Berlin Warum die schwarze „Arielle“ politisch ist – und wieso Disney darüber schweigt
Mit der schwarzen „Arielle“ Halle Bailey setzt Disney ein Zeichen. Trotzdem vermeidet der Konzern es, den Film auch nur ansatzweise politisch zu deuten. Im Gespräch mit Regisseur Rob Marshall und Produzent John DeLuca fragen wir nach den Gründen.
Wer mit den Kreativen hinter dem Disney-Film „Arielle“ spricht, erfährt zuallererst eins: Hier geht es auf keinen Fall um Politik. Der Film soll nicht „plump und belehrend“ sein, sagt Produzent John DeLuca. Und Regisseur Rob Marshall betont: „Wir haben keine Agenda.“ Dass das alle so betonen, hat einen einfachen Grund: Das Remake ist eben doch ein Politikum.
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Das fängt mit der Besetzung an. Vor vier Jahren stellte Disney den Star vor, der in der Realverfilmung die Meerjungfrau spielt: Halle Bailey, eine Afro-Amerikanerin. Die schwarze Arielle schlägt ein: Auf YouTube jubeln schwarze Mädchen in ungläubiger Freude, weil sie endlich in einem Disney-Märchen repräsentiert werden.
Bei YouTube und Tiktok teilen Afro-Amerikaner die Reaktionen ihrer Kinder auf die schwarze „Arielle“:
Gleichzeitig artikuliert sich offene Wut: Unter dem Hashtag #NotMyAriel* fordern Fans eine Arielle, die hellhäutig und rothaarig ist wie im Trickfilm des Jahres 1989. Oft enden solche Posts in Erklärungen, wieso dieser Zorn alles sei, nur nicht rassistisch.
Erst als er die Clips schwarzer Kinder gesehen habe, erzählt Regisseur Rob Marshall, „haben wir bemerkt, dass unser Casting einen Mehrwert hat“. Geplant habe er das nicht: „Wir haben wirklich einfach nur die beste Schauspielerin für diese Rolle gesucht.“ Marshall und DeLuca kommen beide vom Tanz. Und von der Bühne, sagen sie, sei sie das „farbenblinde“ Casting gewohnt.
Die Meerjungfrau, die um der Liebe willen ein Mensch werden möchte, stammt ursprünglich vom Märchenautor Hans Christian Andersen. Im Stoff sieht Regisseur Marshall nun alles Mögliche: eine Romeo-und-Julia-Liebe und auch eine spannende Vater-Tochter-Beziehung. Wenn etwas Politisches mitklingt, sind es für Marshall eher universelle Fragen, „Toleranz und Offenheit für andere Lebensformen“.
Konkreter wird es nicht. „Gehen Sie in den Film! Sie werden keine Farben wahrnehmen, keine sexuelle Orientierung“, sagt Produzent John DeLuca. Dass die Frage nach der Hautfarbe auch nur aufkommt, findet Rob Marshall fast unpassend: „Ehrlich gesagt, fühlt es sich altertümlich an, überhaupt darüber zu sprechen. Das ist wie eine Diskussion aus einem vergangenen Jahrhundert.“
Schwarze Arielle: Der deutsche Trailer zum Realfilm-Remake, das am 25. Mai startet:
Es wäre schön, wenn es so wäre. Dagegen spricht allerdings die heftige Reaktion auf die Besetzung. Das gilt für die #NotMyAriel-Fraktion, die auf Twitter ernsthaft erklärt, wieso die Evolution von Meerjungfrauen auf wissenschaftlicher Basis (!) gar keine dunklen Hautpigmente hervorbringen kann. Diskussionsbedarf besteht ganz sicher auch für Schwarze, die auf der Leinwand noch so unterrepräsentiert sind, dass ein Film wie „Arielle“ überhaupt zum Ereignis wird.
Dass Hautfarbe des Stars dem Film eine neue Bedeutungsebene geben könnte, erklärt Rob Marshall, sei ihm selbst erst hinterher aufgefallen: „Es gibt diesen schönen Moment, wenn Arielle den Vers singt: ‚When’s it my turn?‘ (Etwa: Wann bin ich endlich dran?) Da klingt etwas Tieferes mit”, sagt er. „Aber das hatten wir nie im Sinn.“
Das überrascht. Mit der Botschaft, dass jetzt endlich auch mal schwarze Helden dran sind, hatte Disneys „Black Panther“ (2018) schließlich gerade erst Umsatzrekorde gebrochen. Da wäre es doch naheliegend gewesen, bewusst dranzubleiben.
Natürlich möchte kein Filmemacher auf eine einzige Besetzungsidee festgelegt werden. Der Widerstand gegen die politische Lesart von „Arielle“ dürfte aber einen anderen Grund haben: den sehr realen politischen Kampf, in den Disney verstrickt ist. Letztes Jahr hat Floridas Gouverneur Ron DeSantis ein Gesetz unterschrieben, das jede Thematisierung von sexueller Orientierung und Geschlechteridentität an Grundschulen verbietet.
Disney opponiert gegen die „Don’t-say-gay-bill“ (zu Deutsch: Sag-nicht-schwul-Gesetz). Und Ron DeSantis beschränkte daraufhin die Privilegien, mit denen der Vergnügungspark Disney World sich in Florida bislang selbst verwalten durfte.
Die weiße Arielle: Der Trailer zum Trickfilm-Original aus dem Jahr 1989:
Mit dem Streit ist Disney zur Partei in einer polarisierten Werte-Debatte geworden; und die Meerjungfrau steckt mittendrin. Der politischen Rechten gilt die schwarze Arielle als Ausdruck der „Wokeness“, eines als bevormundend abgelehnten Fortschrittsgedankens. Unter dem Hashtag #WokeAriel wird schon der Flop herbeigesehnt.
Dass halb Amerika den Film meiden könnte, ist für Disney ein Schreckensszenario. Schließlich konzipiert der Konzern seine Filme darauf hin, dass sie jeden Zuschauer erreichen, und das weltweit. Mit diesem Konzept verdienen die Neuauflagen der klassischen Trickfilme sehr viel Geld: „Die Schöne und das Biest“ (2017) spielte 1,3 Milliarden Dollar ein, „Der König der Löwen“ (2019) kam auf 1,6 Milliarden. Das erklärt die Dringlichkeit, mit der jetzt alle Arielles Überparteilichkeit betonen.
Können Kinderfilme in den USA überhaupt noch unpolitisch sein? Gerade macht eine Lehrerin aus Florida Schlagzeilen; ihr drohen rechtliche Konsequenzen, weil sie Fünftklässlern den Disney-Film „Strange World“ (2022) gezeigt hat – in dem eine schwule Figur auftritt. Was sagen Rob Marshall und John DeLuca dazus. Die beiden sind selbst nicht nur Kollegen, sondern ein Paar.
„Ich finde das alles unglaublich traurig“, antwortet Marshall nur und verweist noch einmal auf die universelle Haltung des Films. Deutlicher wird er nicht.
Sind die beiden denn nicht froh, dass Disney gegen Ron DeSantis aufsteht? Als wir nachhaken, geht die Pressefrau dazwischen und erklärt das Gespräch für beendet. Rob Marshall lässt die Frage offen und bedankt sich bei der Runde. Im Stimmengewirr antwortet der Produzent John DeLuca dann aber doch noch ein einziges Wort: „Yes!“
Filmstart: Die Realfilm-Version von „Arielle“ kommt am 25. Mai 2023 in die Kinos.
* In der US-Fassung schreibt Arielle sich tatsächlich Ariel.