Belgrad  So hat ein Vater den Amoklauf an der Schule seiner Kinder erlebt

Thomas Roser
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Von Thomas Roser
| 04.05.2023 13:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Vor der Schule werden Blumen als Zeichen der Trauer und Anteilnahme nach dem Amoklauf eines 13-jährigen Schülers abgelegt. Foto: imago images/Armin Durgut/Pixsell
Vor der Schule werden Blumen als Zeichen der Trauer und Anteilnahme nach dem Amoklauf eines 13-jährigen Schülers abgelegt. Foto: imago images/Armin Durgut/Pixsell
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Unser Korrespondent Thomas Roser war nicht nur als Berichterstatter vor Ort, nachdem ein 13-Jähriger auf seine Mitschüler schoss. Seine beiden Kinder waren während des Amoklaufs auch in der Grundschule in Belgrad.

Der multifunktionelle Morgen ist vielen Eltern vertraut. Kinder wecken, sich nach geputzten Zähnen, dem heruntergeschlungenen Frühstück und den hoffentlich erledigten Hausaufgaben erkundigen. Die ersten Mails mit den Textplanungen für den Tag an die Redaktionen schreiben. Kinder und Partnerin zum Abschied küssen – und endlich fällt die Türe zu. Zeit, um vor der Arbeit noch schnell eine Bolognese-Sauce für die Mittagsspaghetti zu zaubern. Ein Morgen wie immer, fast.

„Ich bin da“, meldet sich Sohn Martin fröhlich am Telefon kurz vor Schulbeginn. 20 Minuten später ruft die Partnerin aus der Stadt an. An der Schule sei „geschossen worden“, es habe einige Verletzte gegeben, so ihre hastige und unerwartete Botschaft. Die Kinder seien aber „okay“ und warteten in ihren Klassenzimmer auf die Polizei, die sie aus der Schule bringen solle: „Bleib zuhause, falls Martin zurückkommt. Ich hole nun Mila ab.“

Ein Amoklauf? Was ist los? Im Internet sind nur erste kurze Mitteilungen über eine Schießerei und Verwundete zu lesen – ausgerechnet an der Schule meiner Kinder. Zuhause hält den besorgten Vater nichts. Der Portier soll erschossen worden sein, höre ich von der Zeitungsverkäuferin in unserer Straße. An der Schule Blaulicht, Reporter, aufgereihte Notfallwagen, besorgte und auch verweinte Eltern. Viel erfahre ich nicht. Beunruhigt kehre ich nach Hause zurück, um vielleicht im Internet mehr zu erfahren.

Der Täter ist verhaftet, der Schulportier Dragan erschossen, mehrere Kinder verletzt. So zunächst die Nachrichten. Ausgerechnet den immer gut gelaunten Rentner hat es erwischt, denke ich – und hoffe, dass dies das einzige Todesfall an diesem tristen Mai-Morgen bleibt.

Die Partnerin hat die weinende Tochter in Empfang genommen. Der Sohn müsse in seinem höher gelegenen Klassenzimmer noch warten, bis auch er die Schule verlassen könne, so ihre telefonische Nachricht. Endlich sind alle wieder zuhause. Ich bin erleichtert. Die Kinder wirken verstört, aber gefasst, als wir uns umarmen.

Die von den Medien vermeldeten Todeszahlen steigen. Noch ist nichts bestätigt, alles nur Spekulationen, versuche ich die Kinder zu beruhigen. In den Eltern-Viber- und Whatsapp-Netzwerken kursieren erste Nachrichten von einer verletzten Kindergartenfreundin meines Sohnes.

Hoffentlich ist B. nichts Schlimmes passiert, denke ich. Doch der zunächst vermeldete Streif- entpuppt sich als Kopfschuss. Das fröhliche Mädchen, das an diesem traurigen Tag dem Schulportier assistieren sollte, wird ihre Einlieferung in die Notfallklinik nicht überleben. 

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