Osnabrück  BossHoss: „Wir wollen mit unserer Musik Menschen erfreuen und nicht den moralischen Zeigefinger heben“

Marcus Tackenberg
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Von Marcus Tackenberg
| 16.06.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Auf der Bühne gehen Alec Völkel und Sascha Vollmer (v. links) vollkommen in ihren Alter-Cowboy-Egos „Boss Burns“ und „Hoss Power“ auf. Foto: dpa/Roland Weihrauch
Auf der Bühne gehen Alec Völkel und Sascha Vollmer (v. links) vollkommen in ihren Alter-Cowboy-Egos „Boss Burns“ und „Hoss Power“ auf. Foto: dpa/Roland Weihrauch
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Popsongs im Country-Stil haben die Band BossHoss berühmt gemacht. Sänger und Gitarrist Hoss Power erzählt uns von USA-Auftritten als „Sauerkraut Cowboys“, wie die Band mit Krieg und Krise umgeht und warum sie kein Moralapostel sein will.

Seit gut 20 Jahren stehen die „Cowboys“ von BossHoss auf der Bühne und feiern mit ihren Songs große Erfolge. Eine Entwicklung, die Sänger BossHoss, bürgerlich Sascha Vollmer, immer noch nicht so recht glauben kann. Vor Kurzem hat die Band mit „Electric Horsemen“ ihr neuntes Studio-Album veröffentlicht. In Zeiten von Pandemie, Kriegen und Krisen wollen sie damit die Menschen an das Schöne im Leben erinnern.

Frage: Euer neues Album kommt in einer Zeit heraus, in der sich für uns alle vieles nach drei Jahren Corona, Krisen, Krieg und Inflation geändert hat. Wie sehr hat euch das alles ausgebremst und wie habt ihr die Motivation für ein neues Album aufgebracht?

Antwort: Das ist tatsächlich die längste Pause, die wir uns seit unserem Bestehen zwischen zwei Alben gegeben haben. Das war nicht so geplant. Aber wir sind natürlich eine Live-Band und brauchen ein neues Album zur Tour. Deswegen haben wir nach der Tour-Verschiebung auch den Release verschieben müssen. Unser letztes großes Konzert hatten wir 2019 gegeben. Erst drei Jahre später konnten wir die „Black is beautiful“-Sommertour nachholen, nachdem wir schon 60 Prozent der Tickets vor der Pandemie verkauft hatten. Es war also unlogisch, ein neues Album rauszubringen, aber noch mit dem vorherigen Album auf Tour zu gehen.

Frage: Wie habt ihr persönlich diese Krisenzeit erlebt?

Antwort: Es war schlimm. Wir sind komplett auf null heruntergefahren worden. Berufsverbot sozusagen. Und das für eine Band, die es gewohnt war, mindestens zweimal im Jahr auf Tour zu gehen. Hinzu kam, dass das Ende nicht absehbar war. Im letzten Sommer haben wir dann wieder enorm viel Spielfreude und Spaß miteinander gehabt und parallel am neuen Album gearbeitet.

Antwort: Das zweite Dilemma war der Ausbruch des Ukraine-Krieges. Das hat uns wirklich noch einmal so richtig ausgebremst, wir waren schockstarr. Unsere Eltern sind im Krieg geboren, die Großeltern konnten uns noch davon erzählen. Wir waren teils wie gelähmt und wochenlang untätig, dass sich so etwas ereignen konnte. Eine Nummer hat uns dann aus der Lethargie herausgeholt. Im März 2022 coverten und produzierten wir in nur einer Woche gewissermaßen als unsere Antwort auf den Krieg Buffalo Springfields Anti-Kriegssong „For what it‘s worth“. Das hat uns wieder in den Studio-Workflow zurückgeführt. Den Song haben wir unter anderem auf einer Friedensdemo am Brandenburger Tor aufgeführt, die Einnahmen der Single kamen Projekten in der Ukraine zugute.

Frage: Hattet ihr vorher mal Gelegenheit, in der Ukraine zu spielen?

