Delmenhorst  Mit 13 Jahren 47 Mal operiert: Elias Behrens feiert Konfirmation, an die kein Arzt glaubte

Frederik Grabbe
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Von Frederik Grabbe
| 19.05.2023 16:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Elias Behrens musste bereits 47 Mal operiert werden. Symbolfoto: Pixabay
Elias Behrens musste bereits 47 Mal operiert werden. Symbolfoto: Pixabay
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Der junge Delmenhorster Elias Behrens musste in seinem Leben schon oft leiden. In Kürze feiert er Konfirmation. Ein Ereignis, an das bei seiner Geburt kein Arzt geglaubt hätte.

Als Elias die Terrassentür hinter sich schließt, ist Bob gleich in Habachtstellung. Der Kater mit tiefschwarzem Fell springt auf den dunklen Holztisch, nimmt auf der gehäkelten Tischdecke Platz und starrt durchs Fenster nach draußen. Immer dahin, wo Elias gerade steht, auf der Terrasse im Garten oder neben dem mannshohen Leuchtturm. Und eigentlich ist es gut, dass Bob so genau hinschaut. Denn er ist Elias‘ Therapiekatze. „Sie glauben gar nicht, wie Bob nachts losschreien kann, wenn Elias Atemaussetzer hat. Der macht richtig Alarm“, sagt Doris Behrens, die Großmutter. Elias sagt stolz: „Bob passt jede Nacht auf mich auf.“

Man kann nicht sagen, dass der 13-Jährige einen leichten Start ins Leben hatte. Elias wurde ohne Speiseröhre geboren, ohne Darmausgang, ohne Ohren. Er ist auf einem Auge blind. Hören kann Elias nur mit einem Cochlea-Implantat, einer Prothese für Gehörlose. Auch sonst ist einiges anders an diesem Jungen aus dem Delmenhorster Süden. Vieles, das ihm das Leben erschwert, vieles, was ihm Schmerzen bereitet.

Seitdem Elias 2009 geboren wurde, ist er 47 Mal operiert worden. Für die Hörprothese musste sein Schädel aufgefräst werden, auch am Herzen gab es Eingriffe. Ohne künstlichen Darmausgang und künstliche Speiseröhre geht es nicht. Elias‘ Essen ist in aller Regel Mus oder püriert – die Ausnahme sind Pommes, aber nur, wenn er die gut zerkaut. In der Wohnung, in der er mit seiner Großmutter lebt, hängen mehrere Foto-Collagen. Ein Bild zeigt Elias als Säugling im Krankenhaus an allerlei Schläuchen. Bei seiner Geburt war er nur 2000 Gramm schwer. „So wenig Mensch, aber so viele Apparate“, sagt Doris Behrens, noch immer erschüttert.

Aber da sind eben auch die Fotos voller Leben. Zum Beispiel vom Nordseebad Tossens: Elias am Klettergerüst, Elias beim Billard, Elias im Watt, Elias mit den Füßen im Meerwasser. „Er liebt das Meer“, sagt Doris Behrens schwärmend. Jetzt ergibt auch der Leuchtturm im Garten Sinn. Elias liebt viele Dinge. Sonnenblumen zum Beispiel. Basteln, Bob natürlich, Lego (das Zimmer nebenan steht voll damit). Aber eben besonders: das Meer.

Wer Elias begegnet, kann kaum glauben, dass er so viele Einschränkungen ertragen muss. Er geht wie ein normaler Junge, vielleicht etwas gebückt. An guten Tagen, so wie heute, tänzelt er in manchen Momenten heiter durchs Zimmer. An schlechten Tagen ist er auf den Rollstuhl angewiesen. „Es kann sein, dass drei, vier Monate nichts ist. Dann wieder muss er mehrere Tage am Stück in den Rollstuhl, weil die Schmerzen in Beinen und Füßen zu groß sind“, erzählt die Großmutter. Plötzlich kommt Kater Bob um die Ecke und verlangt nach einer Streicheleinheit. „Bobby!“, ruft Elias erfreut, fährt der Katze mit der Hand über den Kopf. Man kann ja nicht immer nur Trübsal blasen.

Vor allem nicht an diesem Sonntag. Dann steht ein besonderer Tag an. Elias wird konfirmiert. Für seine Konfirmation will er richtig schick aussehen. „So wie Papa aussah, als er Mama geheiratet hat“, sagt er und zeigt auf ein Foto an der Wand. Die Eltern haben spät geheiratet, das Bild zeigt das Brautpaar mit ihren vier Jungs. Elias steht in der Mitte und grinst. Der 13-Jährige lebt bei seiner Großmutter in Delmenhorst, die Eltern wohnen mit drei der Jungen in Berne. Für die Familie ist es die beste Lösung. Schleppen die drei Brüder zum Beispiel aus der Schule einen Keim an, könnte das schlimme Folgen für Elias haben, sagt Doris Behrens.

