Grabow Mobbing unter Schülern: „Sie nannten mich Missgeburt und Schwuchtel“
Schulkameraden drohten ihm mit Schlägen und Messerangriffen. Ein Jahr lang wurde der Junge deshalb zu Hause unterrichtet. Wie das sein Leben verändert hat und wie die Schule in Grabow in Mecklenburg-Vorpommern darauf reagierte.
Jeden Tag müsse er sie ertragen – die Beleidigungen seiner Mitschüler. Meistens würden sie Schwuchtel zu ihm sagen – oder Missgeburt. Er* ist ein Schüler der 10. Klasse an der Schule „Friedrich Rohr“ in Grabow. Die Beschimpfungen, an die er sich noch ganz genau erinnere, habe er immer über sich ergehen lassen. „Ich habe versucht, es zu ignorieren“, sagt der 16-Jährige. Doch es habe nie aufgehört.
Und es sei nicht nur bei verletzenden Worten geblieben. „Sie haben meine Jacke auf den Boden geworfen und draufgespuckt“, sagt er. Ihm würden viele weitere Beispiele einfallen. So sei er mit kleinen Plastikkügelchen beworfen worden, ihm sei mit Schlägen und sogar mit einem Messerangriff gedroht worden, erzählt der 16-Jährige.
Seine Mutter* schluckt, bevor sie etwas sagt. „Man fühlt sich hilflos.“ Und doch habe sie es versucht. Schließlich ist es ihr Sohn, der fast jeden Tag weinend nach Hause komme und nicht mehr zur Schule gehen wolle. „Ich hatte so viele Gespräche mit der Schulleitung, Schulsozialarbeitern. Es hat sich aber nichts geändert. Er wurde immer weiter gemobbt. Er hat so oft gesagt: ,Mir reicht es jetzt, ich gehe da nicht mehr hin.‘“ Zu sehr habe er unter den Beleidigungen und den Drohungen gelitten.
Deswegen beantragte sie beim Bildungsministerium Homeschooling für ihren Sohn. Die Aufgaben der 9. Klasse machte er online, ohne die Schule zu besuchen, während die anderen Kinder jeden Tag zum Unterricht gingen. Das sei nicht immer leicht gewesen, sagt der Schüler selbst. „Aber allemal besser als zur Schule zu gehen.“
Die Regionale Schule wisse von der Situation. „Der Schule ist selbstverständlich bekannt, dass ein Junge von seinen Mitschülern aufgrund seines Verhaltens nicht ernst genommen und geärgert worden ist“, heißt es von Henning Lipski, Pressesprecher des Bildungsministeriums MV. Die Schule habe sämtliche Maßnahmen eingeleitet, um die Situation umgehend zu ändern.
„Es fand ein Gespräch mit der Mutter des Kindes statt. Der Schüler wurde zeitweise in Distanz beschult. Ebenso wurden Gespräche mit Mitschülerinnen und Mitschülern geführt. So konnten die Vorkommnisse aufgeklärt werden“, sagt Henning Lipski. Dabei seien die zuständige Psychologin aus dem Fachbereich Diagnostik und Schulpsychologie sowie das Staatliche Schulamt einbezogen worden, heißt es aus dem Ministerium.
All das habe laut der Mutter des betroffenen Schülers nichts gebracht. Trotz präventiver Maßnahmen, so Henning Lipski, könne nicht immer sichergestellt werden, dass sich Schüler an die Absprachen und Regeln für ein respektvolles Miteinander halten und die anderen Mitschüler respektieren. „Die Schule hat den Umgang mit Mobbing in Klassenleiterstunden, Projekten und im Unterricht thematisiert.“ Henning Lipski versichert: „Der Schüler kann sich jederzeit an die Schulleitung sowie an alle Fachlehrkräfte der Schule wenden.“
Die Schulsozialarbeiterin der Grabower Schule, Sabine Wendt, spricht von generell schweren Zeiten. Es sei nicht immer gleich Mobbing. Sondern auch manchmal einfache Konflikte. Aber sie beobachte den Trend, dass die Schüler immer frustrierter und aggressiver würden. An der Grabower Schule, aber auch an allen anderen Schulen, sagt sie. Werteverfall, Corona, Krisen, Lehrermangel – nennt sie ein paar Auslöser. Überall, wo Menschen aufeinandertreffen, gebe es Konflikte und auch Mobbing.
„Wie Menschen mittlerweile miteinander umgehen, auch an unserer Schule, empfinde ich nicht als normal“, sagt die Schulsozialarbeiterin in Grabow. Zu große Klassen könnten durch den Lehrermangel auch ein Konfliktpotenzial darstellen. „Das macht alles was mit den Kindern.“ Dennoch sagt Henning Lipski, dass es keinen weiteren bekannten Mobbing-Vorfall an der Schule in Grabow gebe.
Mittlerweile macht der 16-Jährige seinen Schulabschluss an der Schule in Grabow. Wenn er die Prüfungen besteht, habe er die Realschule geschafft und bekomme sein Zeugnis. Sein Berufswunsch: Modedesigner.
Und diesem Ziel komme er schon bald ein Stück näher. Denn es stehe schon fest, dass er auf die Designhochschule in Schwerin gehen werde. „Erst wollte ich nicht“, sagt er. So groß sei die Angst vor Mitschülern, vor Teamarbeit, vor Zurückweisung und Ausgrenzung, die er in seinem Leben schon so oft erfahren hätte. Doch er gab sich einen Ruck.
*Namen der Redaktion bekannt