Kriminalität Sonderermittler der Auricher Polizei greifen durch
Im vorigen Jahr wurden vermehrt schwerste Straftaten in der Auricher Innenstadt registriert. Die Polizei gründete ein spezielles Team – und räumte auf.
Aurich - Hart durchgegriffen hat die Auricher Polizei in den vergangenen acht Monaten in der Innenstadt. Eine eigens eingerichtete Ermittlergruppe von sechs Polizeibeamten hat sich seit Oktober 2022 wegen stark angestiegener Kriminalität nur darauf konzentriert, die Täter dingfest zu machen. Bis Ende April konnten so sechs sogenannte Intensivtäter festgenommen werden. Sie gehören zu einer Gruppe von 20 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 14 bis 21 Jahren, die in wechselnder Besetzung zahlreiche Straftaten in Aurich begangen haben. Entsprechende ON-Informationen bestätigt Stephan Zwerg, Leiter der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund, auf Anfrage unserer Zeitung.
Eine Aktion in diesem Ausmaß habe es in Aurich bislang noch nicht gegeben, so Zwerg. Insgesamt 174 Straftaten hätten der Gruppe bis Ende April nachgewiesen werden können. Dazu zählen Handtaschendiebstähle, Überfälle auf Wohnungsbordelle in der Innenstadt, Drogenverstöße, Autodiebstähle, Autoaufbrüche, Ladendiebstähle und gefährliche Körperverletzungen. „Es gab eine deutliche Zunahme an Straftaten im vorigen Jahr, wir mussten reagieren“, so Zwerg.
Straftaten wurden spontan begangen
Aus diesem Grund wurde die Ermittlungsgruppe mit sechs Polizeibeamten gebildet, die je nach Bedarf von weiteren Polizisten unterstützt wurde und wird. Mit großem Erfolg, wie Stephan Zwerg betont. Seit die sechs Intensivtäter in Untersuchungshaft säßen, sei die Zahl der Straftaten drastisch zurückgegangen. Im Mai habe Aurich deutlich unter dem Schnitt der vergangenen Jahre gelegen.
Es habe sich bei den 20 jungen Menschen nicht um eine Bande im strafrechtlichen Sinne gehandelt. „Die sind nicht regelmäßig zusammengekommen, um gemeinsam Straftaten zu planen“, so der Polizeichef. Vielmehr hätten sich in wechselnder Besetzung kleine Gruppen getroffen und spontan Straftaten verübt. Das habe die Ermittlungen nicht einfacher gemacht, denn jede Tat habe für sich betrachtet werden müssen.
Gewalt als einziger Problemlöser
Meist zu dritt seien zum Beispiel die Überfälle auf Wohnungsbordelle erfolgt. Mit der Waffe in der Hand seien die Wohnungen in der Innenstadt gestürmt worden. Den Frauen sei dann das Geld abgenommen worden. Gefährlich seien auch die Handtaschendiebstähle. Ältere Frauen würden bei solchen Übergriffen oft hinfallen und sich verletzen. „Wir werden massiv dagegen vorgehen“, so Zwerg.
Denn die 20 jungen Menschen bräuchten eine klare Kante, die ihnen aufgezeigt werden müsse, sagt der Polizeichef. Es handele sich um einen Deutschen und 19 junge Männer mit Migrationshintergrund. Aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern kämen die Täter dabei. „Da sind 14-Jährige dabei, die aus Kriegsgebieten nach Deutschland gekommen sind.“ Sie würden Gewalt als Problemlöser kennen und sich damit auch in der Gruppe behaupten. Insgesamt sieben der 20 jungen Leute seien als Intensivtäter eingestuft. „Dafür muss man schon in Vorleistung gehen“, sagt Zwerg. Unter anderem gebe es einen 15-Jährigen, der bereits 50 Straftaten auf seiner persönlichen Liste habe. Einige hätten bereits Strafverfahren hinter sich, bei anderen würden derzeit Verfahren laufen. Die Erkenntnisse aus den jetzigen Ermittlungen würden nun obendrauf kommen.
Hart bei Jugendlichen durchgegriffen
Auricher Polizeichef setzt auf frühes Durchgreifen
Entsetzen über junge Straftäter
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Es fehlt an Sozialpädagogen
Das Problem bei so jungen Straftätern sei es, so Stephan Zwerg, diese auch in Untersuchungshaft zu behalten. Natürlich gebe es das berechtigte Interesse der Opfer, dass die Täter in Haft kämen. Aber bei Minderjährigen gebe es hohe Hürden. Bei den jetzigen Intensivtätern habe die Justiz aber erkannt: „Die müssen weg von der Straße.“
Dringend müsse eine gesellschaftliche Lösung für dieses Problem her, sagt Stephan Zwerg. Bei der Tätergruppe jetzt handele es sich vorwiegend um junge Leute, die im Rahmen der Flüchtlingswelle 2015/16 nach Deutschland gekommen seien. „Es fehlt an Sozialpädagogen, es fehlt an Einrichtungen, in denen diesen Jugendlichen frühzeitig bei der Integration geholfen wird.“ Am Ende müsse die Polizei es lösen. Und jetzt komme, verstärkt durch den Krieg in der Ukraine, die nächste Flüchtlingswelle.
Ermittlungsgruppe arbeitet weiter
Die Polizei arbeitet dabei auch mit den Schulen zusammen. Denn bei den Minderjährigen handele es sich zumeist um Jugendliche ohne Deutschkenntnisse, ohne Schulabschluss. Häufig würde dauerhaft die Schule geschwänzt. Und die Lehrer hätten meist kein großes Interesse daran, diese Jugendlichen, die massiv den Unterricht stören würden, wieder in die Klasse zu bekommen. Würden sie es dennoch versuchen, rufe das meist die ganze Familie auf den Plan. Gewaltdrohungen seien keine Seltenheit. „Wir treffen auf ganze Familienstrukturen ohne Perspektiven“, mahnt Stephan Zwerg eine gesamtgesellschaftliche Lösung an. Für den Augenblick sei die anfangs 20 Mann starke Tätergruppe sehr eingeschüchtert. Die ersten Strafverfahren hätten bereits begonnen. „Aber was passiert nach den Strafverfahren?“, fragt Stephan Zwerg. Eine Antwort darauf hat er auch nicht.
Die Ermittlungsgruppe der Auricher Polizei wird noch ein bis zwei weitere Monate arbeiten. Dann soll mehr Ruhe herrschen in der Stadt.