Grund ist eine Immunschwäche. Die Hand zur Begrüßung kann er nicht geben, als Schüler der Förderschule an der Karlstraße kann er nicht mit anderen Kindern unterrichtet werden. Stattdessen kommt einmal die Woche sein Lehrer zu ihm nach Hause, ansonsten erhält er Unterricht per Videokonferenz. Besuchen ihn Freunde aus der Schule, geht es wegen der Luft in den Garten. Und wenn Elias zum Beispiel zu Ärzten muss, hat er zwingend eine FFP-II-Schutzmaske zu tragen.

Für den Konfirmationsunterricht kommt eigens Pastorin Anne Ziegler vorbei, quasi ehrenamtlich. Bis vor Kurzem war sie Pfarrerin der Apostelkirche Düsternort. „Wenn Frau Ziegler kommt, gibt es Kuchen und Tee. Dann machen wir es uns gemütlich“, erzählt Elias und reibt sich die Hände. Danach wird die Bibel aufgeschlagen und gelernt. Eine Geschichte aus dem Johannes-Evangelium hat es Elias besonders angetan (Joh 9, 1-12). Sie handelt von Barmherzigkeit. Jesus heilt darin einen Bettler von seiner Blindheit. „Niemand wollte ihm helfen, aber Jesus heilte seine Augen“, gibt Elias die Geschichte wieder. Beim nächsten Einkaufen hat Elias einem Bettler dann zwei Euro zugesteckt, erzählt seine Großmutter, „einen Euro für dich und einen für deinen Hund, hat er gesagt“.

Doris Behrens zeigt auf ihrem Smartphone ein Foto von ihm in der St.-Christophorus-Kirche – eigentlich geht er ja lieber in die Apostelkirche nach Düsternort. Aber die war an dem Tag zu. „Ich wollte unbedingt beten und eine Kerze anzünden“, erinnert sich der gläubige 13-Jährige. Er bat um Beistand von ganz oben. Am nächsten Tag sollte Elias in Hannover am Herzen operiert werden. An der Medizinischen Hochschule ist er häufig. Oft fängt er bereits an zu zittern, wenn das Auto auf der Autobahn die Abfahrt Weidetorkreis erreicht. Zu viele schlechte Erinnerungen. Medizinisch gesehen war es an dem Tag eine schwierige Kiste: Ob der Eingriff zu einer Verbesserung führen würde, war nicht klar. Aber ohne diesen, haben laut Doris Behrens die Ärzte gesagt, würde er nicht lange überleben. Am Ende habe sich die Anästhesistin verweigert, das Risiko wäre nicht zu vertreten gewesen. OP abgesagt. „Der liebe Gott hat es bisher immer gut mit dir gemeint“, sagt die 63-Jährige zu ihrem Enkel, und ist sich sicher: „Das war ein Zeichen von oben.“

„Die Ärzte glauben seit meiner Geburt, dass ich bald sterben werde“, sagt Elias. Wenn ein 13-Jähriger so einen Satz sagt, muss das Gegenüber unweigerlich schlucken. Er kennt es nicht anders, die Prognose der Ärzte war seit jeher schlecht. „Er wird nicht einmal zwei Jahre alt werden, haben sie nach seiner Geburt gesagt“, so Doris Behrens. Aber: Elias lebt heute immer noch. „Man kann sich nicht vorstellen, was dieses Kind alles durchmachen musste“, sagt die Großmutter. „Trotz aller Einschränkungen und Schmerzen ist er ein absolut lebensbejahendes Kind“, sagt sie und fügt an: „Du bist ein Wunder.“ Darüber muss Elias lachen.

Auch Doris Behrens ist an ihrer Aufgabe gewachsen. Als die 63-Jährige eine neue Hörprothese beantragen wollte und sich die Krankenkasse querstellte, schaltete sie einen Anwalt ein. „Ich habe in meinem ganzen Leben vorher noch nie einen Anwalt gebraucht“, sagt sie ungläubig. Heute ist sie froh, dass sie sich durchgebissen hat: Am Ende gab die Kasse nach. Vieles weitere, teilweise in Kursen, eignete sie sich an: Erste Hilfe, Wiederbelebung, Pflege, Physiotherapie – alles Aspekte, die im Alltag mit Elias hilfreich sind. Immer in der Erwartung, dass es nicht ewig so weitergehen wird. „Jeder Tag mit Elias ist ein Gewinn“, sagt sie.

Wenn die vielen Fotos an den Wänden und in ihrem Smartphone eines zeigen, dann ist es genau das. Besondere Momente, in einem von Ungewissheit geprägten Leben.

Ein weiterer, besonderer Moment soll am Sonntag in der Düsternorter Apostelkirche hinzukommen. Elias‘ neuer Konfirmationsanzug hängt schon im Schrank bereit. Er ist übrigens blau. Blau wie das Meer.

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