Große Blocks statt Einfamilienhäuser  Geplantes Baugebiet in Norden verursacht bei Anliegern Sorgen

| | 15.06.2023 11:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Machte seinem Ärger im städtischen Bauausschuss Luft: Immobilien-Makler Gustav Claashen. Foto: Rebecca Kresse
Machte seinem Ärger im städtischen Bauausschuss Luft: Immobilien-Makler Gustav Claashen. Foto: Rebecca Kresse
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Die Verwaltung stellte im Bauausschuss erste Pläne vor. Bei den Nachbarn gibt es große Bedenken. Es kam es zu einer emotionalen Rede eines Norder Immobilienmaklers.

Norden - Für die einen ist es ein spannendes Bauprojekt, mit dem die Stadt Norden neue Wege in Sachen Wohnungsbau gehen will. Für die anderen ist es ein Plan, der ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen wird. Ein Plan, der mutmaßlich einen Wertverlust für ihre Eigenheime bedeutet und das Aus für Privatsphäre im eigenen Garten. Geht es nach der Norder Verwaltung und der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG) werden die Anwohner der Dortmunder und der Pasewalker Straße statt ins Grüne, künftig auf bis zu 30 Meter lange und zehn Meter hohe Wohnklötze schauen. Mit großen Sorgen und vielen Fragen waren rund 35 Anwohner in die Sitzung des städtischen Bauausschusses gekommen. Dort stellte die NLG ihre ersten Pläne für das neue Wohngebiet vor.

So stellen sich die Planer der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG) das neue Baugebiet vor.
So stellen sich die Planer der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG) das neue Baugebiet vor.

Das städtebauliche Konzept weicht von den bisherigen Regeln des Norder Baulandmanagements ab. Das 2,2 Hektar große Gebiet soll in drei Bereichen mit verschiedenen Wohn- und Eigentumsformen überplant werden. Es handelt sich bei der Fläche um eine letzte unbebaute Fläche inmitten eines vor 15 Jahren entwickelten Wohngebietes. Rundrum stehen ausschließlich Einfamilien- und Doppelhäuser in Spielstraßen. Nicht so im neuen Gebiet. Nach den Plänen der NLG sollen im nördlichen Bereich Reihenhäuser zur Vermietung gebaut werden, die zum Teil über die Stadt Norden vergeben werden sollen. In diesem Bereich soll auch eine neue Kita mit Krippe für drei Gruppen entstehen. Im mittleren Bereich plant die Stadt, vergünstigen Wohnraum durch einen Investor per Konzeptvergabe bauen zu lassen. Lediglich im südlichen Bereich sollen in Anlehnung an die Umgebung etwa elf Einzel- und Doppelhäuser ermöglicht werden. Dabei soll die Hälfte der Grundstücke in Erbpacht von der Stadt vergeben werden.

Anwohner fürchten um Privatsphäre im eigenen Garten

Das Problem für viele Anwohner der Dortmunder Straße: Ihre Gärten sind in Richtung des neuen Wohngebietes ausgerichtet. Anders als rundherum sollen die Häuser im neuen Gebiet mit zwei Vollgeschossen und Flachdächern gebaut werden. Bisher galt für das Gebiet die Vorgabe von maximal 1,5 Stockwerken mit Satteldach. Die bis zu 30 Meter langen Häuser sind im ersten Entwurf parallel zu den Gärten der Anwohner geplant. Das heißt: Alle Bewohner der neuen Häuser können aus dem zweiten Stock in die Gärten der bisherigen Anwohner sehen. Privatsphäre? Fehlanzeige. Außerdem gucken die Anwohner künftig auf eine rund zehn Meter hohe Wand. Eine Verschattung der bisherigen Grundstücke sei zwar laut NLG nicht gewünscht, im Einzelfall aber nicht auszuschließen, sagte Susanne Jansen, die die Pläne vorstellte.

Direkt hinter den Gärten der Einfamilienhäuser sollen 30 Meter lange und zehn Meter hohe Reihenhäuser gebaut werden. Foto: Rebecca Kresse
Direkt hinter den Gärten der Einfamilienhäuser sollen 30 Meter lange und zehn Meter hohe Reihenhäuser gebaut werden. Foto: Rebecca Kresse

Nicht das einzige Problem. Schon jetzt haben die Anwohner der Dortmunder und Pasewalker Straße große Blocks in Sichtweite: Der Warfenweg und die Mehrfamilienhäuser in der Hamburger Straße sind nur ein Steinwurf entfernt. „Wenn jetzt auf der anderen Seite auch noch so große Häuser gebaut werden sollen, fühlen wir uns langsam eingekesselt“, sagte eine Anwohnerin. Auch warf sie die Frage auf, warum die neuen Häuser parallel zu den bestehenden Gärten gesetzt werden müssen, statt die schmalere Kopfseite der Reihenhäuser in Richtung der Gärten auszurichten.

