Bielefeld  Experten schlagen Alarm: Immer mehr Kinder und Jugendliche verweigern die Schule

Kurt Ehmke
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Von Kurt Ehmke
| 11.05.2023 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die steigende Schulverweigerung in Nordrhein-Westfalen betrifft alle Schulformen, auch Gymnasien und Grundschulen. Foto: dpa/Arne Dedert
Die steigende Schulverweigerung in Nordrhein-Westfalen betrifft alle Schulformen, auch Gymnasien und Grundschulen. Foto: dpa/Arne Dedert
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In Nordrhein-Westfalen beklagen Bildungs-Experten einen drastischen Anstieg von Schulverweigerern. Mit schweren Folgen für Schüler und Gesellschaft. Die Experten sehen auch Lehrer und Schulleitungen in der Verantwortung.

Es ist ein Teufelskreis: Probleme zuhause, wenig Freunde, geringe Anerkennung, die Schule langweilig – und irgendwann schleicht sich dieses Gefühl ein, dass das mit der Schule auch vermieden werden kann. Dann bleiben Kinder und Jugendliche weg, erst tageweise, dann wochenlang und länger. Teilweise bis zu drei Jahre. Wann genau die Schulvermeidung anfängt, ist nur schwer zu packen. Michael Siniatchkin, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (KJPP) in Bethel bei Bielefeld, spricht von „fließenden Grenzen“ und diffusen Definitionen.

Schulverweigerung wird zum Problem für den Einzelnen, der sozial immer isolierter wird und in der Bildung unter seinen Möglichkeiten bleibt – und für die Gesellschaft, weil das hohe Kosten verursacht, so Sozialpädagogin Katharina Muregancuro.

Die Pandemie, so Carsten Hoffmann von der Schulberatungsstelle, habe da als Treiber fungiert, vorhandene soziale Probleme verschärft und das Problem der Schulverweigerung befeuert. Margit Brusis von der Schulstation der Hamfeld-Förderschule in Bielefeld erlebt das Problem hautnah: „Wir stellen einen extremen Anstieg der Fälle fest, in diesem Schuljahr um 30 Prozent.“ Auch Bernadette Brandtmann vom Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst (KJPD) stellt „deutlich mehr Beratungsanfragen und mehr Fälle mit Chronifizierung“ fest. Also: Langzeit-Schulverweigerung.

Doch das Problem ist groß, da sind sich alle einig – und so trafen sich jetzt fast 50 Akteure aus dem Themenfeld zu einer Tagung in Bethel. Absolute Zahlen gibt es zwar nicht, doch der Problemdruck ist groß. Siniatchkin: „Es gab hier lange keine Jugendpsychiatrie; als wir 2019 eröffneten, war ich erschrocken, wie viele jugendliche Schulverweigerer kamen, ich hatte noch nie so viele Leute mit mehrjährigem Schulabsentismus gesehen.“ Dann kam Corona. Siniatchkin: „Das war ein Katalysator aller Probleme, alles lag plötzlich offen.“

Wer davor gerade so noch mitlief, geriet aus dem Rhythmus. Verweigerte sich. „Wir behandeln stationär, wenn jemand zwei Monate oder länger nicht in der Schule war. Die müssen sich erst einmal wieder einen Lebensrhythmus aneignen, sie verlernen Routinen wie das Aufstehen und Termine einhalten.“ Siniatchkin krisitiert: „Die Präventionsarbeit war nicht gut ausgebaut.“ Mittlerweile aber gebe es eine gute Zusammenarbeit aller Akteure, doch es bleibe eine Herkulesaufgabe.

Für Carsten Hoffmann ging in der Pandemie viel verloren – in der Schulverweigerung werde das nun sichtbar: „Schule ist auch ein sozialer Lernort, wer sich da bereits im Grenzbereich bewegte, schaffte es nicht mehr, als die Schule als Ort wegfiel.“ Anschlüsse wurden verpasst. „Leider gab es auch unpassende, eher pädagogische als leistungsnahe Empfehlungen, und so landeten Kinder in Schulsystemen, die sie überfordern. Lerngruppen brachen auseinander, feste soziale Gruppen mussten verlassen werden“, erläutert Hoffmann. Die Folge: Isolation.

Sozialpädagogin Katharina Muregancuro konstatiert: „Schulverweigerung betrifft alle Schulformen, auch Gymnasien und Grundschulen.“ Nun arbeiten alle daran, die Kinder, die aus dem Blick geraten sind, zurückzuholen. Muregancuro sieht dabei auch die Lehrer in der Verantwortung. Sie müssen reagieren, wenn jemand häufiger fehlt, sich sozial isoliert oder in der letzten Reihe lieber am Handy daddelt. Ein Gespräch mit Eltern und Schulpsychologen kann helfen. Das Thema ist brisant. Umso wichtiger ist allen, möglichst viele Schulleitungen im September beim nächsten Treffen mit an Bord zu haben.

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Je schneller ein gefährdetes Kind erkannt werde, umso wahrscheinlicher sei eine schnellere Reintegration, so Hoffmann. Ein guter Leitfaden für Lehrer ist wichtig. Psychologin Ira-Katharina Petras wirbt für eine digitale Erfassung von Fehlzeiten an Schulen, damit das Problem neutral erkannt und sichtbar werde – und nicht einfach so untergehen könne. Lehrer seien stark belastet, mahnt Hoffmann, „fast schon zynisch ist es da, Realschulklassen jetzt auf 35 Kinder auszuweiten“. Dennoch, so Brandtmann, gelte: „Wir müssen Schulen sensibilisieren.“ Muregancuro ahnt, wie schwierig das ist: „Corona und Ukraine, dazu ein Fachkräftemangel – Schulen und Netzwerke kommen an die Grenzen.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Westfälischen in Bielefeld.

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