Personalmangel  Auricher Gastronomie geht ungewöhnliche Wege

Kim Hüsing
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Von Kim Hüsing
| 21.04.2023 08:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In der Gastronomie fehlt es überall an Personal. Hiesige Gastronomen gehen daher ungewöhnliche Wege, um ihr Angebot aufrechtzuerhalten. Foto: DPA
In der Gastronomie fehlt es überall an Personal. Hiesige Gastronomen gehen daher ungewöhnliche Wege, um ihr Angebot aufrechtzuerhalten. Foto: DPA
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Personal ist in der Gastronomie schwer zu bekommen. Deshalb probieren Auricher Unternehmer neue Wege aus, um ihr Angebot aufrechtzuerhalten.

Aurich - Geschlossene Türen, verkleinerte Karte: Viele Auricher Gastronomen schränken ihr Angebot momentan ein. Hauptgrund ist der eklatante Personalmangel. Erst im März 2022 hat der Sandhorster Krug nach langer Umbauphase wiedereröffnet. Doch Inhaber Bernhard Böden und sein Team konzentrieren sich auf feste Veranstaltungen wie Familienfeste. „Die Dorfbewohner lauern auf die Kneipe“, sagt Böden. Er habe das historische Ambiente auch nach dem Umbau extra beibehalten. Doch zurzeit fehle das Personal, um den Kneipenbetrieb aufzunehmen. Der Biergarten soll nach Pfingsten wieder öffnen. „Aber wir konzentrieren uns auf den Sonntag, mehr geht nicht“, so Böden.

Auch in Köhlers Forsthaus in Aurich wird dringend Personal gesucht. Der Inhaber Frank Köhler lobt deshalb eine Prämie in Höhe von 2000 Euro für einen Koch aus. 500 Euro seien eine Wechselprämie, die restlichen 1500 Euro bekäme der Stelleninhaber nach der bestandenen Probezeit, ist in den sozialen Medien zu lesen. Ein Handygeld, ein Fahrzeug, das privat genutzt werden darf, und bei Bedarf ein Mitarbeiterzimmer werden in der Stellenausschreibung ebenfalls in Aussicht gestellt.

Vorteil: Flexible Arbeitszeiten

Dem Inhaber des Sandhorster Kruges Böden ist es ein Anliegen, den Beruf wieder attraktiver zu machen und am Image der Branche zu arbeiten. Bei anderen Kollegen Personal abzuwerben, in dem er Prämien auslobt, sei für ihn jedoch nicht der richtige Weg. Stattdessen seien ein gutes Betriebsklima und die Bezahlung entscheidend. Mit dem Einsatz neuer Küchentechnologien könne man beispielsweise den Stress der Köche reduzieren, in dem vieles vorbereitet werden kann. Anfragen für Nebenjobs würden wieder vermehrt an ihn herangetragen, seitdem die Lebenshaltungskosten so gestiegen sind. Das sei prima, helfe der Gastronomie alleine „aber nicht über die Klippen. Wir brauchen eine Stammmannschaft“, so Börden. Er selbst sei auch Quereinsteiger und habe trotz der Widrigkeiten einen Job, der ihm Spaß mache.

Abschreckend wirken auf viele junge Menschen die Arbeitszeiten. „Sie müssen am Wochenende arbeiten, aber dafür haben sie unter der Woche frei und im Schnitt sogar mehr Freizeit als andere“, sagt Böden. So sieht das auch Mareike Zägel, Vorsitzende des Dehoga-Kreisverbandes Aurich und Inhaberin des Hotels Stadt Aurich. In wenigen Berufen könnten die Menschen so flexibel arbeiten wie in der Hotellerie. „Ich brauche von frühmorgens bis spätabends Kräfte. Meine Mitarbeiter können sich aussuchen, wann sie am liebsten arbeiten möchten“, so Zägel. Wichtig seien für sie zudem Verlässlichkeit und gute Stimmung im Betrieb. „Das rein Finanzielle sollte nicht das Hauptargument sein.“

Auszubildende kommen vermehrt aus Vietnam

Deshalb sieht die Kreisvorsitzende des Fachverbands Wechselprämien sehr kritisch. Dass die Branche sehr leide, könne Zägel nicht wegdiskutieren. Insbesondere durch die Corona-Regelungen sei die Gastronomie „unter das Brennglas“ gekommen. Der Konkurrenzdruck wachse. Mit der Buchungslage ist die Hotelinhaberin aber eigentlich sehr zufrieden. Doch habe sich das Verhalten der Gäste verändert. Buchungen würden kurzfristiger vorgenommen. Dafür würden viele bewusster schauen, wofür sie ihr Geld ausgeben und gute Qualität wertschätzen.

Birgit Kolb-Binder, Vorsitzende des Dehoga-Bezirksverbandes Ostfriesland und Vizepräsidentin des Landesverbandes, geht einen anderen Weg, um Personal zu bekommen. Die Gastronomin hat 30 Vietnamesen als Auszubildende in ihrer Unternehmensgruppe eingestellt. Vermittelt hat ihr diese eine Agentur, mit der sie vor 30 Jahren schon einmal zusammengearbeitet habe. Sie werden in allen Bereichen, in der Küche, im Hotel, an der Rezeption und auf den Etagen, eingesetzt. „Wir nehmen sie sehr an die Hand. Viele können durch den Besuch einer deutschen Sprachschule in Vietnam schon unsere Sprache“, sagt Kolb-Binder. Sie sei mit ihrer Arbeit nicht unzufrieden.

Parallel habe sich der Verband mit der IHK und Berufsschulen zusammengeschlossen, erzählt Kolb-Binder. So sollen die Auszubildenden speziellen Deutschunterricht erhalten können. „Das Personal ist verbandsweit ein großes Problem, vor allem in der Küche. Deshalb rekrutieren wir verstärkt Mitarbeiter aus dem Ausland“, sagt die Bezirksvorsitzende. Momentan kämen diese vermehrt aus Vietnam und dem südlichen Afrika. Um die Visa und Unterbringung kümmere sich die Vermittlung. Kolb-Binder ist überzeugt, dass Deutschland Zuwanderung braucht, um dem Fachkräftemangel in vielen Branchen entgegenzuwirken. Ihren Kollegen stehe sie gerne mit Rat und Tat zur Seite: „Wir sind da keine Konkurrenten, sondern müssen alle an einem Strang ziehen, um das Image der Gastronomie zu verbessern.“

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