Deutsche Meisterschaft  Aurich verliert Finale – der große SpVg-Traum endet tränenreich

| | 18.06.2023 15:36 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Trainer Stefan Wilts (im Kreis) versucht seine Spielerinnen nach der Niederlage gegen Leverkusen zu trösten. Er findet einfühlsame Worte.Fotos: Helmut Vortanz
Trainer Stefan Wilts (im Kreis) versucht seine Spielerinnen nach der Niederlage gegen Leverkusen zu trösten. Er findet einfühlsame Worte.Fotos: Helmut Vortanz
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Bayer Leverkusen ist beim 2:1-Sieg im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft zu stark für die Auricher B-Juniorinnen. Viele der rund 400 Auricher Zuschauer mussten sich zuvor in Geduld üben.

Bergisch Gladbach - Nach dem Schlusspfiff plumpsen die Auricher Spielerinnen enttäuscht zu Boden und fangen hemmungslos an zu weinen, andere sind gefasster und stemmen enttäuscht die Hände in die Hüften. Die Blicke sind leer und wandern wehmütig hinüber zu den Mädchen in den roten Trikots, die mit der Meisterschale in der glühenden Nachmittagssonne vor ihren Fans singen und tanzen. Das Märchen der Auricher B-Juniorinnen ist vorbei. Furios haben sie sich in das Finale um die Deutsche Meisterschaft gespielt, viele große Namen hinter sich gelassen und ein unvergessliches Halbfinale vor über 3000 Zuschauern auf dem Ellernfeld nach Elfmeterschießen gegen Eintracht Frankfurt gewonnen. Bayer Leverkusen ist im Endspiel eine Nummer zu groß und gewinnt am Ende verdient mit 2:1.

Fast 400 Fans waren aus Aurich angereist.
Fast 400 Fans waren aus Aurich angereist.

Trainer Stefan Wilts versammelt seine Spielerinnen im Halbkreis und versucht tröstende Worte zu finden . „Ich wäre auch gerne Deutscher Meister geworden. Es muss niemand traurig sein. Das Halbfinale war ein Erlebnis, da träumen andere von. Uns fehlt nur ein Tor zur besten Mannschaft in Deutschland.“ Nach der einfühlsamen Ansprache verabschieden sich die Mädchen von den vielen Auricher Fans und fallen dann ihren Eltern oder Freunden weinend in die Arme. „Super-Aurich, super Aurich, hey, hey“, schallt es durch das Rund der Belkaw-Arena.

Gänsehautmoment Nationalhymne

Auch die Auricher Fans haben ihren Teil dazu beigetragen, dass dieser Finaltag in die Vereinsgeschichte eingehen wird. Für den Vorsitzenden Werner Hoffmann ist es gar der größte Tag in der über hundert Jahre langen Vereinshistorie. Es mögen 300 bis 400 gewesen sein, die sich am Sonnabendmorgen aus Aurich in Richtung Rheinland in Bewegung gesetzt hatten. Die Fahrt zum Finale ist mit Hindernissen gespickt, besser gesagt mit Baustellen. So fehlt noch die Hälfte der Anhänger, als das Spiel angepfiffen. Sie verpassen einen wahrlich erhabenen Moment. Elf Auricher Fußballerinnen, die kurz vor ihrem Karrierehöhepunkt stehen und der Nationalhymne lauschen. Ob es so etwas je wieder geben wird?

Das tut weh: Die Auricherinnen stehen Spalier für die Sieger..
Das tut weh: Die Auricherinnen stehen Spalier für die Sieger..

Mitte der ersten Halbzeit erreicht der erste Bus aus Aurich das Stadion in Bergisch Gladbach. Fast pünktlich mit dem Halbzeitpfiff kommt der zweite Bus an. Mit lauten Trommelgeräuschen und Gesängen stellen die Rot-weißen sich in die Mittagssonne der Gegentribüne. Verpasst haben sie in der ersten Halbzeit nicht viel. Die Leverkusenerinnen brennen in den ersten zehn Minuten ein Feuerwerk ab und versuchen die Auricherinnen zu überrumpeln. Nicht mit langen Bällen auf die beiden Star-Stürmerinnen Delice Bobey und Estrella Merino Gonzales, sondern mit Dauerdruck und teilweise neun Feldspielerinnen in der Auricher Hälfte. SpVg-Torhüterin muss schon in der 3. Minute einen Kopfball entschärfen.

