Kiel Bildungsministerin: Deutsch von Kindern mit Migrationshintergrund immer schlechter
Die Deutschkenntnisse kleiner Kinder mit Migrationshintergrund werden immer schlechter. Das hört Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien aus Grundschulen. Was tun? Die CDU-Politikern spricht sich für verpflichtende Sprachtests aus – und will die Eltern in die Pflicht nehmen.
Karin Prien scheut Konflikte nicht. Gerade erst hat sich die Bildungsministerin von Schleswig-Holstein Rassismus-Kritik eingehandelt. Sie hatte die Politik ihrer Kabinettskollegin Aminata Touré (Grüne) mit deren Migrationshintergrund in Verbindung gebracht. Die Empörung ließ nicht lange auf sich warten. Prien verwies darauf, dass sie verkürzt wiedergegeben worden sei.
Prien kennt das schon. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende eckt immer mal wieder an. Im Interview mit unserer Redaktion beklagt sie die Diskussionskultur beim Thema Migration hierzulande: „Wer in Deutschland überhaupt Fragen zur Zuwanderung stellt, wird schnell in die rechte Ecke gestellt.“
Ob auch ihre jüngsten Vorschläge zur Bildungspolitik für Wirbel sorgen werden? Prien beobachtet, dass die Deutschkenntnisse von Kleinkindern mit Migrationshintergrund immer schlechter werden. Sie will gegensteuern. Wie verrät Sie im Interview:
Frage: Frau Prien, Niedersachsen hat eine Liste veröffentlicht, auf der die Schulen mit dem höchsten Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund stehen. Ihr Bundesland macht das nicht. Warum?
Antwort: Das muss man genau abwägen: Aus unserer Sicht ist das Verhetzungspotenzial größer als der Nutzen, der sich aus der Veröffentlichung solcher Informationen ergibt. Wie viele Kinder mit Migrationshintergrund an einer Schule sind, sagt an sich gar nichts aus. Es gibt zum Beispiel Schulen, an denen gebündelt Sprachkurse angeboten werden. Da gibt es dann logischerweise mehr Kinder mit Migrationshintergrund. Eine solche Statistik wäre verzerrend.
Frage: Wenn eine Schule fast 100 Prozent Schüler mit Migrationshintergrund hat, ist sie dann nicht längst stigmatisiert? Der Verband der Schulleiter sagt, deutsche Eltern würden alle Hebel in Bewegung setzen, um eine Einschulung an solchen Schulen zu verhindern. Beobachten Sie das auch in Schleswig-Holstein?
Antwort: Zunächst ist ein Zuwanderungshintergrund in einer Einwanderungsgesellschaft nicht per se problematisch. Dass Eltern ihre Kinder gezielt woanders in der Schule anmelden, ist überhaupt kein Massenphänomen bei uns in Schleswig-Holstein. Sehr vereinzelt kommt es vor, dass Eltern ihre Kinder nicht auf die Schule geben wollen, in deren Einzugsgebiet beispielsweise eine große Flüchtlingseinrichtung mit entsprechend vielen Kindern liegt. Aber das sind Ausnahmen.
Frage: In Schleswig-Holstein gibt es fünf Schulen mit einem Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund der über 75 Prozent an der Gesamtschülerschaft liegt. Wie macht sich der hohe Anteil im Unterricht bemerkbar?
Antwort: Nicht nur von diesen Schulen, sondern auch darüber hinaus höre ich: Schüler mit Migrationshintergrund kommen mit immer schlechteren Deutschkenntnissen aus den Familien und aus den Kindergärten. Das ist ein zentrales Problem. Dabei handelt es sich zum größten Teil wohlgemerkt um Kinder, die drei Jahre in den Kindergarten gegangen sind, und die trotzdem kein oder kaum Deutsch sprechen. Offenbar wird auch in manchem Kindergarten mit den Kindern zu wenig deutsch gesprochen.
Frage: Müsste in Kitas Deutschpflicht herrschen?
Antwort: Das ist mir zu etwas zu platt als Forderung. Es gibt schließlich auch bilinguale Kitas, in denen die Kinder eine zweite Sprache lernen. Die will ich ja nicht abschaffen. Was für mich entscheidend ist: Kinder müssen in der Kita Deutsch sprechen lernen, damit sie in der Lage sind, dem Unterricht in der ersten Klasse vernünftig zu folgen.
