nicht gepasst; und dann sagen wir eben ab.
Frage: Thomas Gottschalk hat mehrfach betont, wie schwer er sich mit Influencern und Reality-Stars tut, weil er diese Welt nicht kennt und nicht an ihre Haltbarkeit glaubt. Umgekehrt war es dann aber wohl nicht so, dass Sie Gottschalk erst googeln mussten?
Antwort: Lisa: Ich nehme das Gottschalk gar nicht übel. Wenn man Social Media nicht nutzt, lernt man eben auch keine Social-Media-Leute kennen. Außerdem soll das auch nicht für immer unser Beruf sein; ja, Social Media war unser Türöffner – Schauspielerei und Moderation machen uns aber viel mehr Spaß.
Frage: Was Gottschalk ausdrückt, empfinden wahrscheinlich viele: Innerhalb einer Generation haben Sie eine fast hundertprozentige Bekanntheit – aber Älteren müssten Sie sich erklären.
Antwort: Lisa: Ich finde es gut, wenn ich mich Leuten noch vorstellen kann. Wenn du denkst, dass jeder dich kennen müsste, hast du ein Problem.
Frage: Diejenigen, die Sie kennen, sind dann sehr nah an Ihnen dran. Zu Instagram gehört es, dass man sich privat und nahbar gibt. Gibt es Momente, in denen Fans Ihnen zu nah kommen?
Antwort: Lena: Wir haben früh gelernt, Grenzen zu ziehen. Die Leute wissen, was zu weit geht. Natürlich wird man trotzdem manchmal mit zu privaten Fragen konfrontiert. Die beantworten wir dann einfach nicht.
Frage: Trotzdem ist es schon zu einer massiven Grenzüberschreitung gekommen. Lena soll sogar physisch attackiert worden sein.
Antwort: Lena: Ganz gecheckt habe ich die Situation, glaube ich, immer noch nicht. Wahrscheinlich hätte das jedem passieren können. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal angegriffen werde. So was liest man in der Zeitung. Das passiert einem nicht selbst. Ob es daran lag, dass ich bekannt bin, weiß ich bis heute nicht.
Antwort: Lisa: Wir wussten immer, dass unsere Präsenz so was provozieren kann. Es hacken ja auch Leute auf Social Media auf einem rum. Dass Lena das passiert ist, war trotzdem ein Schock – für uns beide. Aber wir wollen uns nicht verstecken. Ich bin so stolz darauf, wie offen Lena damit umgeht. Es gibt Leute, die solche Sachen machen und es ist wichtig, aufeinander aufzupassen.
Frage: Verfolgt Sie das? Sichern Sie sich seitdem mehr ab?
Antwort: Lena: Wir sind 21 Jahre alt. Ich will nicht für den Rest meines Lebens mit Security rumlaufen.
Antwort: Lisa: Wir fahren immer noch mit der Bahn, aber bewusster. Vorher gab es mal eine Situation, in der eine Männergruppe sich über uns lustig gemacht hat. Damals bin ich noch auf die zugegangen und habe gefragt: Was war das? Sagt mir das noch mal ins Gesicht! Das traue ich mich heute nicht mehr, weil ich Schiss habe, dass die auf mich losgehen.
Frage: Was genau ist damals eigentlich passiert?
Antwort: Lena: Ich wurde einfach auf der Straße verprügelt. Und ich bin froh, dass nicht mehr passiert ist. Eine Sache ist mir daran wichtig, und deshalb spreche ich auch darüber: Wir müssen so was ernst nehmen. Ich konnte die Situation damals nicht reflektieren. Ich war total lost (etwa: verloren, Anm. d. Red.) und hatte beim Job niemanden, der es ernst genommen hätte. Ich hatte ein blaues Auge und ein geschwollenes Gesicht – und es ging nur darum, wie man das überschminkt.