Stadt will junge Familien fördern

Bürgermeister Florian Eiben wies darauf hin, dass die „Verträglichkeit“ mit dem umliegenden Gebiet eine wichtige Intention sei. „Wenn wir eine komplette Innenverdichtung hätten machen wollen, dann würde das ganz anders aussehen. Dann würde da auch kein Einfamilienhaus mehr stehen, sondern nur noch große Einheiten“, sagte er. Der Plan der Stadt in diesem Gebiet ist es, vor allem junge Familien gezielt zu fördern, außerdem günstigen Wohnraum zu schaffen. Dafür sollen im zentralen Bereich der Fläche mehrere Mehrfamilienhäuser entstehen – ebenfalls mit zwei Vollgeschossen und Flachdächern. Pro Haus sind laut NLG vier bis acht Parteien vorgesehen. Zu viel und zu groß für die Nachbarn, die künftig rund fünf dieser Blocks hinter ihrem Garten stehen haben sollen. „Die dürfen nur fünf Meter entfernt von unserer Grundstücksgrenze anfangen, zu bauen“, empörte sich eine Anwohnerin. Von der sinkenden Wohnqualität abgesehen, fürchtet sie, dass der Wert ihres Eigenheims dadurch deutlich sinken wird.

Aber nicht nur die Anwohner übten Kritik. Auch die Ratsmitglieder stellten den ersten Planentwurf infrage. Allen voran Andreas Görlich von der Zob. Der hält die geplante Entwässerung mittels unterirdischer Rigole für zu teuer und unnötig. Dieses Becken soll nach den Plänen zum Teil unter dem bestehenden Spielplatz der Dortmunder Straße und zum Teil unter den geplanten Fahrradwegen gebaut werden. Und Görlich weiß als ehemaliger Planer von Entwässerungssystemen, wovon er spricht. Er sieht andere Möglichkeiten.

Besondere Situation im Norder Bauausschuss: Immobilien-Mogul Gustav Claashen (links) im direkten Gespräch mit dem Norder Bürgermeister Florian Eiben (rechts Mitte). Foto: Rebecca Kresse
Besondere Situation im Norder Bauausschuss: Immobilien-Mogul Gustav Claashen (links) im direkten Gespräch mit dem Norder Bürgermeister Florian Eiben (rechts Mitte). Foto: Rebecca Kresse

Anwohner wollen Prozess weiter kritisch begleiten

Theo Wimberg (SPD) sprach von einem „ganz spannenden Baugebiet“. Und das nicht nur unter ökologisches Gesichtspunkten. „Wir wollen doch immer Lückenbebauung“, sagte er. Die geplante Bebauung zieht aber auch eine deutliche Versiegelung der Fläche nach sich, kündigte Susanne Jansen an. „Wir haben uns bewusst entschieden, Reihenhäuser zu planen. Da muss man dann auch eine Versiegelung für Stellplätze und Terrassen zulassen“, sagte sie.

Sämtliche Einwände wurden ins Protokoll aufgenommen. Bürgermeister Florian Eiben sagte zu, diese im laufenden Prozess mit zu bedenken und aufzunehmen. Bei der vorgestellten Variante handele es sich bisher lediglich um einen Gestaltungsvorschlag, noch nicht um den Bebauungsplan. In einem weiteren Schritt haben die Anwohner die Möglichkeit Einwendungen zu machen. Diese Möglichkeit werden die Anwohner sicher nutzen. Diese haben sich bereits zusammengetan, um gemeinsam den Prozess zu begleiten und „das Schlimmste“, wie sie es nennen, zu verhindern – notfalls auch mit rechtlichen Schritten.

Auch Verkehrsführung stößt auf Widerstand

Außer der Art der Bebauung stößt beim geplanten Baugebiet auch die geplante Verkehrsführung auf Widerstand. Das neue Baugebiet soll von zwei Seiten aus erreichbar sein und jeweils mit einem Wendehammer in einer Sackgasse enden. Einmal von der Hamburger Straße, einmal von der Pasewalker Straße aus. Beides sind Spielstraßen. Um die Pasewalker Straße zu erreichen, ist aber ein riesiger Umweg nötig. Zwei Möglichkeiten gibt es dafür. Beide machen nicht wirklich Sinn und würden zu einer deutlichen Verkehrserhöhung in den Spielstraßen führen. Es gäbe ein andere, direktere Lösung. Doch die erforderlichen Grundstücke sind nicht in städtischem Besitz, seien auch nicht zu verkaufen, betonte Bürgermeister Florian Eiben.

Das wollte der Besitzer der Grundstücke nicht auf sich sitzen lassen. In einer emotionalen Rede meldete sich der Norder Immobilienmakler Gustav Claashen zu Wort. Er wandte sich direkt an den Bürgermeister: „Wir kennen uns schon so lange, Florian“, sagte er. „Und du weißt, dass man mit mir immer reden kann.“ Das hat aber anscheinend bisher noch niemand getan. Claashen forderte Ehrlichkeit ihm gegenüber ein. Es sei vor Jahren bei der Entwicklung des restlichen Gebietes vieles schief gelaufen. „Man muss ehrlich sein und mit mir sprechen“, sagte er und kündigte dann etwas an, das die gesamten Verkehrsplanungen ändern könnte: „Ich würde sofort beide Flächen zur Verfügung stellen, wenn man sich über den Presi einigt“, sagte er zu Eiben. Der nahm das Angeobt an und kündigte Gespräche an.

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