Bremen Oberst Andreas Timm: „Der Heimatschutz sollte weiter gestärkt werden“
Der neue Chef des Landeskommandos Bremen, Oberst Andreas Timm, fordert eine Stärkung des Heimatschutzes in Deutschland und spricht sich für eine allgemeine Dienstpflicht aus: „Wir müssen als Gesellschaft resilienter werden“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion.
Wenn die Amerikaner Bradleys oder Abrams an die Ukraine liefern oder einfach Nachschub für ihre in Deutschland stationierten Soldaten, dann kommt Oberst Andreas Timm ins Spiel: Der 58-Jährige ist seit April 2023 neuer Chef des Landeskommandos Bremen.
Das kleine und linke Bremen fällt normalerweise nicht durch übermäßige militärische Präsenz auf. Doch das täuscht: Seit 1945 nutzt die US-Armee den Hafen in Bremerhaven als zentralen Umschlagplatz für ihre Lieferungen nach Europa.
Die Bedeutung Bremerhavens hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen: Transporte zu Großmanövern an der NATO-Ostflanke gehören ebenso dazu wie eben die Materiallieferungen an die Ukraine. „Wir müssen sicherstellen, dass sich alliierte Kräfte hier frei bewegen können“, sagt Timm.
Im Rahmen des sogenannten „Host Nation Support“, festgelegt im NATO-Statut, unterstützt das Landeskommando die Logistik. Und das ist im föderalen Deutschland alles andere als trivial: Die Sicherheit des Bahnverkehrs etwa obliegt der Bundespolizei. Bei Straßentransporten sind eher die Landespolizeien zuständig, Autobahnen werden wiederum von der bundeseigenen Autobahn GmbH betrieben.
Mit all diesen unterschiedlichen Akteuren müssen Timm und sein Stab in stetigem Austausch sein. Und damit ist schon gut beschrieben, worum es in Timms Job eigentlich geht: Er muss die zivil-militärische Zusammenarbeit managen. Bei Naturkatastrophen wie auch im Verteidigungsfall.
„Verkehrsinfrastruktur ist ein Thema. Die Straßen und vor allem Brücken müssen dem Schwerlastverkehr gewachsen sein“, sagt Timm. Betrachtet man die vielerorts in Deutschland angeschlagene Infrastruktur, wird deutlich: Hier ist viel zu lange viel zu wenig geschehen.
Politik, Verwaltung und Gesellschaft haben die Verteidigungsfähigkeit schleifen lassen, sich lange im trügerischen Frieden eingerichtet. Die Bundeswehr ist derzeit nicht verteidigungsfähig, die öffentliche Verwaltung auch nicht.
Wer sich noch zu Zeiten des Kalten Krieges in der zivilen Verwaltung mit Bündnis- und Landesverteidigung und dem Bevölkerungsschutz beschäftigt hat, ist heute längst nicht mehr im Dienst. „Da ist nicht mehr viel Wissen vorhanden“, sagt auch Timm und fordert: „Wir müssen als Gesellschaft resilienter werden.“
Und meint damit jeden einzelnen: „Das hat nichts mit Preppern zu tun, wenn man sich fragt: Wie viele Vorräte habe ich, was mache ich, wenn der Geldautomat nicht funktioniert, habe ich genug Bargeld, einen Gaskocher, wie kommuniziere ich, wenn es keinen Strom gibt?“
Die Verwaltungen wiederum, die Bürgermeister und die Landräte, sie alle müssen strategisch darüber nachdenken, wie sich etwa im Ernstfall eine Stadtbevölkerung verhält und wie die Landbevölkerung. „Das sind hochspannende Fragen. Meine Rolle ist es, solche Fragen zu stellen“, sagt Timm.
Er klingt nicht alarmistisch, aber durchaus ernst: „Wir leben in Deutschland bereits heute in einer hybriden Lage, kennen aber nur den Aggregatzustand Frieden“, sagt Timm.
Bei der hybriden Kriegsführung etwa gehe es darum, das Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit zu untergraben.
Aber wie handlungsfähig ist ein Staat, dessen Streitkräfte so schlecht ausgestattet sind wie Bundeswehr, dessen Verkehrsinfrastruktur so marode ist und dessen Gesellschaft sich im Frieden so gut eingerichtet hat? Mit der „Zeitenwende“ immerhin soll die Bundeswehr wieder ausgerüstet werden.
Darüber hinaus kommt es darauf an, Personal und Fähigkeiten auszubauen. „Ich bin ein Befürworter einer allgemeinen Dienstpflicht“, sagt Timm. Die Diskussion darüber hatte vor einiger Zeit bereits Verteidigungsminister Boris Pistorius angeregt – und während sich nach aktuellen Umfragen eine Mehrheit der Deutschen so etwas durchaus vorstellen könnte, zeigten sich vor allem Jusos und FDP von der Idee wenig begeistert.
Als Chef des Landeskommandos untersteht Timm auch die Heimatschutzkompanie, die aus Reservisten besteht. Eine gute Einrichtung, wie er findet: „Der Heimatschutz sollte weiter gestärkt werden.“ Dazu gehören für ihn flexiblere Modelle, mit denen auch die Arbeitgeber gut leben können, die ihre Leute für den Dienst im Heimatschutz freistellen müssen.
Aber: „Wir müssen auch darauf achten, dass nicht die falschen Leute in den Heimatschutz gehen“, gibt Timm zu bedenken. „Man darf weder auf dem linken noch auf dem rechten Auge blind sein.“