Kreis Pinneberg  10-Jähriger mit Epilepsie darf nicht zur Schule gehen – seit sechs Monaten

Cornelia Sprenger
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Von Cornelia Sprenger
| 04.05.2023 12:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die drei Kinder der Familie Schmidt* stehen am Elbufer: Der zehnjährige Noah* (links) und seine beiden fünf und fünfzehn Jahre alten Schwestern. Foto: Privat
Die drei Kinder der Familie Schmidt* stehen am Elbufer: Der zehnjährige Noah* (links) und seine beiden fünf und fünfzehn Jahre alten Schwestern. Foto: Privat
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Der zehnjährigen Noah Schmidt* geht seit einem halben Jahr nicht mehr zur Schule, weil die mit seiner Epilepsie-Erkrankung und den Folgen überfordert ist. Die Mutter bittet nun den Kreis Pinneberg, endlich eine Lösung zu finden.

Simone Schmidt* weiß nicht mehr weiter. Sechs Monate lang darf ihr zehnjähriger Sohn Noah* inzwischen nicht mehr zur Schule gehen. Es gibt keine Aussicht auf einen Therapieplatz für den Jungen, mit dessen Epilepsie-Erkrankung gleich mehrere Schulen im Kreis Pinneberg (Schleswig-Holstein/nördlich von Hamburg) überfordert sind.

Mitte Januar hat shz.de schon einmal über das Schicksal von Noah und seiner Familie berichtet. Seine Geschichte hat viele Leser berührt. Noah passt mit seiner Krankheit offenbar nicht in das System Schule, laut Simone Schmidt entscheiden selbst therapeutische Einrichtungen nach Aktenlage und erteilen der Familie eine Absage nach der anderen. Vom zuständigen Fachdienst Teilhabe des Kreises Pinneberg fühlt sich die Mutter alleingelassen.

Und so vergeht Monat um Monat, ohne dass sich etwas an Noahs Situation ändert. „Noah vereinsamt zu Hause immer mehr. Er braucht unbedingt den Kontakt mit Gleichaltrigen“, sagt seine Mutter. „Aber durch seine ganze Geschichte hat er starke emotionale Defizite und kann mit anderen Kindern gar nicht mehr richtig spielen.“ Die wiederum fänden das Verhalten des Zehnjährigen „seltsam“. „Noah bräuchte eine intensive Therapie“, sagt Simone Schmidt. „Und er bräuchte Spielkameraden, die vielleicht selbst Erfahrung damit haben, wie es ist, ausgegrenzt worden zu sein.“

Noah hat Epilepsie, eine Erkrankung, bei der das Gehirn übermäßig aktiv ist und zu viele Signale abgibt. Die Folge sind bei Noah Anfälle: Sein gesamter Körper krampft und zuckt, er verliert das Bewusstsein. Das passiert sehr unregelmäßig, mal mehrmals pro Woche, mal ist zwei Wochen lang Ruhe.

„Noah hat immer dann Anfälle, wenn hier zu Hause der Druck zu groß wird, wenn es Ärger und Stress gibt“, sagt Schmidt. Das Problem ist, dass die Situation mit Noah inzwischen der ganzen Familie zusetzt. Die beiden 15- und 5-jährgen Schwestern von Noah fühlen sich zurückgesetzt, der Vater reagiert immer häufiger gereizt, kommt mit dem Stress nicht mehr zurecht.

An sich sind diese Anfälle harmlos, wenn man sich damit auskennt, weiß Simone Schmidt. Sie und ihr Mann sind beide im Gesundheitswesen tätig, sie als Gesundheits- und Krankenpflegerin, er als Notfallsanitäter bei der Berufsfeuerwehr. Schwieriger für sie ist der Umgang mit dem anderen Aspekt von Noahs Krankheit, seiner psychischen Erkrankung, die laut der behandelnden Ärztin Verbindung mit der Epilepsie steht.

Der Junge hat eine extreme Aufmerksamkeitsstörung, ist sehr unsicher, oft aggressiv gegenüber anderen. Dann wieder sucht er intensive Nähe. „Noah ist derzeit seelisch sehr betroffen von der ganzen Situation“, sagt Schmidt. „Er schläft schlecht, weint beim kleinsten Problem sofort los. Mein Sohn ist ein gebrandmarktes, trauriges Kind.“

Und: „Noah muss in ein Umfeld, in dem er mal wieder richtig durchatmen kann, indem sich erfahrene Therapeuten mit ihm beschäftigen können“, sagt Schmidt. Deshalb ist sie inzwischen so weit, dass sie es für das Beste hält, dass ihr Sohn für eine gewisse Zeit in eine stationäre Therapieeinrichtung kommt. Das hält auch der Fachdienst Teilhabe des Kreises Pinneberg für die beste Lösung.

Doch Schmidt hat nicht den Eindruck, dass man sich beim Kreis ausreichend mit ihrem Fall beschäftigt. „Ständig wechseln die Zuständigkeiten, ständig ist niemand erreichbar“, sagt sie. „Das Gutachten, auf dessen Basis die Einrichtungen entscheiden, ist veraltet, dort wird gar nicht berücksichtigt, dass er inzwischen Medikamente nimmt und sich sein Verhalten deutlich gebessert hat.“ Der Schulrat hat Schmidt empfohlen, eine Beschulung zu Hause zu beantragen. „Aber im gleichen Atemzug sagt er, dass es kein Personal dafür gibt“, sagt die Mutter von Noah. „Da muss ich ja nicht unnötig Anträge stellen.“

Also nimmt Schmidt die Sache selbst in die Hand, telefoniert praktisch täglich in ihrer Freizeit mit Einrichtungen und Therapeuten, mit jedem, von dem sie sich in irgendeiner Form Hilfe erhofft. Zuletzt hat sich Schmidt jetzt an den Petitionsausschuss des Landes Schleswig-Holstein gewandt. Landtagsabgeordnete werden sich ihren Fall ansehen und überprüfen, ob die Verwaltung des Kreises Pinneberg bei Noahs Fall Fehler gemacht hat. Der Fall soll beim Ausschuss mit hoher Priorität behandelt werden, wurde Schmidt mitgeteilt.

Vom Kreis Pinneberg heißt es auf Anfrage, man könne zu Einzelfällen keine Stellung nehmen. Ziel ist es laut Pressesprecherin Katja Wohlers jedoch immer, für das Kind und damit auch für die betroffene Familie eine Lösung zu finden, die langfristig trägt und nicht nur für einen kurzen Zeitraum. Wenn eine häusliche Beschulung beantragt und bewilligt sei, sei generell Personal vorhanden. Wohlers: „Das Hilfesystem mit Schulamt, Jugendamt und Fachberatung arbeitet sehr eng zusammen und tauscht sich regelmäßig aus über die Angebote, die gemacht werden können.“

Simone Schmidt hat mittlerweile einen Hilferuf per Mail an alle ihre Gesprächspartner verschickt:

*Namen von der Redaktion geändert.

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