Bad Muskau Alfons starb mit neun Jahren – und wird nun zum Kinderbuchautor
Wenn Eltern ihr Kind verlieren, fallen sie in ein emotionales Loch. Erinnerungen können helfen, mit dem Verlust klar zu kommen. Alfons Quint aus Sachsen hat eine besondere Geschichte hinterlassen.
Anett Quint kann sich noch gut an den Tag erinnern. Gemeinsam mit ihrem damals siebenjährigen Sohn Alfons hat sie am Küchentisch im Familiennest in Bad Muskau-Köbeln (Landkreis Görlitz) gesessen. Dem Sohnemann war etwas langweilig. Doch das änderte sich schlagartig, plötzlich sprudelten die Wörter förmlich aus Alfons heraus.
„Der Steinbock Springinsfeld“ sprang quasi aus ihm heraus. Den Namen oder gar die abenteuerliche Geschichte, die das Tier erlebt, waren der Mutter bis dahin vollkommen unbekannt gewesen. Aber sie konnte nicht lange überlegen, sondern musste alles ganz schnell mitschreiben. Wie Springinsfeld aussehen sollte, das malte Alfons dann doch lieber selber auf. Schon bald sahen seine Freunde das Heft und die Geschichte.
Was vor über fünf Jahren seinen Anfang genommen hat, mündet nun in einem Kinderbuch. Alfons selbst wird dieses Buch nicht mehr anfassen oder gar lesen können. Der Junge lebt nicht mehr. Im Oktober 2018 war er mit neuneinhalb Jahren gestorben. Er war am Myelodysplastische Syndrom (MDS) – eine Erkrankung des Knochenmarks – erkrankt und erlag den Nebenwirkungen einer Stammzelltransplantation.
Fünf Monate begleiteten seine Eltern Anett und Alexander sowie sein älterer Bruder Carl den Kampf des kleinen Jungen: erst im Carl-Thiem-Klinikum Cottbus, später in der Charité Berlin.
„Ich hätte gar nicht eher die Kraft gehabt“, sagt Anett Quint dazu, warum das Buch erst kürzlich das Licht Welt erblickt hat. Und vielleicht wäre das auch nie passiert, wenn nicht zwei Freundinnen den entscheidenden Anstoß gegeben hätten.
Joanna Bojanowska kennt Anett Quint noch aus ihrer Arbeit als Sozialpädagogin. Die Grafikerin hat die Geschichte vom Steinbock Springinsfeld gezeichnet. Momo Kohlschmidt – vielen als Schauspielerin und Sängerin bekannt – hat das Buch gestaltet. „Macht mal, habe ich gesagt“, erzählt Anett Quint, die die Herausgeberin ist. Und die beiden Frauen haben ihrer Sicht ganze Arbeit geleistet.
Es ist ein farbenfrohes Buch entstanden, dass der Fantasie des kleinen Geschichtenerfinders den richtigen Rahmen gibt. „Alfons‘ Geschichte erzählt von seiner Lebensfreude, von Freundschaften, Abenteuern und Wünschen, die manchmal in Erfüllung gehen“, findet Anett Quint. Sie freut sich. „Es ist ein richtiges Kinderbuch geworden.“ Alfons war nicht nur gut im Geschichtenerfinden. Er hat gemalt, getöpfert und gebastelt. Fast 100 Fimo-Figuren – bunte Knetmännchen – stehen nach wie vor im Zuhause in Köbeln. „Nur gut, er hat uns viel hinterlassen.“ Vielleicht, weil seine Zeit begrenzt war? Diese, seine Kreativität soll auch nach seinem Tod ausstrahlen, gern ansteckend sein, andere Kinder animieren. Deshalb gibt es begleitend zum Buch eine Internetseite. Sie will Kinder ermutigen, eigene Bilder und Geschichten zu malen und/oder zu schreiben und hochzuladen. Außerdem gibt es am 10. Juni eine Lesung im Haus in Bad Muskau.
Anett Quint freut sich auf das Gewusel in ihrem Haus an diesem Tag. Dort war es die vergangenen fünf Jahre immer ruhiger geworden. Mancher trägt ihr nach, wie sehr sie trauert... Mittlerweile ist sie sehr gefasst, wenn sie über das Schicksal spricht, das ihre Familie aus heiterem Himmel ereilt hat.
Alfons war vor der Haustür zusammengebrochen. Die Diagnose kam wie ein Hammerschlag. Zwischendurch immer wieder die Hoffnung, es könne Hilfe geben. Am größten war sie, als schnell ein Stammzellenspender gefunden werden konnte. Doch die Auswirkungen des Behandlungsmarathons waren nach gut fünf Monaten zu viel für den kleinen Körper.
„Mama, ich will nicht sterbseln, hat er zu mir gesagt“, erzählt Anett Quint. Doch sie und alle anderen mussten ihn schließlich gehen lassen. „Aber ich muss Alfons nicht loslassen.“ Durch das Buch bleibt ein Teil von ihm – für immer!
Dieser Artikel erschien zuerst in der Lausitzer Rundschau.