Antwort: Nein. Aber einer unserer Bläser ist Ukrainer. Mit ihm haben wir uns intensiv ausgetauscht und konnte viel darüber erfahren, wie es den Menschen und insbesondere seiner Familie dort geht.

Frage: Spiegelt ihr auf dem neuen Album thematisch einiges aus der Krisenzeit wider oder wolltet ihr euch jetzt bewusst davon lösen?

Antwort: Genau. Wir wollten nicht mit dem erhobenen Zeigefinger in unserer Musik auf Missstände hinweisen. Das ist nicht unser Auftrag. Wir sehen unsere Rolle eher darin, den Menschen das Schöne im Leben aufzuzeigen, Emotionen zu wecken und positive Dinge hervorzuheben, also Liebe, Freundschaft, Familie, das Leben feiern, unterwegs sein. Wir wären unglaubwürdig, wenn BossHoss plötzlich zu Moralaposteln mutieren würden.

Frage: Könnt ihr gut über euch selbst lachen und auf den Arm nehmen?

Antwort: Ja. Wir machen alles immer mit einem Augenzwinkern. Unsere Alter Egos sind Teil der Show. Die Rollen, in die wir als BossHoss schlüpfen, unterscheiden sich zwar nicht komplett von unserem realen Dasein, aber uns war immer wichtig, gewisse Klischees zu überspitzen. Die Musik nehmen wir ungeachtet dessen sehr ernst. Das ist eine Leidenschaft, die uns wichtig ist und uns beflügelt.

Frage: Das nimmt man euch auch ab, aber wie sieht euer Rock’n’Roll-Leben privat aus, wenn ihr nicht gerade in den Saloon geht und Kojoten jagt?

Antwort: Wir sind fast alle Familienväter, in der Band zählen wir mittlerweile 18 Kinder.

Frage: Da braucht ihr also eine Tour-Kita…

Antwort: (lacht) Die Kinder sind Gott sei dank alle unterschiedlichen Alters, also meine Tochter ist zum Beispiel schon 21 Jahre alt. Aber wir sind natürlich privat ganz normale Ehemänner und Partner. Unser Zuhause ist ein Rückzugsort, da gibt es nicht jeden Tag Party. Trotzdem frönen wir gern dem Barbecue, der Geselligkeit, gehen gerne zusammen einen trinken, fahren Motorrad und besitzen einige Muscle Cars. Die beiden Welten vermischen sich schon, aber unsere Wochenenden verbringen wir nun nicht auf Rodeos mit Hufeisenwerfen und Bullriding, wohl aber mit unseren Harleys.

Frage: Das Publikum, ob nun vorm Fernseher oder im Konzert, kennt dich und Alec immer nur als unzertrennliches Duo. Braucht ihr da nicht auch privat ganz bewusst mal Abstand?

Antwort: Naja, unsere Freundschaft ist zuerst dagewesen. Überhaupt sind wir alle in der Band auch privat sehr gut befreundet. Wirklich eine Super-Clique. Man kann nicht Job und Privates so klar voneinander trennen. Das vermischt sich andauernd. Ich würde den Job auch nicht als solchen bezeichnen. Wir leben unsere Leidenschaft, Musik zu machen, und haben das Glück, davon leben zu können. Es gibt auch noch andere Felder, wir haben unser eigenes Management, unsere eigene Company und eine riesige Crew für die Live-Auftritte, vom Produktionsleiter bis zum Licht-Operator. Auch mit diesen Menschen pflegen wir ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Das BossHoss-Universum ist eine große private Kiste, in der wir Musik, Familie, Freunde, Livestyle und Leidenschaft unter einen Hut bringen.

Frage: Das klingt nach einem Ideal, das ständig Glückshormone auslöst…

Antwort: (lacht) Wir sind sehr dankbar, dass es schon seit 20 Jahren so gut läuft für uns. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir uns so lange am Markt halten und in derselben Konstellation zusammengeblieben sind, dass wir uns immer noch mögen und uns was Gescheites einfällt. Ich muss mich schon manchmal kneifen, dass wirklich alles wahr ist. Ich weiß das zu schätzen und freue mich täglich darüber.

