Auricher Bahnreaktivierung  Straßenbahn darf über die Straße fahren

Heino Hermanns
|
Von Heino Hermanns
| 05.06.2023 13:39 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
An der Einmündung des Wallster Weges in die Emder Straße müsste ein Bahnübergang für eine Straßenbahn eingerichtet werden. Foto: Romuald Banik
An der Einmündung des Wallster Weges in die Emder Straße müsste ein Bahnübergang für eine Straßenbahn eingerichtet werden. Foto: Romuald Banik
Artikel teilen:

Neue Bahnübergänge dürfen nicht eingerichtet werden. Das gilt aber laut einem Experten nur für Eisenbahnen. Für Straßenbahnen würden aber andere Regeln gelten.

Aurich - Ein Bahnübergang über den Wallster Weg könnte die Reaktivierung der Bahnstrecke Aurich-Abelitz verhindern. Das hatte Florian Mosig, Sprecher im niedersächsischen Verkehrsministerium, den ON auf Anfrage mitgeteilt. Denn laut Eisenbahnkreuzungsgesetz dürfen keine neuen Bahnübergänge geschaffen werden.

Dem widerspricht nun Verkehrswissenschaftler Dr. Karl-Georg Schroll. Er hat sich lange Zeit mit der Strecke Aurich-Abelitz befasst und im vorigen Jahr ein Buch zu der Geschichte und zu den Perspektiven der Bahnlinie vorgelegt. Er weist im ON-Gespräch darauf hin, dass das Eisenbahnkreuzungsgesetz sich auf „richtige“ Eisenbahnen beziehe. „Es geht hier aber um eine Betriebserlaubnis nach der Betriebsordnung für Straßenbahnen.“ Natürlich, so Schroll, müsse am Wallster Weg ein neuer Bahnübergang geschaffen werden. Das aber werde nach dem vorgelegten Konzept einer „TramTrain“ ein Übergang für eine Straßenbahn sein.

Für einen Bahnanschluss müsste ein Übergang am Wallster Weg geschaffen werden. Grafik: Kirsten Schüür
Für einen Bahnanschluss müsste ein Übergang am Wallster Weg geschaffen werden. Grafik: Kirsten Schüür

Und für eine solche reiche eine Ampelanlage aus. „Es ist ja schon eine Signalanlage vorhanden.“ Sogar der Bahnübergang werde bereits signalisiert – allerdings befinde sich dort momentan noch ein Fußgängerüberweg, der nur den Zweck habe, zum Raiffeisen-Markt zu führen. Wenn es absolut nötig erscheine, so Schroll, könne zusätzlich eine Schrankenanlage installiert werden. Dann müssten die Autos ein paar Sekunden länger warten, wenn ein Zug käme.

Straßenbahnbetrieb bis nach Abelitz

Schroll betont, dass Straßenbahnen sich in allen Städten den öffentlichen Raum mit Autos und sogar mit Fußgängern teilen. Es gebe Orte, in denen Straßenbahnen durch Fußgängerzonen führen. Daher müsste das eigentlich sowohl am Wallster Weg als auch in Moordorf möglich sein. Denn, so Schroll bei einem Pressegespräch im vorigen Jahr, nicht die Bahn teile Moordorf in zwei Hälften. Das geschehe durch die dreispurige Bundesstraße.

Dr. Karl-Georg Schroll tritt für die Reaktivierung der Bahnstrecke Aurich-Abelitz ein. Foto: Heino Hermanns
Dr. Karl-Georg Schroll tritt für die Reaktivierung der Bahnstrecke Aurich-Abelitz ein. Foto: Heino Hermanns

Bis nach Abelitz könnte nach dem Vorschlag von Schroll die Bahn als Straßenbahn betrieben werden. Mit vielen Vorteilen: Es könnten zahlreiche Haltepunkte eingerichtet werden, die vom „TramTrain“ angesteuert werden könnten. Nicht nur Moordorf könnte davon profitieren. In seinem Buch über die Strecke beschreibt Schroll die Idee, in Höhe des Dreekamp die Züge zu teilen. Ein Teil würde dann zum neuen ZOB an der Sparkassen-Arena fahren. Der andere könnte über den Wagenweg bis nach Sandhorst oder sogar Dietrichsfeld rollen und dort zahlreiche weitere Haltestellen bedienen.

Alte Strecke wurde nie entwidmet

Wortwörtlich am Zug sei dabei auch der Landkreis Aurich. Denn der öffentliche Personennahverkehr sei Aufgabe des Landkreises Aurich. „Und damit sind nicht nur Busse, sondern ausdrücklich auch Straßenbahnen gemeint.“ Es handele sich dabei um eine öffentliche Daseinsvorsorge wie Schwimmbäder und Bildungseinrichtungen. Der Kreis kommt dieser Aufgabe grade nach. Er hat eine Machbarkeitsstudie zur Reaktivierung der Bahnstrecke für den Personenverkehr in Auftrag gegeben.

Straßenbahnen teilen sich – wie hier in Bremen – oft den öffentlichen Raum mit Autos und sogar mit Fußgängern. Foto: DPA
Straßenbahnen teilen sich – wie hier in Bremen – oft den öffentlichen Raum mit Autos und sogar mit Fußgängern. Foto: DPA

Laut Karl-Georg Schroll dürfte es kein Problem sein, die alten Gleise ab dem jetzigen Prellbock bis zum Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz wieder aufzubauen. Denn es sei nie ein Antrag auf Freistellung eingereicht worden. Das bedeutet, die alte Bahnstrecke ist noch für den Bahnbetrieb gewidmet. Das könne auch gelten, obwohl dort nun unter anderem der Raiffeisen-Markt gebaut worden sei. Schroll verweist auf eine Strecke in Siegburg, die bereits komplett freigestellt gewesen war. Dann habe ein Eisenbahnunternehmen ein Konzept für die Reaktivierung vorgelegt. „Heute fahren dort wieder Züge.“

Das niedersächsische Verkehrsministerium verfügt laut Sprecher Florian Mosig über keine Daten, ob die Strecke bis zur Sparkassen-Arena freigestellt ist oder nicht. Das müsste das Eisenbahnbundesamt (EBA) klären, da der letzte Betreiber auf der Strecke die Deutsche Bundesbahn gewesen sei. Das EBA konnte auf ON-Anfrage dazu jedoch auch nichts sagen. Generell aber würde auch eine Entwidmung die Reaktivierung nicht unmöglich machen, so eine Sprecherin des EBA auf ON-Anfrage.

Ähnliche Artikel