Kreis Pinneberg Heizungsgesetz im Realitätscheck: Das sagen Heizungsexperten zu den Regierungsplänen
Realitätscheck: Das neue Gebäudeenergiegesetz der Ampel-Koalition hat bereits für viel Kritik gesorgt. Nun bewerten Heizungsexperten das neue Heizungsgesetz. Ihre Antworten haben es in sich.
Auf die Frage, was er von den bisherigen Plänen der Ampel-Koalition zum Heizungstausch hält, antwortet Detlef Hübner: „Das Gesetz ist in meinen Augen noch nicht richtig ausgegoren. Da gibt es noch reichlich Nachbesserungsbedarf und viele offene Fragen.“ Die Umsetzbarkeit bereitet nicht nur dem Obermeister der Innung für Sanitär- und Heizungstechnik im Kreis Pinneberg große Bauchschmerzen, sondern auch Uwe Brandt, Geschäftsführer der Adolf Brandt GmbH in Halstenbek.
Wir haben die beiden Heizungsfachmänner befragt, wo sie die größten Baustellen sehen. Ihre Antworten haben es in sich.
Um die Energiewende voranzutreiben, drückt die Bundesregierung gerade ganz schön aufs Tempo: Wer 2023 eine neue Heizung einbaut, muss 15 Prozent des jährlichen Energiebedarfs durch erneuerbare Energien abdecken. Ab 1. Januar 2024 sollen es sogar 65 Prozent sein – so sieht es das Mitte März im Bundeskabinett verabschiedete Gesetz vor. Und: Der Neueinbau für Öl- und Gasheizungen ist tabu – Reparaturen von Altgeräten aber erlaubt.
Im Zentrum des Heizungstausches der Ampel-Koalition steht die Wärmepumpe. Im Moment noch ohne echte Konkurrenz und genau da liegt das Problem.
Die Nachfrage nach Wärmepumpen ist hoch. Tendenz steigend. Doch eingebaut werden Wärmepumpen nach wie vor hauptsächlich in gut isolierten Neubauten samt Fußbodenheizung – in Bestandsbauten eher weniger. Für Detlef Hübner liegt das daran:
Uwe Brandt sieht das ähnlich: „Die Kunden können sich das einfach nicht leisten.“
„Zum Gaskessel gibt es keine wirklich gute Alternative außer der Wärmepumpe“, meint Detlef Hübner. „Im Moment zumindest.“ Und mit dem Gerät gehen viele Probleme einher.
Für die Reaktion ihrer Kunden haben die beiden Heizungsfachmänner volles Verständnis. Schließlich koste eine Wärmepumpe zwischen 25.000 und 35.000 Euro.
Doch die meisten Wohngebäude sind Bestandsbauten. Und: „Wärmepumpen im Altbau sind problematisch“, sagt Hübner. Was bei Neubauten kein Problem sei, bedarf bei Bestandsbauten einer individuellen Lösung und die könne richtig teuer werden, so Hübner: Die Maßnahmen reichen vom Einbau neuer Heizkörper bis zur Dämmung des kompletten Gebäudes. Ein Heizkessel hingegen kostet nur um die 12.000 Euro.
Und solange der Kessel reparabel ist, kann man ihn nach den Neuerungen des sogenannten Gebäudeenergiegesetzes auch behalten. Nur: „Mit fortschreitender Heizungsumrüstung im Land wird es irgendwann schwer werden, für kaputte Heizkessel Ersatzteile zubekommen“, schätzt Detlef Hübner. Aktuell müssten die Firmen diese zehn Jahre vorhalten.
Wenn sich Hausbesitzer dann durchgerungen haben, ordentlich Geld in die Hand zu nehmen, um zu Sanieren, stehen weitere Probleme an: Lange Lieferzeiten und Fachkräftemangel.
Trotz steigender Nachfrage komme kein Material an, beklagen die Fachbetriebe. Acht bis zwölf Monate betrage die Wartezeit für eine Wärmepumpe, so Uwe Brandt und weiter:
Besserung ist aber schon in Sicht: Ende April habe er ein Gerät bestellt, sagt Brandt. Es soll voraussichtlich Ende August kommen.
„Wir könnten jetzt schon das Doppelte an Arbeit machen, wenn wir mehr Personal hätten. Die Aufträge sind da“, sagt Detlef Hübner. Die Folge: Lange Wartezeiten. Und das Gros der Haushalte hat noch einen Kessel im Keller stehen.
„Dabei ist die Technologie an sich gar nicht so neu“, führt Uwe Brandt weiter aus. Gerade in Kombination mit Dach-Solaranlagen bei Neubauten habe sich die Wärmepumpe schon vor der Energiekrise auf dem Markt etabliert, da sie wirtschaftlicher ist als fossile Heizsysteme.
2021 stieg die Zahl der in Deutschland verkauften Wärmepumpen um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, laut Bundesverband Wärmepumpe. 2022 wurden dann 236.000 Geräte verkauft, rund 50 Prozent mehr als 2021. Geht es nach der Bundesregierung, sollen 2024 500.000 Wärmepumpen eingebaut werden. Es läuft immer wieder auf die eine Frage raus, wie die beiden Heizungsbauer deutlich machen: Wer kann all diese Geräte einbauen und warten?
Dies gelte auch für den Nachwuchs: „Wenn sie heute einen Gesellen einstellen wollen, der schon mal eine Wärmepumpe eingebaut oder gewartet hat, das wird schwierig, die Jungs sind ganz rar gesät.“ Auch in der Berufschule frage niemand diese Fähigkeiten ab, so Brandt. „Mag sein, dass das jetzt in der nächsten Prüfungsphase einfließt, aber von meinen Lehrlingen habe ich in der Richtung noch nichts gehört.“
Detlef Hübner hat zudem Zweifel, ob es sinnvoll ist, die Heizung so vieler Gebäude auf Strom-getriebene Geräte umzustellen, noch bevor man die Stromversorgung durch erneuerbare Energien sichergestellt habe. Wird künftig genügend Strom erzeugt, wenn E-Auto, Wärmepumpe und Co. parallel ans Netz müssen?, fragt er sich.
Hübner befürchtet, dass es zu Kapazitätsengpässen kommen könnte: „Es gibt Regionen, da werden die Wärmepumpen jetzt schon stundenweise abgeschaltet, weil sonst das Stromnetz überlastet wird.“ Diese Befürchtung der Deutschen Energieagentur in den Griff zu kriegen, steht im Fokus der Neufassung des Energiewirtschaftsgesetzes durch sogenannte „netzorientierte Steuerung“.
„In meinen Augen ist das Gesetz so nicht der richtige Weg“, resümiert Detlef Hübner. „Es ist schon wichtig und richtig, dass wir von den fossilen Brennstoffen wegkommen, aber nicht, koste es was es wolle und mit dem Kopf durch die Wand: jetzt sofort. Ohne Alternativen.“