Osnabrück Ist der Lehrermangel ein Deckmantel?
Lehrerverbände und Gewerkschaften beklagen einen Personalmangel an Schulen. Statistiken zeigen jedoch: Niemals zuvor gab es mehr Lehrkräfte. Unser Autor fragt, ob die Probleme nicht eher bei Organisation, Struktur und „Mindset“ zu suchen sind.
Vergangene Woche schrieb ich hier über Lehrer. Die Reaktionen fielen beachtlich aus; auch kritisch.
Hintergrund: Zahlen der Statistischen Landesämter zeigen, dass es noch niemals zuvor mehr Lehrer gegeben hat. Zugleich unterrichten sie weniger Schüler denn je. Daher fragt es sich in meinen Augen, ob die Probleme an Schulen eher bei Organisation und Struktur, Prozessen und „Mindset“ zu suchen sind als im allseits beklagten und bekannten Mangel an Lehrkräften.
Die Beleidigungen und Beschimpfungen will ich an dieser Stelle übergehen. Geschenkt. Für richtig halte ich derweil den Hinweis, dass Schüler heute schwieriger zu unterrichten sind als vor 20 oder 30 Jahren. Eltern, digitale Geräte, kulturelle Prägung, Bewegungsmangel: Da läuft etwas schief. Nur ändert das nichts am Verhältnis der Zahlen. Die Frage bleibt, ob die Menge an Lehrern den entscheidenden Faktor für bessere Arbeitsbedingungen bildet, wenn es doch bereits sehr viele gibt und auch bei einer Klassengröße von 10 die Probleme der Kinder nicht behoben wären, weil sie nicht in der Schule wurzeln.
Welche Faktoren könnten sonst von Belang sein? Hat mancher Lehrer falsche Vorstellungen vom Beruf gehabt? Wurde zu häufig die Reduzierung von Stunden abgenickt? Hindern Orga-Aufgaben die Lehrer am Unterricht, oder suchen sie umgekehrt welche, um diesen zu vermeiden? Müssen so viele Aufgaben im Tandem übernommen werden, während zugleich Stunden ausfallen?
Ich bin dankbar für die Zuschriften vieler Leser, die mir von ihren Gedanken und aus ihrem Alltag berichtet haben. Einige Auszüge möchte ich wiedergeben. Vielleicht können sie auch für Sie als Denkanstoß dienen.
Nummer 1: „In unserer Grundschule bräuchten nach Ansicht vieler Lehrer fast alle Kinder Nachhilfeunterricht. Das hat sicher mit 3 Jahren Pandemie zu tun, aber auch mit Eltern, die nicht in der Lage sind, Grenzen zu setzen, die Lehrer kritisieren (…), mit Kindern, die keinerlei Kritik vertragen, mit der ständigen Verfügbarkeit von Handys oder Tablets, die von allem ablenken, und zu wenig Sport/Bewegung. Dass hier Lehrer verschleißen, mehr Lehrer nötig wären, um den Schülern auch nur das Gleiche beizubringen wie früher, und Lehrer Teilzeit arbeiten möchten, um durchzuhalten, kann ich daher verstehen.“
Interessant fand ich auch diesen Hinweis: „Sie haben recht, Zahlen lügen nicht. (…) Vieles im Schulbereich verbraucht unnötig Energie der engagierten Pädagogen. Warum zum Beispiel muss jede Grundschule ein eigenes pädagogisches Konzept für den Ganztag entwickeln, obwohl doch der Gesetzgeber sich dieses selbst auf die Fahne geschrieben hat?“
Andere Lehrkräfte gaben praktische Tipps, wie beispielsweise Klassenfahrten besser organisiert werden könnten, sofern es rechtlich in Deutschland möglich wäre: „Vor der Organisation von Klassenfahrten kamen die Mitarbeiter einiger Reisebüros in die Schule und besprachen mit den jeweiligen Lehrern gemeinsam den Ablauf. Das Geld zahlten die Eltern beim Reisebüro ein, das eine Liste mit Adressen der Schüler erhalten hatte.“
Der Beamtenstatus fand ebenfalls Erwähnung: „Ich habe meine Vorurteile abgestreift und festgestellt, dass es sehr ambitionierte Lehrer gibt. Aus Berichten dieser weiß ich jedoch auch, dass es leider Kollegen gibt, die den Status der Verbeamtung schamlos ausnutzen.“
Jemand anderes berichtete von Lehrern, die sich in den Vorbereitungsräumen regelrecht „verstecken“ würden. Stunden zu geben, werde vermieden durch Zusatzaufgaben. Bestimmte Rollen würden unter zwei Leuten aufgeteilt – höhere Besoldungsstufen bzw. weniger Unterricht können dann beide einfordern.
Ein erfahrener Arbeitsorganisationsprofi aus Schleswig-Holstein schrieb schonungslos, wie sein Blick auf Schulen ist: „Teilzeit in diesem Umfang ist unverantwortlich und ein hausgemachtes Problem.“ Ließe eine Firma dies zu, gefährde sie ihre Existenz. Nötig seien ferner straffere Ablaufplanungen, die auch umgesetzt werden müssten. Außerdem mangele es an Führung der Lehrer als Mitarbeiter. Geboten seien „Vieraugengespräche über die Erwartungshaltung und regelmäßiger Kontakt“. Wichtig sei ferner, Lehrkräfte bei Problemen mit Schülern zu unterstützen und darauf auch kurzfristig zu reagieren. Kurzum, meinte der Verwaltungsfachmann: „Es ist im Schulbetrieb und in den oberen Etagen viel Bewusstseinsarbeit zu leisten, die nicht durch durchgängige ,Öffentlichkeitsarbeit‘ (Überlastung usw.) oder andere ,Tricks‘ abgewendet wird.“
Ein anderer Prozessberater legte sein Augenmerk auf die Leitungsteams und schlug Reformen vor. „Eine Schulleitung kümmert sich mit einem Schulleitungsteam (je nach Größe der Schule) um organisatorische und rechtliche Themenstellungen und Problemlagen - Digitalisierung an Schulen, Homeschooling, Vertretungspläne, Unterrichtsplanung, Organisation von Schulfahrten, Gebäudewirtschaft usw.“ Mit Blick auf die Themenvielfalt erfordere dies beachtlich viel Zeit. „Die Lehrkräfte, die diese Aufgaben übernehmen, nennen sich dann Fachkoordination und werden 1-2 Besoldungsgruppen höher bezahlt und für einen gewissen Zeitanteil vom Unterricht freigestellt. Klare Weisungsbefugnisse sind darin nicht enthalten.“ Er würde vorschlagen, separate Verwaltungskräfte mit Bachelor-Abschlüssen für die Schulen einzustellen statt Lehrer damit zu befassen. Entsprechende Modellversuche gebe es.
Knapp und kritisch fiel die Antwort eines anderen Lesers mit Einblick in die Organisation von Schule aus: „Meines Erachtens wird an vielen Stellen das Thema Personalmangel als Deckmantel für organisatorisches Versagen und ,gutes‘ Argument genommen, weitere Hilfen (sprich Gelder) einzufordern (…). Da ein Mangel wirklich jeden Tag in den Medien hoch und runter diskutiert wird, wird es mittlerweile (…) kaum noch hinterfragt.“
Dies ist vergangene Woche ja nun geschehen. Vielfach wird das mit dem Deckmantel so auch nicht zutreffen. Aber manchmal vielleicht doch? Die Schule wäre ein sehr besonderer Ort des allgemeinen Arbeitslebens, falls es so etwas dort wirklich nirgends und niemals gäbe.