Zukunft der Norder Klinik UEK-Chefärzte – ab Juli kaum noch Personal für Krankenhaus da
Der Termin 1. Juli für die geplante Umwandlung des Norder Krankenhauses zum Regionalen Gesundheitszentrum ist bewusst gewählt. Eine Abkehr davon hätte massive Auswirkungen – auch für Aurich.
Norden/Aurich - Die geplante Krankenhausschließung in Norden schlägt hohe Wellen. Ein Aktionsbündnis zum Erhalt der Klinik versucht, die Norder zum Protest zu bewegen. Mit einer einstweiligen Verfügung will es die geplante Umwandlung zu einem Regionalen Gesundheitszentrum (RGZ) zum 1. Juli aufhalten. Doch selbst wenn ein Gericht den Argumenten des Aktionsbündnisses folgen würde, sehen die Chefärzte der Norder Klinik kaum eine Chance, den Betrieb aufrecht zu erhalten, sagten Dr. Alexander Dinse-Lambracht, Chefarzt interdisziplinäres Notfallzentrum und Ärztlicher Direktor Standort Norden, und PD Dr. Markus Paxian, Chefarzt der Anästhesie- und Intensivmedizin, am Freitag in einem Pressegespräch. Der Grund: Danach ist schlichtweg zu wenig ärztliches Personal da, um den Weiterbetrieb des Krankenhauses zu gewährleisten, so die Ärzte.
„Käme das Aktionsbündnis rein theoretisch mit einer einstweiligen Verfügung durch, wäre es extrem ambitioniert, das was da ist auch nur zu halten, sagte Dinse-Lambracht. Die Chirurgie hat nach Angaben von Paxian in Norden keinen einzigen Assistenzarzt mehr, sondern nur noch Honorarkräfte. Auch die innere Abteilung müsse massiv auf Honorarkräfte zurückgreifen. Er sehe nicht, wie das Krankenhaus, egal wie ein Gerichtsurteil ausgeht, noch organisiert werden soll, so Paxian. „Rein hypothetisch, wenn mich jetzt jemand zwingen würde, als Chefarzt der Anästhesie die Intensivstation in Norden im Juli/August weiter zu besetzen, dann müsste ich massiv Personal aus Aurich abziehen und nach Norden beordern. Im Umkehrschluss würde das für Aurich bedeuten, dass dort Leistungen massiv eingeschränkt würden. Operationen müssten deutlich eingeschränkt werden, denn wir könnten den OP-Betrieb so nicht aufrecht erhalten“, machte Paxian deutlich. Schon seit einigen Wochen habe man in Norden die Intensivstation auf vier Betten reduziert. Nicht, wie das Aktionsbündnis behauptet, um die Schließung der Klinik vorzubereiten, sondern weil nicht ausreichend Pflegepersonal zur Verfügung stehe, so Paxian.
Dinse-Lambracht: Fachkräftemangel diktiert den Weg
Das habe nichts damit zu tun, dass irgendjemand im Klinikverbund bewusst daran gearbeitet hätte, dem Norder Krankenhaus zu schaden. „Das Thema Fachkräftemangel und Qualität ist das, was uns den Weg diktiert“, sagte Dinse-Lambracht. Aus Sicht von Paxian wird der Personalmangel in der Medizin noch völlig unterschätzt. Das vorhandene Personal müsse daher wesentlich effizienter eingesetzt werden. Für die Zahl der Kliniken in Deutschland gebe es viel zu wenig Personal, um das Niveau halten zu können. Der Weg der Zentralisierung werde noch vielen Regionen bevorstehen.
„Ab 1. Juli bekommen wir massiv Probleme, weil ein Kollege in Rente geht, eine andere Kollegin geht im Laufe des Jahres in Rente“, sagte Paxian. Man könne den Standort Norden nicht isoliert betrachten. Denn schon jetzt gebe es Personalaustausch zwischen Aurich, Emden und Norden. Auch an den anderen Standorten gebe es Probleme, Stellen zu besetzen. „Tragischerweise verlieren wir auch noch zwei hoch qualifizierte Fachärzte, weil sie Probleme haben, hier eine adäquate Kinderbetreuung zu finden“, schilderte Paxian die Lage.
