Archäologische Funde in Marx Grabungen bringen alte Spuren und neue Rätsel an die Oberfläche
Was ist es, das die Ostfriesische Landschaft auf einer Weide in Marx gefunden hat? Dr. Sonja König sagt, der Fund unterscheide sich von dem, was sie bei früheren Grabungen auf der Halbinsel fand.
Marx - Vorsichtig freilegen, vermessen, dokumentieren: Wo Laien nur hellere und dunklere Verfärbungen in der Erde sehen, sind diese Spuren für Archäologen wichtige Hinweise auf das, was sich genau an dieser Stelle vor Tausenden von Jahren abgespielt hat. „Alles das, was Menschen im Boden eingegraben haben, bleibt als Verfärbung“, erklärt Grabungs- und Vermessungstechniker Axel Prussat. Und das ist auf einer Weide im Börgerhörn in Marx so einiges: Dicht an dicht reihen sich die exakt durchnummerierten Einsatzorte der Grabungshelfer, die derzeit unter der Anleitung des Archäologischen Dienstes der Ostfriesischen Landschaft das an die Oberfläche holen, was zuvor unter einer dicken Schicht Erdboden verborgen war: Kleine Schätze aus dem Früh- bis Spätmittelalter, also angefangen bei grob geschätzt „um 1000“.
Zum Vorschein kommen nun König zufolge nach und nach Brunnen, Strukturen, die auf ein Gebäude schließen, aber auch Hinweise auf Metallverarbeitung aufgrund verschiedener Öfen. „Wir haben hier Schmiedeschlacken. Aber das ist nicht das Hauptsächliche“, sagt Dr. Sonja König, Leiterin des Archäologischen Dienstes. Umgeben wird das Untersuchungsgebiet augenscheinlich von einem handgegrabenen Wassergraben. Und das ist kein Fund, wie ihn ihre Leute schon mehrfach gemacht haben: „Diese Struktur ist keine normale Siedlung.“ Zu Spekulationen hinreißen will sich die Wissenschaftlerin nicht. Aber diese Art der Befestigung lässt möglicherweise Rückschlüsse auf eine kleine Burg zu oder einen Gutshof. Könnten hier Zölle erhoben worden sein? König ist da ganz vorsichtig. Alle Antworten gebe es erst im Verlauf der kommenden Monate. Die zeitliche Eingrenzung aber scheint hingegen relativ gesichert: „Die Scherben geben uns als Erstes Aufschluss über das Alter“, fasst Prussat zusammen. Die wissenschaftlichen Untersuchungen stehen in den Wintermonaten an. Prussat und seine Kollegin Amelie Mohrs, Grabungstechnikerin und Landschaftsarchäologin, vermessen die Grabungsstelle und dokumentieren diese auch aus der Luft. Das geschieht trotz allgegenwärtiger Historie mit modernster Technik: Mohrs setzt dafür auch eine Drohne ein.
Warum überhaupt gegraben wird
Das Team der Grabungshelfer hat die Verwaltung zusammengestellt. Und dabei ein gutes Händchen bewiesen, lobt König. „Leute, die Spaß haben und was können.“ Für drei Monate sollen sie die Fachleute dabei unterstützen, die Spuren im Boden freizulegen, zu dokumentieren und wenn möglich zu sichern. Ein Fülle an Keramikscherben beispielsweise haben sie bereits gefunden und mit Nummern versehen. Die Menge an Funden stellt die Gemeinde Friedeburg vor eine Herausforderung: Die drei Monate, so zeichnet sich nach dem ersten bereits vergangenen Monat deutlich ab, werden hier nicht ausreichen. Gerade ist der erste von zwei offengelegten 60 bis 70 Meter langen Streifen von etwa zwölf Metern Breite noch nicht zur Hälfte fertig untersucht. Im Anschluss muss noch der Bereich dazwischen vom Bagger aufgenommen, per Hand begradigt und dann ebenfalls untersucht werden.
Bei der sogenannten Prospektion, der Voruntersuchung des Bodens, sei dieses Ausmaß noch nicht absehbar gewesen. Notwendig wurde die, weil die Gemeinde Friedeburg hier ein Baugebiet plant. Auf insgesamt 4,5 Hektar Fläche sollen schnellstmöglich mehr als 40 Grundstücke erschlossen, verkauft und von ihren zukünftigen Eigentümern bebaut werden. Zunächst geht es um zwei Drittel der Fläche in einem ersten Bauabschnitt. Dort, wo gerade die Untersuchungen laufen, wird ein Regenrückhaltebecken entstehen, berichten Fachbereichsleiter Planung und Bauen im Friedeburger Rathaus, Roland Abels, und Daniel Sies, Fachdienst Planung, an der Grabungsstelle. Für die Gemeinde ist es das erste Mal, dass die Bodenuntersuchungen tatsächlich dazu führten, dass der Archäologische Dienst anrückte. Immer mindestens ein Grabungstechniker ist vor Ort und leitet die Grabungshelfer bei ihrer Arbeit an. Und die hätten derzeit wirklich keinen einfachen Job, stellt König klar.
Der Lehmboden ist hart wie Beton
Immer wieder wehen die Sonnenschirme. Grabungshelferin Christina Rieniets und ihre Kollegen suchen unter den bunten Schattenspendern Zuflucht vor der prallen Sonne, während sie ihrer Arbeit nachgehen. Der Wind macht sich zwar ab und an bemerkbar, das Thermometer klettert an diesem späten Mittwochnachmittag aber dennoch auf mindestens 25 Grad Celsius. Das trocknet den Lehmboden aus, lässt Funde verblassen und den Boden hart wie Beton werden. Die junge Frau aus Jever entdeckte vor einer Weile durch Zufall die Stellenanzeige der Gemeinde Friedeburg, mit der sie Grabungshelfer suchte. Rieniets berichtet, sie beginne demnächst ihre Meisterschule und wolle die Zeit sinnvoll überbrücken. „Ich fand das faszinierend. Ausgrabungen kannte ich nur aus dem Fernsehen“, sagt sie lachend. Dass es die sozusagen direkt vor ihrer Haustür gibt, begeisterte sie. Die Arbeit ebenfalls. Sie habe binnen kürzester Zeit so vieles gelernt, schwärmt sie. „Und wenn man was findet, ist man glücklich.“
Auch Eckhard Magg brachte die Neugier an die Grabungsstelle. Der Rentner wohnt in Marx und ist historisch interessiert. Er betreibe Ahnenforschung und fände die Idee interessant, dabei mitzuwirken, wenn in seiner Nachbarschaft Verborgenes wieder sichtbar wird. „Wir lernen unglaublich viel. Es ist gut, dass dieses Baugebiet hier entsteht.“ Und auch Thomas Haehner aus Jaderberg treibt seine Faszination für Geschichte an: „Ich wollte zum Ende meines Arbeitslebens noch einmal etwas machen, das mich interessiert“, verrät er gut gelaunt. „Als Kind wollte ich schon was Archäologisches machen – und Dinosaurier ausgraben.“