Doppelschlag direktnach der Halbzeit

Drei Minuten Dämmerschlaf zu Beginn der zweiten Halbzeit entscheiden dann das Finale. Hanna Ernst, die sich packende Zweikämpfe mit Leverkusens Nationalstürmerin Bobey liefert, verstolpert einen sicher geglaubten Ball und lässt Bobey Richtung Tor ziehen. Die Leverkusenerin bleibt cool und schiebt den Ball vorbei an Torhüterin Blum. Nur fünf Minuten später machen die Rheinländerinnen dann den Deckel drauf. Jana Lindner kommt nach einer Ecke in Höhe des Strafraums an den Ball und schießt den Ball sehenswert in den Torwinkel – ein echtes Finaltor.

Auf der Tribüne sinken die Auricher Anhänger ein wenig in sich zusammen. Unter ihnen ist auch Aurichs stellvertretender Bürgermeister Artur Mannott. Er wäre im Fall eines Auricher Sieges der Party-Beauftrager der Stadt gewesen. Ein großer Empfang mit Ehrengästen und Pizza: „Das wird leider nichts mehr. Die Leverkusenerinnen sind einfach einen Tick besser“, sagt der ehemalige Fußballer.

Mit dieser Einschätzung hat Mannott Recht. Die Auricherinnen werfen zwar alles in die Waagschale, aber so richtig gefährlich wird es meistens nicht. Zwei Minuten vor Ende des Spiels trifft die Sportvereinigung dann doch noch. Sophia Schalke kommt nach einem Eckball an den Ball und schießt ihn aus dem Gewühl stramm zum 1:2 ins Leverkusener Tor.

Und verabschieden sich von den Fans.
Und verabschieden sich von den Fans.

Die Fans sind wieder da und peitschen die Mannschaft in der Nachspielzeit nach vorne. Dann ist das Spiel aus und die große Zeremonie beginnt – wie im Fernsehen. Die Siegermannschaft bildet ein Spalier und die traurigen Auricherinnen lassen sich abklatschen und holen sich ihre Medaillen ab. Dann kommt der Deutsche Meister. Kapitänin Sina Frank schnappt sich die schlichte und elegante Meisterschale und stemmt sie vor ihren Teamkolleginnen in die Höhe.

Die Auricher Mädchen ertragen dies tapfer, die Silbermedaillen hängen schlapp um ihre Hälse. Aber niemand nimmt das Erinnerungsstück ab, nicht so wie die Männer, die sonst die „Verlierermedaille“ so schnell wie möglich abstreifen. Nur Trainer Stefan Wilts tut dies, aber aus anderen Gründen. „Ich habe einen fiesen Sonnenbrand im Nacken. Das musste ich sie abnehmen.“

Großer Umbruch vor der neuen Saison

Mittlerweile tanzt das Bayer-Maskottchen „Brian the Lion“ mit den Siegerinnen um die Wette, SpVg-Kapitänin Marie Okoroh hat sich gesammelt und kann die Geschehnisse einordnen. „Es tut weh, wenn man so knapp verliert, aber Glückwunsch an Bayer Leverkusen. Sie haben verdient gewonnen. Wir können einfach stolz sein auf das Erreichte, auch wenn das wohl noch ein paar Tage dauern wird.“

Die Unterstützung der Fans sei einfach unglaublich gewesen, berichtet Okoroh, die vom Bus-Drama nur am Rande etwas mitbekommen hatte.

Stürmerin Elisabeth Steiner vergießt bittere Tränen. Sie fehlte nach einem Kreuzbandriss im letzten Saisondrittel. Wahrscheinlich hätte ihre Schnelligkeit dem Auricher Spiel gut getan. Und dem von Torjägerin Ann-Carolin Hoffmann. Besonders ihr merkte man das Fehlen der kongenialen Sturmpartnerin in den vergangenen Wochen an. Im Endspiel rackerte sie zwar wie die anderen, blieb aber in ihren Offensivaktionen blass.

Wie Hoffmann werden viele SpVg-Spielerinnen nun ihre Zelte in Aurich abbrechen und in den Frauen-Bereich aufrücken. Wahrscheinlich nicht bei der Sportvereinigung, sondern vielleicht bei noch ambitionierteren Vereinen. Junge Spielerinnen wie Sophia Schalke oder Torhüterin Paula Blum werden noch ein Jahr bei den B-Juniorinnen spielen dürfen. Schon jetzt hat Trainer Stefan Wilts einige interessante Neuverpflichtungen getätigt. Viele Zuschauer aus Leverkusen wussten vorher nicht viel mit Aurich anzufangen. Die Spielerinnen von Wilts haben den Verein im Mädchenbereich bundesweit in den Fokus gerückt. „Die Enttäuschung wird sich in ein paar Tagen legen. Für den Verein ist die Vizemeisterschaft der Höhepunkt. Und eine Steigerung im nächsten Jahr ist auch möglich“, sagt Hoffmann.

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