Laage Wie Pilot Peter Hauser mit der sowjetischen MiG-29 seine Nato-Kollegen ausbremste
Der ehemalige Kampfflieger Peter Hauser kennt Schwächen und Stärken der legendären MiG-29 genau. Vom Fliegerhorst Laage hob er selbst mit dem Kampfjet ab. Nun soll die ukrainische Armee damit gegen Russland kämpfen.
In ihren sowjetischen MiG-29 beeindruckten Bundeswehrpiloten wie Peter Hauser andere Nato- Kampfflieger bei Übungsluftkämpfen mit einem außergewöhnlichen Manöver. Die MiG-Piloten konnten ihren Jet wie eine drohende Kobra aufrichten.
„Das Manöver wollten damals alle alliierten Piloten immer von uns sehen, weil sie es selbst nur mit wenigen Kampfjets hätten fliegen können”, erinnert sich der 68-Jährige. Und es war mehr als reine Show.
Hauser demonstriert die Kobra. Er klappt seine vordere Hand steil nach oben. „Die MiG-29 kann bei nahezu allen Geschwindigkeiten senkrecht in die Luft gestellt werden wie ein Brett, ohne dass es zu einem Strömungsabriss in den Triebwerken und am Rumpf kommt“, erklärt er. Das Manöver wirkt im Prinzip wie eine Vollbremsung mit dem Effekt: „Der Verfolger schießt dann an einem vorbei.“ Der Gejagte wird zum Jäger.
„Andere Kampfflugzeuge würden bei diesem Manöver einen Triebwerksausfall bekommen oder die Elektronik würde das Manöver verhindern”, hebt der langjährige Kampfpilot hervor. Nicht so bei der MiG-29. Die Triebwerke seien super gewesen, die habe man „nicht zum Husten gebracht“, nennt er einen der Vorzüge des Jets.
Rund 300 Flugstunden hat der ehemalige Kommodore des Jagdgeschwaders 73 „Steinhoff“ auf dem russischen Flieger absolviert. Die letzte Mission mit den MiG-29 führte ihn und seine Kameraden 2004 Richtung Osten. Für den symbolischen Preis von einem Euro hatte die Bundesrepublik die russischen Jets aus DDR-Beständen den Polen überlassen.
Hauser und die anderen Kampfflieger überführten die Maschinen vom Fliegerhorst Laage ins Nachbarland. Es waren jene MiG-29, von denen Polen nun einige Modelle der Ukraine überlassen will. Aber ergibt das überhaupt Sinn? Immerhin stecken den Kampfjets schon mehr als 20 Jahre in den Triebwerken.
Für Peter Hauser ist die Entscheidung der polnischen Regierung „nur konsequent.“ Die Ukrainer seien mit russischer Militärtechnik vertraut, sagt er. „Die können sich in die Maschinen reinsetzen und losfliegen.“ Ein weiterer Vorteil, den der langjährige Bundeswehrpilot für die MiG-29 anführt: Das Kampfflugzeug kann auf unbefestigten Pisten starten und landen. Es dürften auch noch genügend Ersatzteile vorhanden sein. Hauser geht zudem davon aus, dass die Maschinen von den Polen modernisiert wurden.
Experten wie der 68-Jährige sind davon überzeugt, dass die russischen Jets trotz ihres Alters den Ukrainern in ihrem Kampf nützlich sein können. „Den Job, für den die MiG-29 ursprünglich entwickelt wurde, kann sie auch heute noch erledigen”, betont der ehemalige Pilot. Der Kampfflieger Tornado, Indienststellung immerhin 1980, funktioniere doch auch immer noch.
Als Reaktion auf die US-amerikanische F-16 wurde die Mikojan-Gurewitsch (MiG) 29 von der sowjetischen Armee 1983 eingeführt. „Als Abfangjäger zum Schutz von Objekten und Infrastruktur“, beschreibt Hauser das typische Einsatzprofil. Die MiG-29 sei gemacht für den engen Kurvenkampf auf kurze Distanz, „den sogenannten Dogfight.“ Da spiele der wendige und agile Jäger seine Stärken voll aus, erklärt er. Die 30 mm-Bordkanone sei eine tödliche Waffe.
Die wichtigsten Daten zum Kampfflugzeug MiG-29:
Nach Einschätzung von Hauser könnte die Ukraine die MiG-29 zur Verteidigung ihres Luftraums über Städten wie Kiew einsetzen und lagebedingt Drohnen sowie Hubschrauber damit bekämpfen.
Und er sieht noch eine andere Einsatzmöglichkeit für das Mehrzweckkampfflugzeug, das auch mit Bomben und ungelenkten Raketen bestückt werden kann: „In Kombination mit einer guten Aufklärung vom Boden aus könnten die MiG für Angriffe auf russische Stellungen eingesetzt werden.“
Dass westliche Piloten wie Peter Hauser eine Zeit lang auf den damals leistungsfähigsten Jäger des Warschauer Paktes umstiegen, ist ein Glücksfall der Wiedervereinigung gewesen. 24 sowjetische Kampfflugzeuge des Typs MiG-29 hatte die Bundeswehr aus DDR-Beständen übernommen.
„Es war damals das modernste deutsche Jagdflugzeug”, sagt der Historiker Jens Wehner vom Militärhistorischen Museum in Dresden. Die Luftwaffe der alten Bundesrepublik hatte nichts Entsprechendes; man wartete bereits auf die neuen Kampfjets, die später mal Eurofighter heißen sollten. Es war eine gute Gelegenheit, das Waffensystem made in Russland ausgiebig zu studieren.
Was man von umgestiegenen Bundeswehrpiloten hört: In vielen Übungsluftkämpfen mit befreundeten Nato-Staaten habe sich die MiG-29 mindestens als ebenbürtig erwiesen. Beeindruckt zeigten sich die Piloten vom Helmvisier zum Richten der Infrarotlenkwaffen. „Dahin, wo ich als Pilot geschaut habe, hat sich die Rakete ausgerichtet“, erläutert Hauser. Heute ist die Technik Standard. „Damals war das ein Novum.“
An anderen Stellen hatten die russischen Konstrukteure eher rustikal gearbeitet. „In dem Jet war so gut wie keine Elektronik vorhanden“, beschreibt Peter Hauser das Innenleben des Jets. Die Russen hätten stattdessen mechanische und elektrische Bauteile verwendet. Die robuste Bauweise kommentiert er mit einem Schmunzeln: „Die MiG können sie mit einem Hammer und einer Brechstange reparieren.“
Die größte Schwäche der MiG-29 steckt laut Ex-Pilot im Radar- und Navigationssystem: „Sehr rudimentär, ein Albtraum. Ein Modus, dass sich der Pilot seine Ziele selbst aussucht, war nicht vorhanden.“ Der MiG-Pilot sei darauf angewiesen, dass er strikt von Fliegerleitstellen am Boden geführt werde und die Ziele zugewiesen bekommt. Für die Bekämpfung von Luftzielen auf weite Entfernung oder Einsätze jenseits der Frontlinie daher ungeeignet.