Hamburg Wie Boris Pistorius das Prinzip „Shopping Queen“ in die Bundeswehr implementiert
Wenig Zeit, eine begrenzte Summe Geld – und gekauft wird, was halt da ist: So funktioniert seit über zehn Jahren die Doku-Soap „Shopping Queen“ auf Vox. Lernt die Bundeswehr jetzt von Guido Maria Kretschmer?
Boris Pistorius gilt als Pragmatiker. Diesen Ruf untermauert das mittlere Beben, den der neue Erlass im Beschaffungswesen ausgelöst hat: Entscheidend soll künftig der Faktor Zeit sein. Gekauft werden soll jetzt vor allem, was es schon gibt. Was wie eine durchaus rationale Herangehensweise an eine Kaufentscheidung klingt, war bislang nämlich keineswegs selbstverständlich.
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Bis jetzt wurde eher gekauft, was es noch nicht gibt und im Zweifel auch nie geben wird, weil das, was man sich im Bundesverteidigungsministerium (BMVg) unter „Goldrandlösung“ vorstellt, technisch und finanziell mitunter gar nicht umzusetzen ist – siehe das Beschaffungsdrama um neue Schlauchboote für die Kampfschwimmer: Die kommen nach Medienberichten nun nämlich gar nicht.
Mit dem neuen Erlass hat Verteidigungsminister Pistorius nun – ob bewusst oder unbewusst – das Prinzip „Shopping Queen“ ins deutsche Beschaffungswesen implementiert. Das dürfte vor allem alle Guido Maria Kretschmer-Fans im Ministerium freuen, die seit zehn Jahren keine Folge der beliebten Reality-Show verpassen und deshalb einen Wissensvorsprung gegenüber ahnungsloseren Kollegen haben, denen der Minister im „Tagesbefehl Beschleunigung des Beschaffungswesens“ noch gut zuredete: „Gehen Sie mutig an die Neuerungen heran.“
Mut predigt auch Guido Maria Kretschmer seinen Kandidatinnen häufig. Das Prinzip der Sendung: Die Frauen erhalten jeweils 500 Euro und vier Stunden Zeit, um alles einzukaufen, was sie für ein vorher festgelegtes Outfit-Motto benötigen. Bei Guido wären das etwa „Weiß ist heiß!“ oder „Grell, greller, Neon!“.
Die Bundeswehr operiert traditionell in gedeckteren Farben, dafür sind Leoparden hier beliebt. Die benötigte Summe ist im BMVg pro Kopf natürlich höher, das jeweilige Motto aber langweiliger: eine Woche Flugabwehr, eine Woche Panzer, eine Woche Munition.
Dennoch: Wenn jeder zuständige Mitarbeiter, sagen wir, 500.000 Euro und vier Stunden Zeit bekäme, um bei Lockheed Martin, Thales und TKMS einzukaufen, wäre das Sondervermögen schnell ausgegeben und die Materiallager der Bundeswehr voll. Natürlich bräuchte es noch jeweils einen Abteilungsleiter, der aus dem Off die jeweilige Kaufentscheidung kommentiert: „Das Flugzeug tut nichts für sie“ oder „Das G36 ist sooo Neunziger“.
Ob Guido Maria Kretschmer selbst als Beschaffungs-Coach fürs Verteidigungsministerium bereitstände und welche Shopping-Tipps er den Mitarbeitern im Beschaffungsamt geben würde: Wir wissen es nicht. Gefragt haben wir ihn, eine Antwort allerdings steht aus. Genug Erfahrung mit Behörden hätte er: Seit der Designer sich für die neuen Dienstuniformen der Deutschen Bahn verantwortlich zeichnet, ist die Bahn zwar immer noch verspätet, dafür sehen ihre Mitarbeiter gut aus.