Osnabrück Machen Instagram und Tiktok Jugendliche gewalttätiger?
Jeden zweiten Tag gilt in Deutschland ein Jugendlicher als tatverdächtig, einen Mord, Totschlag oder Tötung auf Verlangen begangen zu haben. Welchen Einfluss haben Gewaltvideos auf Social Media darauf?
Knapp 37.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren waren im Jahr 2022 tatverdächtig, Straftaten begangen zu haben, die in der Polizeilichen Kriminalstatistik unter „Gewaltkriminalität“ zusammengefasst sind. Dazu zählen unter anderem Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Körperverletzung und Raub. Dabei waren 10.577 Kinder unter 14 Jahren und 26.441 Kinder und Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren tatverdächtig. Zwar ist diese Zahl im Vergleich zu insgesamt knapp 14 Millionen Unter-18-Jährigen, die 2021 in Deutschland leben, eher gering, dennoch kommt die Frage auf: Wieso werden Kinder und Jugendliche gewalttätig?
In den meisten Fällen führt ein Ursachengeflecht unterschiedlicher Faktoren dazu, dass Kinder Gewalt anwenden. Dazu gehören auch soziale Netzwerke, wie Diplom-Psychologin Anja Steingen sagt. „Das Internet ist heute ein sozialer Raum, in dem ein großer Teil der Interaktionen zwischen Kindern und Jugendlichen stattfindet. Im Gegensatz zum realen Leben ist dieser Raum aber völlig unkontrolliert, Menschen können anonym handeln und es fehlen soziale Spielregeln, die unser reales Leben wie selbstverständlich bestimmen“, so Steingen.
Vor allem Jugendliche verbringen einen großen Teil ihrer Zeit auf YouTube, Instagram oder TikTok. Die diesjährige JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, in der jährlich die Mediennutzung von Zwölf- bis 19-Jährigen untersucht, hat ergeben: Die tägliche Internetnutzung in der Freizeit liegt bei 204 Minuten. Immer wieder werden dort auch Videos von Gewalttaten veröffentlicht. Erst Ende März tauchte ein Video auf, auf dem eine Gruppe jugendlicher Mädchen eine 13-Jährige demütigen, schlagen und quälen.
Doch das Problem liege nicht nur bei den Tätern selbst – sondern auch bei denjenigen, die sich Fotos und Videos von Gewalttaten im Internet anschauten, meint Steingen. Bei ihnen komme hinzu, dass sie sich nicht mit den Folgen von Taten unmittelbar auseinandersetzen müssen: Ein Gewaltopfer schaut oder spricht sie beispielsweise nicht direkt an.
Menschen schauen sich Gewaltszenen im Internet an, aber tun nichts dagegen. Dieses Phänomen wird auch „Bystander-Effekt“ genannt, wie Rüdiger Maas, Psychologe und Generationenforscher, im Gespräch mit unserer Redaktion sagt. Es entstehe dadurch eine gewisse Distanz. Kinder sehen Gewaltszenen, die in der analogen Welt passieren, lediglich digital. „Das führt bei vielen Kindern und Jugendlichen zu einem Empathieverlust“, so Rüdiger. Gleichwohl betont er, dass Social Media nicht per se dazu führt, dass Menschen aggressiver werden – erst recht nicht dazu, dass sie töten.
Fälle wie zuletzt in Freudenberg, wo eine Zwölf- und 13-Jährige die zwölfjährige Luise töteten, sind Rüdiger zufolge Einzelfälle. Im Jahr 2022 waren bundesweit 18 Kinder unter 14 Jahren tatverdächtig, Mord, Totschlag oder Tötung auf Verlangen begangen zu haben. Die Zahl bei Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren lag bei 198.
Laut Steingen sinkt die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden eher bei denjenigen, die „sowieso schon Defizite in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung haben“. Es sei gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Präventionsarbeit zu leisten. „Alle Kinder brauchen heute eine gute und kontinuierliche Begleitung bei der Nutzung Sozialer Medien, die sie dabei unterstützt, die gesehenen Inhalte einzuordnen und zu reflektieren“, sagt die Psychologin.