Fächerübergreifender Unterricht Schulleiter im Kreis kritisieren Idee der Gewerkschaft
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft plädiert für fächerübergreifenden Unterricht. Damit dem Lehrermangel entgegenzuwirken, halten Auricher und Ihlower Schulleiter aber für falsch.
Aurich/Ihlow - Überall fehlen Lehrkräfte. Um dem entgegenzuwirken, schlägt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vor, Fächer zukünftig zusammen zu unterrichten. Gerade Biologie und Physik würden sich hierfür anbieten, so ein Vorschlag des Landesverbandes. Schulleiter aus Aurich und Ihlow sehen die Idee allerdings kritisch. „So Lehrer einzusparen, macht keinen Sinn“, sagt Kathrin Peters. Die Leiterin der Auricher Realschule befürchtet, dass sonst Inhalte auf der Strecke bleiben. Denn die Pflichtstunden und Unterrichtseinheiten müssten trotzdem erfüllt werden. So sei im Prinzip jede Schule verpflichtet, 100 Prozent des geforderten Pensums auch anzubieten. „Egal, wie wir das machen“, so Peters. Schon bei Krankheits- oder Schwangerschaftsausfällen könne sie dies oftmals nicht garantieren.
Selbst wenn sie noch Lehrkräfte einstellen wolle, seien keine da, so Peters. Dabei sei allerdings jede Schule individuell zu betrachten. Denn überall würden Lehrkräfte in anderen Fächern fehlen. Gerade in Physik und Biologie habe sie kürzlich jemanden einstellen können. Auch für Geschichte fange bald ein Quereinsteiger bei der Realschule an. „Wir wollen uns nicht beschweren und nutzen den kurzen Dienstweg zur Behörde“, sagt Peters. Oft gehe es auch um die Standortfrage. So seien Schulen in der Kreisstadt beliebter als welche direkt auf dem Land. Sie habe das Gefühl, die niedersächsische Politik mache beim Thema Schule erst eine Rolle vorwärts, dann wieder eine Rolle rückwärts. Auch der rauer gewordene Ton in der Gesellschaft mache den Beruf nicht gerade attraktiver.
Ihlower IGS-Leiter: Kompetenz darf nicht verloren gehen
Der GEW-Vorschlag sieht vor, Erdkunde, Geschichte und Politik sowie Biologie, Physik und eventuell Chemie zukünftig auch an Haupt-, Real- und Oberschulen gemeinsam unterrichten zu können. Das Kultusministerium arbeitet nach eigenen Angaben an einem entsprechenden Entwurf. Im Bereich der Gesellschaftskunde hatte die Realschule das schon. Da die Themen oft fächerübergreifend zu behandeln seien, mache das durchaus Sinn, so Peters. Ähnlich sieht das auch Günter Tautz als Leiter der Ihlower Integrativen Gesamtschule (IGS). An der IGS würden einige Fächer als Naturwissenschaft schon länger zusammen unterrichtet. „Dadurch haben die Schüler nicht weniger Stunden in den Fächern, Einheiten werden nur zusammengefasst“, so Tautz. Beispielsweise das physikalische Thema Optik würde zum Thema Auge in Biologie gut passen. Allerdings hält Tautz wenig von der Idee, dadurch Fachlehrer einzusparen.
So gebe es in Niedersachsen seines Wissens nach zu viele Biologie-, aber dafür zu wenige Physik- und Chemielehrer. Nun könnte man denken, durch das angedachte Modell könnten die Biolehrer auch die anderen naturwissenschaftlichen Fächer unterrichten. „Mehr Lehrkräfte haben wir dadurch insgesamt aber nicht“, sagt Tautz. Außerdem sei er der Meinung, dass dennoch aus jeder Fachrichtung mindestens eine Lehrkraft an jeder Schule vertreten sein müsste. „Allein für die Planung oder bei Rückfragen“, so der Schulleiter. Denn fast keiner habe alle drei Fächer studiert.
Schulleiter sehen Wissensvermittlung in Gefahr
Schon bei den Bewerbungsgesprächen nimmt Tautz eine gewisse Zurückhaltung wahr, wenn er vom naturwissenschaftlichen Unterricht spreche. Viele würden sich im ersten Moment unwohl fühlen, wenn sie Fächer unterrichten sollen, die nicht zu ihren Kernkompetenzen gehören. „Das ist schon eine Herausforderung, als Biologielehrkraft plötzlich Chemie mit zu unterrichten“, so Tautz. Auch wenn dies ein Bestandteil des Biologiestudiums sei. Diese Lehrkräfte müssten die Bereitschaft mitbringen, sich auch in den anderen Disziplinen fortzubilden.
Da die IGS Ihlow erst vor Kurzem von einer Kooperativen Gesamtschule (KGS) in die IGS umgewandelt wurde, kennt der Schulleiter den Unterschied der Schulformen gut. Als KGS seien die Naturwissenschaften in Ihlow noch getrennt unterrichtet worden. Als Beobachter habe er nun das Gefühl, dass der Lernerfolg seit der Zusammenlegung der Fächer nachhaltiger sei. „Themen in ein größeres Feld einzubetten, hilft, sich Dinge besser zu merken“, so Tautz. Doch seien mit der Umwandlung der Schule in eine IGS auch räumliche Veränderungen verbunden gewesen. „Auf die Schulträger kommen dann zusätzliche Kosten zu, wenn alle Fachräume umgerüstet werden müssen“, sagt der Schulleiter.
Außerdem plädiert Tautz dafür, das Kerncurriculum der anderen Schulformen an das der IGS anzupassen. Denn dort gibt es ein gemeinsames Unterrichtskonzept Naturwissenschaften. An den anderen Schulen würden die drei Fächer bisher getrennt voneinander betrachtet. Mittelfristig könne er sich vorstellen, die Lehrerausbildung entsprechend zu ändern. Einen Mangel an Lehrkräften zu verwalten, kenne er schon lange. „Das ist eine undankbare Aufgabe“, so der Schulleiter. Wichtig sei, dass unter der Zusammenlegung von Fächern nicht die Wissensvermittlung leide. „Sonst wird das ein Sparmodell“, fürchtet Tautz.