Integration im Kreis Aurich Ukrainische Schüler beteiligen sich kaum am Unterricht
Zwei Schulleiter im Kreis Aurich berichten von ihren Erfahrungen mit ukrainischen Schülern. Sie blieben lieber unter sich. Das bringt einige Probleme mit sich.
Aurich - An der Auricher Realschule werden derzeit 18 ukrainische Schüler unterrichtet. Doch etwa die Hälfte beteiligt sich nicht, wie Schulleiterin Kathrin Peters sagt. „Das hätte ich so nicht erwartet“, wundert sie sich über das Verhalten. Bei anderen Geflüchteten, beispielsweise aus Syrien, habe sie diesen Eindruck nie gehabt. Doch die ukrainischen Jugendlichen wären fest davon überzeugt, bald in ihre Heimat zurückzukehren.
Zunächst sei das Schulteam davon ausgegangen, dass die Schüler nur eine Weile brauchen würden, um sich einzubringen. „Wir haben eine Willkommensgruppe. Dort bekommen sie exklusiven Deutschunterricht“, berichtet Peters. Doch viele Schüler würden sich regelrecht verweigern. Im Gespräch mit den Eltern habe sie schon mehrfach erlebt, dass diese die Situation anders einschätzen als ihre Kinder. Doch die Lehrer könnten nichts machen, wenn die ukrainischen Schüler nicht mitmachen.
Ukrainische Pädagogin für Willkommensklasse
Geflüchtete haben zwei Jahre Zeit, die deutsche Sprache zu erlernen. Erst dann würden ihre schulischen Leistungen bewertet, so die Auricher Schulleiterin. „Viele Ukrainer bei uns scheinen davon auszugehen, dass sie vorher in ihre Heimat zurückkehren können und sich das nicht lohnt“, sagt Peters. Zwar wünsche sie ihnen genau das. Doch dass sie sich daran klammern, mache Peters traurig. Viele der Schüler seien nach wie vor mit ihren ukrainischen Schulen vernetzt. Peters fände es schön, wenn die Jugendlichen die Zeit in einer deutschen Schule auch als Chance sehen würden, eine neue Sprache zu lernen. „Das kann auch später ein Benefit sein.“ Doch stattdessen blieben die Ukrainer vermehrt unter sich.
Die Willkommensklasse arbeitet jahrgangsübergreifend. Sie habe allein das Ziel, den ukrainischen Schülern Deutsch zu vermitteln. Wer lernen wolle, leide unter der Situation mit den Mitschülern. Dies ist Peters zwar bewusst, doch die Klasse teilen, kann sie nicht. Dafür fehle das Personal. Denn das pädagogische Mitarbeiter-Budget der Schule sei begrenzt. Eine ukrainische Mitarbeiterin hat die Realschule inzwischen. Sie lebt seit 15 Jahren in Deutschland und betreut die Willkommensklasse. „Sie ist entsetzt, wie wenig sich die Schüler einbringen“, schildert Peters. Sie selbst und ihr Team seien wohl nach Kriegsausbruch „blauäugig“ an die Sache herangegangen. Denn die Schule habe Willkommensrucksäcke mit Schulmaterialien gepackt und sich sehr bemüht. Doch nur wenige ukrainische Jugendliche würden die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, auch nutzen.
18 ukrainische Schüler an der IGS Ihlow
Von ähnlichen Erfahrungen berichtet auch Günter Tautz als Leiter der Ihlower Integrativen Gesamtschule (IGS). „Ich habe Verständnis für ihre Lage, finde das Verhalten aber nicht gut“, so Tautz. Die ukrainischen Schüler würden sich in einer Art Schwebezustand befinden. Ein paar der 18 ukrainischen Jugendlichen an der IGS seien offen. Sie würden lernen und sich integrieren wollen. Andere wiederum würden sich sehr schwertun.
Für die Lehrkräfte sei es manchmal schwierig herauszufinden, wie viel die Geflüchteten aus Osteuropa verstehen, so Tautz. Wer nicht lernen wolle, würde sich auch nicht in die Karten gucken lassen. Manche Schüler würden nun langsam auftauen, andere säßen nur still dabei. „Solange sie nicht groß den Unterricht stören, hoffen wir, sie nehmen dennoch etwas mit“, sagt Tautz resigniert. Integration klappe nur, wenn das Gegenüber dies auch wolle.
Ukrainer bleiben lieber unter sich
Einen Tag die Woche können die ukrainischen Schüler, die in Ihlow auf mehrere Klassen verteilt wurden, einen Sprachkurs an der Kreisvolkshochschule Aurich besuchen. „Dafür stellen wir die Ukrainer vom Unterricht frei“, so der Leiter. Einige würden zudem noch digital von ihren Schulen in der Heimat mit Aufgaben versorgt. Diese erledigen die Schüler häufiger während des regulären Unterrichts. Manchmal würden die Ukrainer auch für den Fernunterricht in einem anderen Raum der IGS sitzen. „Doch wir können nicht kontrollieren, was sie dort mitnehmen“, sagt der Ihlower Schulleiter.
Auch er habe die Erfahrung gemacht, dass die Eltern oft zugänglicher als die Kinder selbst seien. „Sie scheinen zu Hause oft etwas anderes zu erzählen“, stellt Tautz in Elterngesprächen fest. Das Verhalten der ukrainischen Schüler sei auch an der IGS völlig anders als das anderer Geflüchteter. „Sie wollen so schnell wie möglich wieder nach Hause.“ Gerade am Anfang seien die Ukrainer vermehrt unter sich geblieben. Das habe das Erlernen der deutschen Sprache erschwert. Mittlerweile hätten sich zwar Freundschaften mit anderen Kindern ergeben, sagt Tautz. Dennoch blieben sie verstärkt unter sich. „Das gibt ihnen wohl ein Heimatgefühl“, vermutet der Schulleiter.