Standort wird umgewandelt  Aus für Norder Klinik besiegelt

| | 20.04.2023 16:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Der Norder Standort der Ubbo-Emmius-Klinik (UEK) steht vor dem Aus. Foto: Rebecca Kresse
Der Norder Standort der Ubbo-Emmius-Klinik (UEK) steht vor dem Aus. Foto: Rebecca Kresse
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Stattdessen soll es in Norden nur noch ein ambulantes Notfallzentrum geben. Außerdem sind lediglich 25 Betten auf einer internistischen Kurzliegerstation geplant.

Norden - Jetzt ist es offiziell: Der Standort Norden der Ubbo-Emmius-Klinik wird in eine Regionales Gesundheitszentrum (RGZ) umgewandelt. Die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich-Emden-Norden bestätigte die Berichterstattung unserer Zeitung mit einer Pressemitteilung. Der Aufsichtsrat der Trägergesellschaft hat dies am Mittwoch in seiner Sitzung beschlossen. Ab 14 Uhr informierte Klinik-Geschäftsführer Dirk Balster die Mitarbeiter der Norder Klinik im Johann-Christian-Reil-Haus über die Pläne der Trägergesellschaft. Direkt im Anschluss daran hat der Betriebsrat der UEK zu einer Teilbetriebsratssitzung für Norden geladen.

Balster stellte den zahlreich erschienen Mitarbeitern das Konzept des RGZ vor. Danach soll ein „ambulantes Notfallzentrum etabliert“ werden, sagte Balster. Außerdem soll es eine internistische Kurzliegerstation mit 25 Betten geben. Niedergelassene Ärzte sollen die Patienten für diese Station zuweisen. „In diesen Betten werden auch weiterhin die etablierten Leistungen der Palliativmedizin sowie der Schmerztherapie erbracht“, heißt es in der Mitteilung der Trägergesellschaft. Das bedeutet, die Betten der Palliativstation sind in diesen 25 Betten schon mit eingerechnet. Zurzeit wird die Bettenzahl der Klinik mit 255 angegeben. Davon zählen rund 100 Betten zur Psychiatrie, die erhalten bleiben soll.

Ambulantes OP-Zentrum geplant

Darüber hinaus will die Trägergesellschaft ein ambulantes OP-Zentrum betreiben, in dem auch die chirurgischen Mitarbeiter aus Emden und Aurich ihre Patienten behandeln sollen. Damit will die Trägergesellschaft nach eigenen Aussagen dem „Mehrbedarf für ambulante OP-Ressourcen“ Rechnung tragen. Dafür sollen zwei OP-Säle erhalten bleiben, die laut Balsters Vortrag in der Zeit von montags bis sonnabends von 8 bis 18 Uhr betrieben werden sollen.

Der Fortbetrieb des Norder Klinikums als Grund- und Regelversorger ist laut Trägergesellschaft nicht mehr möglich. Grund dafür ist, dass sie nicht mehr genügend Ärzte für die offenen Stellen bekommt. Die Trägergesellschaft muss deshalb auf viele Honorarärzte zurückgreifen, die aber nur zeitlich befristet und für viel Geld eingesetzt werde können. Außerdem sind diese Honorarärzte anscheinend nicht gut genug. „Die medizinische Qualität ist bei dem überwiegenden Einsatz von Honorarkräften nicht mehr kontrollierbar und deutlich rückläufig“, so Dirk Balster. Der Krankenhausträger habe dieser Entwicklung zum Schutz der Patienten Rechnung zu tragen. Die Trägergesellschaft habe aber ein Konzept erarbeitet, das „weiterhin eine wichtige medizinische Versorgung vor Ort in Norden gewährleistet“, heißt es in der Mitteilung. Ziel sei es außerdem, das Personal aus Norden in den Krankenhäusern des Verbundes, also in Aurich und Emden einzusetzen, um „resultierende Mehrbedarfe“ in den Häusern abzudecken.

Wechselprämie für Mitarbeiter

Ob das gelingt, ist fraglich. Pflegepersonal aus dem Krankenhaus Norden hatte es im Gespräch mit unserer Zeitung bereits im Vorfeld kategorisch abgelehnt, in Aurich oder Emden zu arbeiten. „Dann mache ich lieber etwas ganz anderes“, hieß es von den Schwestern. Die Trägergesellschaft hat sich eine Art Wechselprämie für Mitarbeiter ausgedacht. Wer von Norden aus nach Aurich oder Emden wechselt, soll nach Informationen dieser Zeitung ein Monatsgehalt extra bekommen. Außerdem sei eine befristete Aufwandsentschädigung als Fahrtgeld in Planung.

Laut Mitteilung der Trägergesellschaft sehen sowohl der Aufsichtsratsvorsitzende, Landrat Olaf Meinen, als auch der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende, der Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff, „die Handlungsnotwendigkeit“ und begrüßten daher das von der Geschäftsführung vorgestellte und vom Aufsichtsrat beschlossene Konzept zum Standort Norden. „Aus der Umwandlung ergeben sich für die Mitarbeiter und für die medizinische Versorgung gute Perspektiven“, so Meinen und Kruithoff. Der Norder Bürgermeister Florian Eiben ist nicht Teil der Gremien. Er hat sich bisher noch nicht öffentlich zu den Plänen geäußert. Wie aus den Reihen der Verwaltung zu hören ist, wurde er auch nicht im Vorfeld darüber informiert.