Frage: Nun seid ihr beiden, du und Alec, völlig unterschiedlich sozialisiert worden. Du kommst aus Heidenheim im Schwabenland und bist 1998 erst nach Berlin gezogen, Alec wuchs noch im DDR-geprägten Ostberlin auf. Bemerkt ihr heute noch eure Unterschiede?

Antwort: Das merkt man eigentlich nicht, es sei denn, wir sprechen über unsere Kindheit. Da war natürlich einiges komplett anders. Aber das amüsiert uns eher, denn wir haben trotzdem dieselbe Wellenlänge. Wir sind sogar stolz darauf, dass wir die Ost-West-Brücke quasi idealerweise symbolisieren. Alec war Teenager in der DDR, hat es am eigenen Leib gespürt, was es heißt, in seiner Freiheit eingeschränkt zu sein. Er wollte ins Ausland, stand auf westliche Musik, hat die Platten und Poster nur auf dem Schwarzmarkt bekommen, die Bravo an der Alten Försterei unter der Hand gekauft – das ist für mich ein unfassbares Szenario, weil ich ganz anders aufgewachsen bin. Ich kannte dieses Verlangen und diese Sehnsucht nicht, sondern bin mit meinem Taschengeld einfach in den Laden gegangen und habe mir eine Platte oder die Bravo gekauft. Und trotzdem haben Alec und ich seit unserem ersten Treffen in Berlin gemerkt, dass uns dieses Freiheitsdenken verbindet.

Frage: Wieviele Lederjacken und Cowboyhüte habt ihr eigentlich mittlerweile im Schrank?

Antwort: (lacht) Da ist so einiges an Klamotte zusammengekommen. Vor allem Boots, Hüte und Jacken. Mit dem Zählen habe ich irgendwann aufgehört, das Zeug füllt aber mehrere Schränke.

Frage: Wo lasst ihr das Zeug, doch sicher nicht alles zu Hause?

Antwort: Nein, nur die schönsten Stücke. Wir haben in Berlin-Prenzlauer Berg unser Headquarter mit Studio, Büro- und Proberäumen, alles unter einem Dach. Und einen großen Keller, wo wir nicht nur unsere Bühnenoutfits, sondern auch Verstärker, Instrumente, Koffer und Bühnenelemente lagern. Wir mussten uns sogar schon ein externes Lager dazu mieten, weil sich so viel angesammelt hat. Da lagern Dinge, die wir wohl nicht mehr gebrauchen können, von denen wir uns aber auch nur schwer trennen können. Aber wir nehmen jetzt auch nicht jeden Hut auf. Viel Zeug wird an Fans verschenkt oder ins Publikum geworfen.

Frage: Eine peinliche Frage kann ich dir nicht ersparen: Warum habt ihr in dem Film Hanni und Nanni mitgespielt?

Antwort: (lacht) Ach, was macht man nicht alles…

Frage: …fürs Geld?

Antwort: Ja. Das auch. Es gibt ja zwei Dinge, einerseits unsere Musik, unsere Platten und die Touren dazu. Und dann brauchst du eben noch andere Tools, um dich selbst zu promoten und das möglichst großflächig unter die Leute zu bringen. Man geht ins Fernsehen, macht in dieser und jener Show mit, aber wir verbiegen uns dabei nicht. Inzwischen haben wir dafür ein gutes Gefühl.

Frage: Das verstehe ich. Aber warum Hanni und Nanni?

Antwort: Da kam eine Anfrage vom Filmverleih. Die suchten noch jemanden, der den Papa von Hanni und Nanni spielt. Meine Tochter als Hanni-und-Nanni-Fan fand die Idee gleich mega, das hat mich sicherlich auch dazu bewogen, zuzusagen. In dieser Filmversion war der Vater der Zwillinge Musiker, hatte sein Studio zu Hause, produzierte, ging auf Tournee und sang mit seinen Töchtern selbstkomponierte Songs. Als die Anfrage kam, war mir klar, dass ich diese Rolle gut verkörpern könnte, denn das waren alles Dinge, die ich nur zu gut kenne. Ich musste eigentlich nur mich selbst spielen. Parallel dazu ging es auch darum, dass BossHoss einen Titelsong beisteuern sollte. Dann haben wir auch noch eine Nebenrolle für Alec gefunden.

