Felm  Keine OP, weil HNO-Ärzte streiken: Wie Familie Boehm für ihre kleine Tochter kämpft

Jonas Bargmann
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Von Jonas Bargmann
| 21.04.2023 12:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Bundesweit streiken Hals-Nasen-Ohren-Ärzte seit Monaten. Davon betroffen sind Operationen an Kindern. Für die dreijährige Pauline hat das schwerwiegende Folgen.

Janine Boehm und Christoph Boehm aus Felm in Schleswig-Holstein sind verzweifelt. „Rendsburg ist unser letzter Strohhalm. Wenn das nicht klappt, haben wir keinen Ansatz mehr.“ Ihre Tochter Pauline leidet an einem Paukenerguss im Ohr. Wenn sie erkältet ist, sammelt sich hinter dem Trommelfell Flüssigkeit an.

Mit schlimmen Folgen: Die Dreijährige hört ihre Mitmenschen oftmals nur dann, wenn gerufen wird. Ärzte haben festgestellt, dass Pauline definitiv operiert werden muss, um wieder problemlos hören zu können. Schreien wäre dann nicht mehr nötig.

Das Problem: Nachdem die Kassenärztliche Bundesvereinigung festgelegt hatte, dass für bestimmte Standard-Eingriffe nur noch rund 107 statt wie zuvor 111 Euro fließen, rief der Bundesverband der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte die ambulanten Operateure Mitte Januar zum Streik bei den Kinder-Operationen auf. Nach der Abwertung seien sie nun vielerorts nicht mehr wirtschaftlich. Berichten zufolge sollen 85 Prozent der HNO-Ärzte streiken. Die Dauer des Streiks? Unbegrenzt.

Jan Löhler, Präsident des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte, betont: „Es geht darum, die ambulante HNO-Kinderchirurgie zu erhalten und den Versorgungsnotstand bei Mandel- und Mittelohr-Operationen mit monatelangen Wartezeiten und teils verzweifelten Eltern zu beenden. Der Terminstopp soll die Verantwortlichen bei Politik und Krankenkassen wachrütteln und zeigen, dass es mit der derzeitigen Vergütung nicht mehr weitergehen kann. Für 106 Euro kann man kein Kind vernünftig operieren.“

Und weiter: „Der Eingriff findet in Vollnarkose an den Atemwegen statt und ist mit nicht unerheblichen Risiken verbunden (Beispiel: Nachblutungen). Diese Summe deckt oft noch nicht mal die Kosten, die mit der Operation verbunden sind. Daher haben sich in den letzten Jahren immer mehr Operateure aus dem Bereich zurückgezogen und bieten die Leistungen nicht mehr an.“

Zu den bestreikten Routine-Operationen zählen unter anderem das Setzen von Paukenröhrchen oder die Polypen-Entfernung. Bei Pauline wäre beides behandelt worden, denn bei der Dreijährigen wurden auch zu große Polypen (Rachenmandeln) diagnostiziert. Sie sollen zu einer Zahnfehlstellung bei Pauline geführt haben. Eine Zahnspange droht – verbunden mit Kosten für die Familie im mittleren dreistelligen Bereich.

Vater Christoph beschreibt den Paukenerguss so: „Wenn der Blickkontakt zu Pauline nicht da ist, hilft das Schreien auch nicht.“ Das Nicht-Hören führe im Kindergarten zu großen Problemen. Oft schauen Kinder sie nicht an, wenn sie „Stopp“ sagen. Pauline: „Ich höre das ja nicht, wenn die Kinder das sagen.“

Die Folge: Pauline wird von anderen Kindern ausgegrenzt, darf nicht mehr mitspielen. Janina Boehm: „Oftmals hat Pauline im Kindergarten apathisch gesessen und nur nach vorne gestarrt.“ An einigen Tagen will Pauline nicht in den Kindergarten gehen. Mutter Janina: „Wie soll sie neue Freunde finden, wenn sie die Gefühle der anderen gar nicht berücksichtigt, weil sie gar nicht hören kann?“

Seit Oktober 2022 schleppt die Dreijährige die Krankheit mit sich herum. „Seither ist sie fast durchgehend erkältet“, sagt die Mutter und ergänzt: „Am Ende des Tages ist meine Stimme kaum noch da. Für uns Eltern ist es nervig, weil wir laut reden müssen, aber für meine Tochter, die sich noch in der Sprachentwicklung befindet, ist das weitaus drastischer.“ Kinder müssen schließlich sprechen und hören können, um zu kommunizieren. „Und um ihren Wortschatz zu vergrößern.“

Wegen Paulines Erkrankung ist das Leben der jungen Familie massiv eingeschränkt. „Wir waren lange nicht beim Kinderturnen wegen des kalten Hallenbodens oder beim Schwimmen, da sie sich sonst leicht erkältet. Wie das im Sommer ist, will ich mir gar nicht ausmalen. Strand? Ausflüge? Das fällt derzeit komplett flach. Pauline hat momentan keine andere Ausdrucksweise, als zu weinen, weil es ihr zu viel wird.“ Manchmal schlägt sie sich auch mit der Faust auf das Ohr. Die Dreijährige: „Damit es besser wird.“ Hofft sie. Wenn es hilft, dann nur für kurze Zeit.

Dabei ist Pauline schon auf dem Weg der Besserung gewesen: Im Januar dieses Jahres wurde sie in einer Kieler Klinik untersucht. Ihre Mutter: „Die Dokumente zur Einwilligung für die OP haben vor mir gelegen. Im Nebensatz hat mir der Arzt erklärt, dass sie Pauline wegen des Streiks nicht operieren können“, erinnert sich Mutter Janina. „Ich habe gedacht, dass man mich veräppeln wollte. Ich habe mich ohnmächtig gefühlt. Das ist die schlimmste Situation in meinem Leben.“

In den Tagen und Wochen danach habe man viele Kliniken abgegrast: Kiel, Lübeck, sogar in Köln, weil dort Janina Boehms Familie wohnt. Überall nur Absagen. Viele Stunden wurden am Telefon verbracht, in der Hoffnung, eine Lösung für Pauline zu finden. Viele Enttäuschungen. Hilflosigkeit macht sich breit. Mutter Janina: „Wenn man uns wenigstens sagen würde, dass Pauline im Oktober operiert werden könne, ist es zwar ewig hin, aber das Ende ist absehbar. Wir können jeden Tag nur hoffen, dass dieser Streik bald zu Ende ist.“

Und weiter: „Ich finde es erschreckend, dass man über einen so langen Zeitraum streikt und sich keiner dafür verantwortlich fühlt, dieses Problem zu lösen. Wie lange soll denn der Streik noch gehen? Anderthalb Jahre? Zwei Jahre?“ Jan Löhler, Präsident des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte, meint: „Nur wenn es eine deutliche Anhebung der Vergütung durch die Krankenkassen gibt, werden sich wieder mehr HNO-Ärzte finden, die die OPs anbieten. Ansonsten wird die Versorgung nach und nach aussterben – mit den negativen Folgen für die Kinder.“ Für die Boehms ruht die derzeit letzte Hoffnung auf einem Rendsburger HNO-Arzt.

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