SPD-Landtagsabgeordneter: Realität anders als Erwartung

Anders der SPD-Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Emden/Norden, Matthias Arends. „Wir sind über die Situation und den Handlungsbedarf informiert worden und auch über den Vorschlag der Geschäftsführung. Diese sind nicht nur vorgestellt worden sondern auch in der gegebenen Sorgfalt und Verschwiegenheit diskutiert worden“, teilte er auch Nachfrage mit. Eigentlich war den Nordern zugesagt worden, dass das Krankenhaus als Grundversorger so lange erhalten bleibt, bis die Zentralklinik ihren Dienst aufnimmt. „Die Erwartung, wie sich der Standort weiter betreiben lassen kann, war eine andere, als in der Realität eingetreten ist“, sagte Arends dazu. Auch er wies auf die mangelnde Qualität in der ärztlichen Versorgung, aber auch auf die „extrem hohen Kosten“, die durch die Honorarärzte entstanden seien, hin.

Der Termin für die Umwandlung wird laut Trägergesellschaft in den nächsten Wochen mit den Verantwortlichen vor Ort im Rahmen der Detailkonzeption festgelegt. Als frühestmöglicher Termin wurde vom Aufsichtsrat der 1. Juli 2023 beschlossen.

Klinikchef appellierte an Mitarbeiter, Weg mitzugehen

Den Mitarbeitern im Johann-Christian-Reil-Haus sagte Balster: „Wir sind gezwungen, das auf den Weg zu bringen.“ Es sei in den vergangenen drei Monaten viel und lange überlegt worden. Dann appellierte er an die Mitarbeiter, den neuen Weg als Team mitzugehen. Auch in der offiziellen Mitteilung der Trägergesellschaft heißt es, die Einbindung der Mitarbeiter und deren Gewinnung für das Konzept vor Ort in Norden sei von höchster Bedeutung. „Entsprechend wurden frühzeitig von der Arbeitnehmervertretung und der Geschäftsführung gemeinsam Eckpunkte der Transformation geeint sowie eine Transformationsorganisation festgelegt“, so die Trägergesellschaft . Das allerdings dürfte den Mitarbeitern wie ein Hohn vorkommen. Seit Monaten haben sie immer wieder die schlechten Bedingungen und auch die schlechte Kommunikation vor Ort öffentlich gemacht. Immer wieder forderten sie klare Aussagen zu ihrer Zukunft. Am Ende informierte die Trägergesellschaft sie nach dem Beschluss und nachdem es die Öffentlichkeit durch verschiedene Medienberichte erfuhr.

Der Betriebsrat der UEK ist laut Mitteilung mit der Umwandlung des Krankenhauses der Grund- und Regelversorgung in Norden in ein Regionales Gesundheitszentrum nicht einverstanden. Die Fehler der Vergangenheit in Bezug auf den Krankenhausstandort Norden sowie die nicht eingehaltenen Zusagen früherer Geschäftsführungen, das Leistungsspektrum in Norden zu stärken, seien mitverantwortlich für die jetzige Situation. Die Krankenhäuser für die Grund- und Regelversorgung seien Bestandteil des Konzeptes auf dem Weg zur Zentralklinik. Der Betriebsrat der UEK habe immer deutlich gemacht, dass für ihn der Standort Norden als Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung unverzichtbar ist. Der fachlichen Begründung durch die Geschäftsführung für die Umwandlung am Standort Norden könne aber weder aus betriebswirtschaftlichen noch aus medizinischen Gründen widersprochen werden. Deshalb werde der Betriebsrat nach dieser unternehmerischen Entscheidung seine Aufgabe erfüllen, die Interessen der Beschäftigten sicherzustellen und den Umwandlungsprozess konstruktiv begleiten, so der Betriebsrat.

Ministerium muss mit entscheiden

Laut Trägergesellschaft laufen bereits umfassende Abstimmungen mit dem zuständigen Ministerium und den Vertretern der Kostenträger. Gleichzeitig werde das Modellprojekt Statamed gemeinsam mit der AOK Niedersachsen und der AOK Rheinland/Hamburg für die Umsetzung zu Anfang des Jahres 2024 vorbereitet.

Die Pressestelle des Sozialministeriums Niedersachsen teilte auf Nachfrage mit: Für die Umwandlung einer Klinik in ein RGZ brauche es einen formlosen Antrag beim Ministerium. Laut Krankenhausgesetz muss dann im niedersächsischen Krankenhausplanungsausschuss Einvernehmen über die Umwandlung herrschen. Danach werde im Ministerium geschaut, welches Leitungsspektrum im RGZ angeboten werden könne. Grundsätzlich liege es in Händen der Trägergesellschaft, zu entscheiden, was sie vor Ort machen wolle. Der Planungsausschuss tagt nach Auskunft des Ministeriums zwei Mal pro Jahr. Der nächste Termin soll im Juni sein.

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