Frage: The Voice of Germany, The Voice Kids, The Voice Senior, Sing meinen Song, Masked Singer. Welche Show war für dich die prägendste?

Antwort: Die erste Staffel von The Voice of Germany mit uns im Jahr 2011. Das war noch mal ein richtiger Türöffner für uns. Wir hatten vorher bereits unser Publikum erspielt, hatten schon Gold- und Platinplattenstatus erreicht. Aber diese mediale Plattform im Mainstream-TV war zwar mit einem gewissen Risiko verbunden, weil wir etwas geschaffen hatten, das wir nicht riskieren wollten. Deswegen haben wir lange gebraucht, um uns dazu durchzuringen. Wir haben mehrmals abgesagt und wurden immer wieder angefragt. Letztlich haben wir zugesagt – zum Glück. Es hat uns nicht geschadet. Wir haben quasi unseren Fankreis über Nacht verdoppelt. Als wir die Staffel auch noch gewonnen haben, standen wir plötzlich in doppelt so großen Hallen und haben doppelt so viele Platten verkauft. Das war der prägendste Einschnitt in unserer Karriere.

Antwort: „Sing meinen Song“ war sicherlich eine neue Herausforderung, sich intensiv auf andere Songs einzulassen. Gecovert haben wir zwar immer schon, aber dort haben wir zum ersten Mal auf Deutsch gesungen. Diese Shows, die in Südafrika gedreht wurden, haben uns nicht nur neue Erkenntnisse gebracht, sondern auch neue Freundschaften zum Beispiel mit Paddy Kelly. Sein Song „Best friends“ ist sozusagen ein Output von der damaligen Bekanntschaft, aus der echte Freundschaft geworden ist. Mit den TV-Shows haben wir ein gutes Händchen gehabt, unserem Bauchgefühl vertraut und sind trotzdem authentisch geblieben.

Frage: Dann kann es ja noch 20 Jahre so weitergehen…

Antwort: Ach, wir haben diesbezüglich keine Pläne. Wir sind uns sicher, dass wir erst mittendrin sind in unserer Schaffensphase und in keiner Weise über das Aufhören nachdenken. Wir machen weiter, jetzt ist das Album draußen und die Tour steht an.

Frage: Wart ihr eigentlich mal in den USA, wie ist euer Ami-Akzent dort angekommen?

Antwort: Tatsächlich war ich 2015 mit Alec ein paar Wochen in Nashville und haben dort Songs geschrieben, aufgenommen und jede Menge Leute getroffen. Die fanden uns cool. Mit der Band waren wir 2012 in Austin, Texas, dort ist damals das „Don’t gimme that“-Video entstanden. Parallel haben wir dort eine kleine Clubtour gespielt, die gut ankam. Wir waren für die sozusagen die Sauerkraut-Cowboys aus Germany. Erst hatten wir Bammel, dass sich das Publikum verarscht fühlt, aber die haben das gefeiert. Wir haben jetzt aber keine Ambitionen, in den USA auf große Tour zu gehen. Dafür sind wir alle viel zu busy hier in Deutschland. Dafür müsste man zwei Jahre dort wohnen, wen man es wirklich wissen will. Dafür haben wir keine Zeit und auch keinen Bock.

Frage: „Electric Horsemen“, der Opener des neuen Albums, lässt sich musikalisch kaum einordnen. Ist das BossHoss-Musik im eigentlichen Sinn?

Antwort: Das würde ich absolut so unterschreiben. Wir erfinden das Rad zwar nicht neu, aber wir haben ein Alleinstellungsmerkmal mit unserer Art Musik in Deutschland geschaffen und zeigen dabei eine unglaubliche Bandbreite. Der Text zu „Electric Horsemen“ ist typisch für uns: Dicke Hose, Rockstar, on the road again. Zusammen mit den elektronischen Sounds klingt das fresh und innovativ.

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