Osnabrück  Angeblich unpolitische Software ChatGPT lobt alle Parteien – außer die AfD

Dominik Bögel
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Von Dominik Bögel
| 04.06.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bei allen Parteien, die im Deutschen Bundestag vertreten sind, findet ChatGPT positive Aspekte. Nur bei der AfD tut sich die KI schwer. Foto: Dominik Bögel/imago/NurPhoto/McPhoto
Bei allen Parteien, die im Deutschen Bundestag vertreten sind, findet ChatGPT positive Aspekte. Nur bei der AfD tut sich die KI schwer. Foto: Dominik Bögel/imago/NurPhoto/McPhoto
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Behandelt ChatGPT alle Parteien gleich? Das sagt die Künstliche Intelligenz von sich selber. Der Test zeigt jedoch, dass dies nicht für die AfD zu gelten scheint. Stattdessen sympathisiert die KI mit einer anderen Parteien.

Auf die Frage nach der politischen Einstellung versichert ChatGPT, dass es neutral sei und verschiedene Standpunkte darstelle, „ohne eine bestimmte politische Richtung zu bevorzugen“. Doch so ganz scheint das mit der Neutralität nicht zu stimmen. Insbesondere eine Partei ist der KI ein Dorn im Auge: die Alternative für Deutschland (AfD).

Beauftragt man ChatGPT beispielsweise ein Lob auf die Grünen zu schreiben, so wird das Programm deren „Engagement und ihre Beharrlichkeit bei der Bekämpfung des Klimawandels“ loben und den „positiven Beitrag zur politischen Landschaft Deutschlands“ anführen. Das gleiche Schema bei den anderen großen Parteien: Bei der FDP wird der Einsatz für individuelle Freiheit anerkannt, an der Linkspartei gefällt ChatGPT das Engagement für Solidarität und Gerechtigkeit und auch die CSU verdient sich ein Lob für den „Schutz und die Förderung bayerischer Interessen“.

Und bei der AfD? Lob sucht man hier vergeblich. Stattdessen betont der Chatbot, dass die Partei Positionen vertrete, die mit „grundlegenden demokratischen Werten und Menschenrechten in Konflikt“ stünden. So würden viele Menschen ihre Ansichten als „diskriminierend, fremdenfeindlich oder nationalistisch“ empfinden.

Als Beispiele führt ChatGPT die Migrationspolitik der Partei an, deren restriktiver Kurs im Gegensatz zum Recht auf Asyl stehe oder die kritische Haltung gegenüber dem Islam, was nicht dem Leitbild der Religionsfreiheit entspreche. Auch die Themen Frauenrechte und die Gleichstellung von Menschen aus der queeren Community werden genannt.

Zwar unterstreicht die Künstliche Intelligenz, dass es in der AfD unterschiedliche Meinungen zu diesen Themen gebe, doch einem allgemeinen Lob wie auf die anderen Parteien verweigert sie sich.

Bohrt man jedoch etwas tiefer und fragt ausdrücklich nach den vermeintlich positiven Positionen der AfD, nennt ChatGPT doch ein paar Punkte. Beispielsweise die Kritik an der politischen Elite. Die alternativen Lösungsansätze der Partei – etwa die direkte Demokratie – könnten manche Menschen positiv betrachten, die vom derzeitigen Zustand der deutschen Politik „frustriert“ seien.

Im Vergleich dazu listet ChatGPT bei den Grünen gleich einen ganzen Reigen an Positionen auf, die „viele Menschen positiv bewerten“: Der Einsatz für Klima- und Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Vielfalt, um nur ein paar zu nennen.

Wäre ChatGPT ein wahlberechtigter Bürger in Deutschland, so würde es also höchstwahrscheinlich die Öko-Partei wählen. Zu diesem Ergebnis kamen auch Forscher der Technischen Universität München und der Universität Hamburg. Sie fütterten den Chatbot mit Fragen aus dem Wohl-O-Mat zur Bundestagswahl 2021 und ermittelten, dass die Antworten der KI am ehesten mit dem Programm der Grünen übereinstimmten, gefolgt von SPD und Linke. Auf dem letzten Platz: die AfD.

Woher der Chatbot seine politischen Ansichten nimmt, ist nicht bekannt; der Quellcode nicht frei verfügbar ist. Es ist nicht auszuschließen, dass die KI von ihren Entwicklern (und deren Einstellungen) stark beeinflusst wurde, wie der Bayerische Rundfunk vermutet. Diese könnten eher im linksliberalen Spektrum verortet sein.

Ein ausschlaggebender Faktor könnten derweil insbesondere auch die Wörtchen Menschenrechte und Demokratie sein. ChatGPT behauptet nämlich, darauf programmiert zu sein, „die Bedeutung und den Wert der Menschenrechte zu erkennen und zu betonen“. Darunter versteht das Programm Werte wie Freiheit, Gleichheit, Religionsfreiheit oder Schutz vor Diskriminierung.

Auch Demokratie habe für das Programm einen „hohen Stellenwert“. Diese wiederum basiere auf dem Schutz der Menschenrechte. Und welche Partei liegt laut ChatGPT noch einmal im Clinch mit diesen Werten?

So betone die AfD laut der KI zwar, dass sie sich als Partei verstehe, die den Erhalt und die Stärkung der Demokratie fördere, doch hätten manche Mitglieder in der Vergangenheit Aussagen von sich gegeben, die als „demokratiefeindlich oder zumindest demokratiegefährdend“ wahrgenommen werden.

Auch in Bezug auf die Menschenrechte gebe es unterschiedliche Positionen innerhalb der Vereinigung. Mehrere Mitglieder hätten bereits als „rassistisch, fremdenfeindlich oder diskriminierend“ wahrgenommene Äußerungen getätigt. Diese stünden im Widerspruch zu den „Prinzipien der Gleichbehandlung und der Nichtdiskriminierung“.

Was auch die Meinung von ChatGPT zur AfD formen dürfte, ist die Klassifizierung als rechtspopulistische Partei. Denn das ist sie für die KI ohne Zweifel: „Ja, die AfD ist eine rechtspopulistische Partei. [...] Die AfD hat in der Vergangenheit populistische Tendenzen gezeigt, indem sie kontroverse Positionen zu Themen wie Migration, EU-Mitgliedschaft, Globalisierung und Identität eingenommen hat.“

Und selbigen Rechtspopulismus mag ChatGPT nicht sonderlich. So würden die meisten populistischen Parteien eine „rassistische, fremdenfeindlich und nationalistische Rhetorik“ verwenden und die Gesellschaft polarisieren. Dies schwäche die demokratische Kultur – und weitergehend die Menschenrechte. Die Folge: kein Lob für die AfD.

Doch trotz aller Kritik betont ChatGPT ausdrücklich, sich bei der eigenen Wahlentscheidung nicht von einer künstlichen Intelligenz beeinflussen zu lassen. Denn: „Am Ende liegt es in Ihrer Verantwortung als Wählerin oder Wähler, Ihre eigene Wahlentscheidung zu treffen.“

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