Antwort: Wer ohne entsprechende Deutschkenntnisse ins Schulleben startet, hat einen erheblichen Startnachteil. Der lässt sich im späteren Verlauf nur mit großen Mühen aufholen. Darauf muss der Staat reagieren.
Frage: Das heißt konkret?
Antwort: Im Kita-Alter muss darauf geachtet werden, wie es um die Deutschkenntnisse der Kinder steht. Wir brauchen verpflichtende Sprachdiagnostik ab dem vierten Lebensjahr. Und werden Defizite festgestellt, dann muss es Förderangebote etwa in Sprach-Kitas geben. Wer anderthalb Jahre vor der Einschulung Sprachdefizite hat, der muss verpflichtend in der Kita zusätzlichen Sprachunterricht erhalten.
Frage: Was ist mit den Eltern? Wenn Kinder kein Deutsch sprechen, liegt das doch auch daran, dass die Eltern die Sprache nicht beherrschen.
Antwort: Auch die Eltern müssen die deutsche Sprache erlernen. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Das wollten viele lange Zeit nicht wahrhaben, aber so ist es nun einmal. Das bedeutet: Wer ins Land kommt, muss Deutsch lernen. So wird das in anderen Einwanderungsländern auch gehandhabt - in den USA, in Kanada oder Israel.
Antwort: Kitas und Grundschulen könnten als Familienzentren zum Lernort werden, an denen auch Sprachkurse für Eltern angeboten werden. Das würde noch einmal mehr betonen, wie wichtig der Spracherwerb ist: Das Grundproblem ist doch: Wer kein Deutsch spricht, kann den Bildungsweg der Kinder nicht gut begleiten.
Frage: Knapp 40 Prozent der Kleinkinder in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Tendenz steigend. Ist das in der Öffentlichkeit eigentlich schon angekommen?
Antwort: Zunächst einmal: Die Mehrheit der Kinder mit Migrationshintergrund geht ihren Weg durch unser Bildungssystem, teilweise mit großem Erfolg, auch wenn ihre Startbedingungen oft schlechter sind. Und ja, viel zu oft ist die Diskussion um Migrationshintergründe mit einem negativen Unterton verbunden.
Antwort: Aber ich sage auch: Diese 40 Prozent sind eine Realität und diese Kinder gehören zu unserer Gesellschaft. Die Aufgabe der Politik ist, das anzuerkennen und daraus die Schlussfolgerungen ziehen. Mit den Rezepten von gestern kommen wir da nicht weiter. Es mangelt an der Differenzierung, wenn in Deutschland über Migration gesprochen wird. Deswegen mein Vorschlag, im Rahmen einer partei- und gesellschaftsübergreifenden Kommission sachlich und unaufgeregt über das Thema Migration beraten und am Ende einen neuen gesellschaftlichen Konsens finden.
Frage: Unemotional über Migration sprechen? In Deutschland? Einem Land, in dem die AfD das Feld von rechts aufrollt?
Antwort: Wenn Politik Probleme benennt und sie ernsthaft pragmatisch lösen will, findet das die Anerkennung in der Bevölkerung. Ich halte es mit Franz-Josef Strauß: Aufgabe der Politik ist es, dem Volk aufs Maul zu schauen, aber ihm nicht nach dem Munde zu reden.
Antwort: Deutschland ist derzeit das einzige Land in der Europäischen Union, das keine schlüssigen Konzepte zur Eingrenzung der Migration verfolgt. Wer in Deutschland überhaupt Fragen zur Zuwanderung stellt, wird schnell in die rechte Ecke gestellt. Es kann doch nicht die Lösung sein zu sagen: ,Dann kommen halt alle und bleiben dann im Zweifelsfall’.
Frage: Sondern?
Antwort: Wir müssen differenzieren zwischen dem Recht auf Asyl, also der Fluchtzuwanderung, wo Deutschland durch verdeckte Erwerbszuwanderung sicherlich an seine Grenzen kommt, und der dringend notwendigen Erwerbszuwanderung.
Antwort: Deutschland benötigt in den kommenden Jahren mehrere Hunderttausend Arbeitskräfte pro Jahr, um dem Arbeits- und Fachkräftemangel zu begegnen. Die werden wir nur dann ins Land bekommen, wenn Deutschland ein weltoffenes Land mit einer Willkommenskultur ist, das Zuwanderung als Chance begreift.