Hamburg  Wenn fast alle Schüler Migrationshintergrund haben – Das fordern Rektoren

Dirk Fisser
|
Von Dirk Fisser
| 28.05.2023 06:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Schulleiter fordern eine Ausweitung verpflichtender Sprachtests für Kleinkinder, bevor diese in die Grundschule kommen. Foto: dpa/Rainer Jensen
Schulleiter fordern eine Ausweitung verpflichtender Sprachtests für Kleinkinder, bevor diese in die Grundschule kommen. Foto: dpa/Rainer Jensen
Artikel teilen:

An manchen Schulen haben die wenigsten Schüler Deutsch als Muttersprache. Von Brennpunktschulen ist dann schnell die Rede. Was bedeutet das für den Schulalltag? Und wie sieht es statistisch in Niedersachsen aus?

Die Gräfenau-Grundschule in Ludwigshafen ist mittlerweile bundesweit bekannt. Als sich herumsprach, dass von 132 Erstklässlern 40 vermutlich nicht versetzt werden, wollten Medien und Bildungspolitiker wissen, was da wohl los sei. Die Rektorin verwies darauf, dass 98 Prozent der Schüler an ihrer Schule Migrationshintergrund hätten. Viele sprechen offenbar schlecht Deutsch oder verstehen es gar nicht.

Von Brennpunkt-Schule wird seitdem häufig gesprochen. Die Landespolitik versprach, Hilfe zu schicken. Doch die Lehranstalt in Rheinland-Pfalz ist nicht allein mit derartigen Problemen. Gudrun Wolters-Vogeler ist, vereinfacht gesagt, Deutschlands oberste Schulleiterin. Als Vorsitzende des Allgemeinen Schulleitungsverbandes ist sie Interessenvertreterin der Rektoren – und weiß um die Probleme in der Fläche.

„Die Aufgabe der Schulen ist es, die Kinder zukunftsfähig und alltagstauglich aufzustellen”, sagt Wolters-Vogeler und schiebt hinterher: „Das können Lehrer aber nicht leisten, wenn sie die Kinder nicht verstehen und andersherum.” Solche Sprachprobleme setzten sich auch bei älteren Kindern und Jugendlichen fort: „Wie soll man Fachbegriffe verstehen, wenn man die Wörter drumherum in einem Text nicht kennt”, fragt Wolters-Vogeler.

Sie fordert daher, dass sich alle Bundesländer an Hamburg ein Vorbild nehmen sollten, hier leitet die Verbandschefin eine Grundschule. In der Hansestadt werden Kinder weit vor der Einschulung einer verpflichtenden Sprachuntersuchung unterzogen. Bei mangelnden Deutschkenntnissen erhalten sie schon vor dem Grundschulstart Sprachunterricht.

Solche verpflichtenden Sprachtests müssten ausgeweitet werden, sagt Wolters-Vogeler, denn: „Es muss sichergestellt werden, dass Kinder mit einem ausreichenden Wortschatz ins Schulleben starten. Und wer ihn nicht hat, muss ihn möglichst vorher erwerben.” Nur so hätten Kinder mit Migrationshintergrund eine Chance im deutschen Schulsystem.

Besonders im Fokus stehen dabei Schulen mit einem hohen Anteil solcher Schüler, auch wenn das nicht zwangsläufig etwas über die Deutschkenntnisse aussagt. Wer gilt überhaupt als Kind mit Migrationshintergrund? Die Kultusminister der Bundesländer haben sich dazu auf eine Definition geeinigt: Nicht in Deutschland geboren, keine deutsche Staatsangehörigkeit, eine Familie, in der nicht primär Deutsch gesprochen wird. Ein Kriterium reicht, um statistisch erfasst zu werden.

Seit dem Schuljahr 2019/2020 werden entsprechende Statistiken geführt. Auswertungen zeigen: Schulen wie die Gräfenau-Grundschule in Ludwigshafen mit einem sehr hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund gibt es auch in Norddeutschland - allerdings sehr ungleich über den Norden verteilt.

So teilt das Kultusministerium in Mecklenburg-Vorpommern mit, es habe im Schuljahr 2021/2022 im ganzen Bundesland keine Schule gegeben, an der 75 Prozent oder mehr der Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund gehabt hätten. Für das aktuelle Schuljahr lägen noch keine Daten vor, heißt es aus Schwerin.

Anders in Schleswig-Holstein: Hier gibt es derzeit fünf Schulen mit einem Anteil von 75 Prozent oder mehr. In Niedersachsen sind es 31. Welche Lehranstalten das sind? Das Kultusministerium aus Kiel macht dazu keine Angaben, das aus Hannover schon. Die AfD-Fraktion im Landtag hatte es abgefragt.

Die Antwort des Ministeriums zeigt, dass an fünf Schulen 90 Prozent der Schüler oder mehr einen Migrationshintergrund haben: Die Gertruden-Grundschule in Lohne (90,7 Prozent), die Grundschule Mühlenberg in Hannover (95,1 Prozent), die Oberschule Ricklingen in Hannover und die Grundschule Heiligenwegschule in Osnabrück (97,9 Prozent).

Kann das sein? Die Schulen sind zwar in Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Migranten beheimatet, aber dass es hier fast keine Schüler ohne Migrationshintergrund geben soll, verwundert.

Verbandschefin Wolters-Vogeler hat dafür eine Erklärung: Sie stelle fest, dass Schulen mit einem hohen Anteil an Migranten häufig von deutschen Familien gemieden würden. „Da findet soziale Segregation statt”, sagte Wolters-Vogeler. „Hat eine Schule erst einmal den Ruf, einen hohen Migrantenanteil unter den Schülern zu haben, sehen wir, dass Eltern alle Hebel in Bewegung setzen, um ihre Kinder andernorts einschulen zu lassen.”

Ähnliche Artikel