Hamburg  Amoktat in Hamburg: Senator droht Gun Club indirekt mit Schließung

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 11.05.2023 20:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Nach dem Amoklauf im Gemeindesaal der Zeugen Jehovas mit acht Toten am 9. März waren Entsetzen und Anteilnahme groß. Foto: Jonas Walzberg
Nach dem Amoklauf im Gemeindesaal der Zeugen Jehovas mit acht Toten am 9. März waren Entsetzen und Anteilnahme groß. Foto: Jonas Walzberg
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Wie konnte es zur Bluttat bei den Zeugen Jehovas kommen, obwohl der Waffenbehörde Warnungen vor dem späteren Attentäter vorlagen? Klar ist: Mehrere Polizisten waren nebenbei im Schießclub von Philipp F. aktiv.

Die Verbindungen Hamburger Polizisten zum umstrittenen Hanseatic Gun Club waren offenbar noch enger als bisher bekannt. Zwei Mitarbeiter der Polizei offenbarten Anfang vergangener Woche ihrem Dienstherrn eine bislang unbekannte Nebentätigkeit in dem Schießclub in der City. Das erklärte der Leiter der internen Prüfgruppe der Polizei am Donnerstagabend im Innenausschuss der Bürgerschaft.

Nach den Angaben von Markus Fiebiger gehören die beiden Polizisten jedoch nicht der Waffenbehörde an. Sie hätten am 2. Mai erklärt, ihre nebenberufliche Tätigkeit in dem Schießclub inzwischen nicht mehr auszuüben. Die Polizei haben ihnen die Nebentätigkeit am 9. Mai auch offiziell untersagt.

Der Hanseatic Gun Club steht im Zentrum der Ermittlungen nach der Amoktat mit acht Toten. Attentäter Philipp F. (35) war Mitglied im kommerziellen Schießclub. Der dortige Prüfausschuss stellte ihm – mutmaßlich zu Unrecht – einen Sachkundenachweis aus, mit dem er legal eine Waffe erwerben konnten. Mit der halbautomatischen Pistole erschoss F. im Gemeindesaal der Zeugen Jehovas in Groß Borstel sieben Menschen und sich selbst.

Laut Innensenator Andy Grote (SPD) nehmen die Behörden den Club nun verschärft ins Visier. „Selbstverständlich betrachten wir den Hanseatic Gun Club kritisch aufgrund der Erkenntnisse zu den Sachkundeprüfungen“, sagte er auf Nachfrage im Ausschuss. Sollte sich bewahrheiten, so Grote, dass dort Sachkundenachweise ohne bestandene Prüfungen erteilt wurden, seien „weitreichende Maßnahmen“ gegen die Einrichtung „sehr gut denkbar“. Im Extremfall könnte dies wohl bis zur Schließung des Clubs reichen.

Strafrechtliche Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung laufen bereits gegen einen Polizisten der Waffenbehörde, der früher ebenfalls nebenher für den Gun Club gearbeitet hatte. Gegen ihn besteht der Verdacht, dass er einen Hinweis aus dem Schießclub auf eine potenzielle Gefahr durch Philipp F. in der Waffenbehörde nicht ordnungsgemäß dokumentiert und weitergeleitet hatte. Auch deshalb kontrollierte die Behörde kurz vor der Amoktat in F.‘s Wohnung lediglich die korrekte Verwahrung von Waffe und Munition, ließ ihm aber seine Pistole.

Der beschuldigte Mitarbeiter der Waffenbehörde ist mittlerweile vom Dienst suspendiert. Er musste Dienstwaffe und Dienstausweis abgeben und darf seinen Arbeitsplatz nicht mehr betreten .Seine Nebentätigkeit im Hanseatic Gun Club hatte er zwar pflichtgemäß beendet, als er Ende 2021 in die Waffenbehörde wechselte. Der kurze Draht zu den Ex-Kollegen im Schießclub bestand aber offenkundig fort. Jedenfalls leiteten diese ihm den brisanten Warnhinweis eines Verwandten von Philipp F., weiter. Darin war von einem möglichen Risiko und psychischen Auffälligkeiten beim späteren Amokschützen die Rede.  

Wie Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich im Ausschuss berichtete, ermittelt seine gegen Behörde auch gegen drei Mitglieder des Prüfausschusses im Gun Club wegen Falschbeurkundung. Sie sollen nicht nur bei Philipp F., sondern noch in weiteren Fällen Sachkundenachweise ausgestellt haben, ohne dass die Prüfungen erfolgreich abgelegt worden waren.

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