Sprachtests und Leseschwäche  Auricher Schulleiter sehen klaren Förderbedarf

Kim Hüsing
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Von Kim Hüsing
| 02.06.2023 07:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Kinder lesen in einer Grundschule. Einige haben jedoch erhöhten Förderbedarf, wie Auricher Schulleiter berichten. Foto: DPA
Kinder lesen in einer Grundschule. Einige haben jedoch erhöhten Förderbedarf, wie Auricher Schulleiter berichten. Foto: DPA
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Einigen Schülern fällt das Lesen schwer. Deshalb wünschen sich Auricher Schulleiter weitere Fördermöglichkeiten. Von zusätzlichen Tests halten sie aus einem Grund wenig.

Aurich - Für zusätzliche Sprachtests hat Renate Ippen als Leiterin der Grundschule Middels nicht viel übrig. „Das Geld sollten sie lieber in bessere Fördermöglichkeiten stecken“, so Ippen. Der Verband der Schulleiter hatte kürzlich einen verbindlichen Sprachtest vor der Einschulung gefordert. Doch in Niedersachsen übernehmen die Überprüfung und Förderung seit einigen Jahren die Kindergärten. „Wer schulpflichtig wird und nicht in den Kindergarten geht, wird ein Jahr vor der Einschulung durch Lehrer der Grundschule gefördert“, sagt Wolfgang Neiweiser, Leiter der Auricher Finkenburgschule. Doch die Sprache allein sei kein Grund, um einem Kind die Schulfähigkeit abzusprechen.

Um potenzielle Erstklässler zurückstellen zu können, müssten kognitive oder sozial-emotionale Defizite vorliegen, erklärt Neiweiser. Etwa 30 Prozent seiner Schüler hätten einen Migrationshintergrund. Manche würden die Sprache schneller lernen als andere. „Das hängt auch vom Elternhaus ab“, sagt der Schulleiter. Wenn dort kein Deutsch gesprochen würde, obwohl die Familie seit Jahren in Deutschland lebt, habe es das Kind in der Schule meist schwerer.

Besondere Förderprojekte

Die sogenannte Iglu-Studie hat jüngst aufgezeigt, dass immer weniger Grundschüler fließend lesen könnten. Diese Einschätzung möchte Neiweiser so nicht kommentieren. Denn Kinder mit erhöhtem Förderbedarf beim Lesen gebe es immer. Gerade durch die Abschaffung der Förderschulen würden diese Inklusionskinder, sogenannte I-Kinder, ebenfalls in den normalen Klassen unterrichtet. Durch den höheren Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund sei derzeit der Förderbedarf an der Finkenburgschule jedoch vermehrt zu spüren, sagt Neiweiser.

Er und seine Kollegen würden auf die Leseinseln, ein Projekt des Auricher Kinderschutzbundes, hinweisen. Außerdem hätte das Team der Finkenburgschule die Fokusevaluation durch die Schulbehörde vor einiger Zeit genutzt, um weitere Methoden zum Lesen lernen zu etablieren. Darunter falle laut Neiweiser auch das Programm „DaZ“ – Deutsch als Zweitsprache. Dieses wäre in der Vergangenheit von Lehrkräften mit einer speziellen Ausbildung angeboten worden. Inzwischen könnte es auch von anderen Lehrkräften begleitet werden. Hierbei würden Kinder speziell im Bereich Lesen, Schreiben und Sprechen gefördert. Hinzu kämen an seiner Schule noch ehrenamtlich tätige „Lesemütter“, die mit den Kindern Geschichten erarbeiten.

Elternhaus kann beim Lernen unterstützen

Manche Schüler würden durch die Förderung große Fortschritte machen, andere seien langsamer, berichtet Neiweiser. Wer stark in der Leistung zurückbleibe, werde auf sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf überprüft. Dabei würde geschaut, ob nur die Sprache das Problem ist oder auch eine andere Behinderung zugrunde liegt. In diesem Fall würde ein Förderbedarf festgestellt, und das Kind könne andere Lernmaterialien bekommen. Liege es an der Sprache, bleibe nicht mehr viel. „Wir sprechen mit den Eltern und raten an, Deutsch zu sprechen, deutsche Filme zu schauen und den Kindern vorzulesen“, so Neiweiser. „Mehr können wir nicht tun.“

Auch Renate Ippen und ihr Team bieten den Schülern an der Grundschule Middels mehrere Fördermöglichkeiten an. Beispielsweise sei die Leseinsel vor Ort ansässig und würde den Kindern mit Silben und Fingerzeichen beim Lesen helfen, erzählt Ippen. Wer an dem Punkt sei, das Prinzip hinter dem Lesen verstanden zu haben, brauche viel Übung. „Das muss dann auch zu Hause passieren. Als Schule allein können wir das nicht leisten.“ Durch das Vorlesen und Zuhören würden die Kinder ein Gefühl für die Sprache entwickeln.

Fehlende Kindergartenplätze verschärfen Situation

Mehr Förderung sei wichtig. Doch würden die Lehrerstunden dafür oft nicht ausreichen, sagt Ippen. Deshalb halte sie wenig vom „Übertesten“. Stattdessen sollten Fördermöglichkeiten ausgebaut werden. Die Grundschulen würden die Kinder bei der Anmeldung im Gegensatz zu früher kaum noch zu Gesicht bekommen. Die meisten Überprüfungen würden durch die Kindergärten vorgenommen. Nur bei Bedarf würden die Kindergärten die Schulen auf auffällige Kinder hinweisen. „Dann fahren wir raus und schauen uns die Kinder selbst an“, sagt Ippen. Durch die Vorsorge falle in der Regel schon auf, wenn jemand Defizite habe. Halte die Schule jedoch Logopädiestunden für sinnvoll, würden diese von Kinderärzten oft nicht verordnet. „Es gibt immer noch die landläufige Meinung, dass verwachse sich schon“, ärgert sich Ippen.

Betroffen von der Leseschwäche seien bei ihr an der Schule auch deutsche Kinder. Bei den Kindern mit Migrationshintergrund fallen Ippen insbesondere diejenigen auf, die nicht im Kindergarten waren. Die Schulleiterin fände deshalb ein verpflichtendes Kindergartenjahr sinnvoll. Doch dafür reichten die Kapazitäten in den Einrichtungen nicht aus. Auf ihre Schule gehen derzeit drei ukrainische Schüler, die auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne wohnen. Zwei davon seien sehr gut im Englischen, eine komme auch mit der deutschen Sprache schon gut zurecht. Sorge bereitet Ippen momentan eine ukrainische Familie, deren Kind in einem Jahr eingeschult werden soll. „Es hat keinen Kindergartenplatz bekommen.“ Da kämpfe sie nun drum, um dem Kind einen guten Start zu ermöglichen.

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