Antwort: Auf eine Weise bin ich sogar froh, dass es passiert ist. Das war ein Weckruf. In diesem Business schafft man es nur mit Werten. Ich weiß, dass es keiner böse gemeint hat. Aber nach der Erfahrung habe ich bei relativ vielen Leuten einen Schnitt gemacht. Ich habe damals noch drei Tage durchgearbeitet – mit einer Gehirnerschütterung und einem geprellten Jochbein. Wann wird man ernst genommen? Erst, wenn man im Krankenhaus liegt?
Frage: Spiegeln Sie solche Erfahrungen auch auf Ihren Kanälen?
Antwort: Lisa: Auf Social Media gibt es so viel Negatives. Wir wollen was Positives dagegensetzen. Aber wir faken nichts. Wenn es mir nicht gut geht, poste ich nichts. Wenn es was Ernstes gibt, machen wir auch einen Real Talk. Es ist wichtig, dass man authentisch ist und auch mal sagt: Es ist nicht immer alles gut. Aber wir passen auf, dass wir das nicht in der Situation machen und Heul-Videos einstellen oder die Kamera laufen lassen, wenn wir richtig sauer sind. Sowas machen wir nur reflektiert.
Antwort: Lena: Den Vorfall damals habe ich kurz angesprochen; wer es wissen will, der weiß es. Aber ich will keine Reichweite damit machen. Ich werde das nicht vermarkten. Manchmal ist es schwierig, da die Balance zu finden, weil man sich bei solchen Themen natürlich auch für die Sache einsetzen will. Aber das wird schnell falsch aufgefasst.
Antwort: Lisa: Jetzt haben wir aber sehr private Themen besprochen. Wollen wir noch ein bisschen über den Film reden?
Frage: Was am Film auffällt, das sind die diverse Besetzung und die vielen Frauen hinter der Kamera. Kommt sowas von der Produktionsfirma oder haben Sie selbst das angeregt?
Antwort: Lisa: Wir sagen niemandem, dass wir nur mit Frauen arbeiten. Aber es hat uns voll gefreut, dass wir mal eine Tonfrau statt einen Tonmann hatten. Es ist aber nicht so, dass Männer keinen Platz bei uns hätten. Ich glaube, da ist eine gesunde Mischung gelungen.
Antwort: Lena: Das Schöne an dem Film ist: Wir haben ziemlich viele wichtige Themen mit reingenommen, aber wir haben sie nicht zerfetzt: eine Girls Gang, die nicht nur zickig miteinander umgeht, Männer und Frauen, die sich gegenseitig unterstützen. Das finde ich cool. Und ich bin gespannt, wie die neue Generation das aufnimmt. Mal sehen, ob die merken, was wir da versucht haben.
Frage: Für viele 13-Jährige sind Sie zentrale Vorbilder. Was geben Sie denen sonst noch mit?
Antwort: Lisa: Wir wollen erzählen, wie wichtig Selbstfindung ist. Viele hocken nur noch vor Social Media. Und denen wollten wir sagen: Hey, legt euer Handy weg. Habt Freunde, am besten ganz verschiedene. Bleibt dran, steht wieder auf, wenn ihr hinfallt. Geht raus und lebt draußen.
Frage: Legt das Handy weg, klingt aus Ihrem Mund natürlich erstmal komisch.
Antwort: Lena: Das Handy ist nicht schlimm, wenn man die Realität nicht vergisst. Ich kenne viele, die Skateboard im Online-Spiel fahren, anstatt es mal im echten Leben zu versuchen. Wir filmen uns natürlich auch auf dem Skateboard und posten das dann – aber vorher gehen wir auch raus und machen uns dreckig.
Antwort: Lisa: Und es ist ernst gemeint: Social Media war mein Türöffner. Aber inzwischen war ich da ein halbes Jahr gar nicht mehr. Ich habe kein TikTok mehr. Und als Bildschirmzeit setze ich mir 20 Minuten am Tag. Nur weil ich selbst auf Social Media zu sehen bin, heißt das nicht, dass ich den ganzen Tag davorhängen muss. Apropos 20 Minuten: Ich glaube, wir sind fertig mit dem Interview. Danke für die ganzen Fragen!