Nur wenige Notfälle werden noch in Norden behandelt
Er verstehe die Unsicherheit und den Ärger der Norder Bevölkerung in diesem Umwandlungsprozess, sagt Dinse-Lambracht. Deshalb wolle er versuchen, aufzuklären, wie die Situation ist und wie der künftige Weg laufen wird. Wichtig sei, den Patienten vor Ort eine ambulante Notfallversorgung zu gewährleisten. Die Kernzeit von 8 bis 18 Uhr ist dabei nicht ohne Grund gewählt, erklärte Dinse-Lambracht. Ab 18 Uhr stellen sich in Norden laut dem Chefarzt deutlich weniger als zwei Patienten pro Stunde in der Notaufnahme vor. In der Nacht falle dieser Wert noch weiter ab auf 0,5 Patienten pro Stunde. Um 18 Uhr ende lediglich der Annahmestopp, sagte Dinse-Lambracht. Der pflegerische Bereich gehe danach noch weiter. Noch blieben mindestens zwei Stunden, um Patienten zu versorgen.
Zum Thema Versorgung von schwerst-mehrfach Verletzten, Herzinfarkten, Schlaganfällen und Polytraumata sei er mittlerweile alle zwei Wochen mit dem Rettungsdienst in Gesprächen, sagte Dinse-Lambracht. Der Rettungsdienst sehe die Herausforderung und es gebe dazu verschiedene Ansätze, die der Rettungsdienst aber selbst vorstellen wolle. Geplant sei aber, bei den drei Kategorien schwerkranke, mittelkranke und voraussichtlich ambulant zu behandelnde Patienten, dass nur die voraussichtlich ambulanten Patienten vom Rettungsdienst nach Norden gebracht werden. Die beiden anderen Patientenkategorien würden Richtung Aurich und Emden gebracht. Schon jetzt gebe es in Norden nur noch ein „sehr schmales Notfallspektrum, das überhaupt behandelt wird“, sagte Paxian.
Aussagen des Aktionsbündnisses sorgten für Unsicherheit
In Norden kommen laut Dinse-Lambracht im Sommer rund 50 Patienten pro Tag in die Notaufnahme, im Winter 40. Davon schicke die Klinik aber 70 bis 75 Prozent nach der Behandlung wieder nach Hause. Für diese Patienten soll auch in Zukunft eine gute Versorgung in Norden gewährleistet werden.
Darüber hinaus wollen die Chefärzte mit Fehlinformationen aufräumen, die in der Debatte auch vom Aktionsbündnis verbreitet würden. So sei es schlicht unwahr, dass die Trägergesellschaft der Kliniken den Vertrag mit der Radiologie-Praxis im Haus bereits gekündigt hätte. Das hatte das Aktionsbündnis am Mittwoch in einer Pressemitteilung behauptet. Diese Meldung habe zu einer extremen Verunsicherung beim Personal der Praxis gesorgt, sagte Paxian.
Auch die kolportierten Informationen zu den gesetzlichen Hilfsfristen von Medizinern bei der Auftaktveranstaltung des Aktionsbündnisses seien nicht korrekt. So müsse in Niedersachsen lediglich innerhalb von 15 Minuten ein Rettungsmittel vor Ort sein – und das in 95 Prozent der Fälle. Das könne aber auch ein Krankenwagen sein, sagte Paxian. In der Versammlung hatte eine Neurologin behauptet, innerhalb von 15 Minuten müsse eine Intensivstation erreichbar sein. Eine Festlegung, wie lange die Zeit vom Einsatzort bis zur spezialisierten Klinik sein dürfe, gebe es darüber hinaus nicht, sagte er.