Hamburg  Warum fliehen immer mehr Türken nach Deutschland?

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 19.04.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Zahl türkischer Asylbewerber ist sprunghaft angestiegen. Die Bleibeperspektive ist im Vergleich schlecht. Foto: dpa/Paul Zinken
Die Zahl türkischer Asylbewerber ist sprunghaft angestiegen. Die Bleibeperspektive ist im Vergleich schlecht. Foto: dpa/Paul Zinken
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Die Zahl türkischer Asylbewerber ist um fast 300 Prozent gestiegen. Warum kommen so viele Menschen und warum dürfen so wenige bleiben? Ein Überblick.

Inflation, Verfolgung, Armut: Die Lage in der Türkei ist angespannt und sorgt dafür, dass immer mehr Menschen das Land verlassen. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres kamen nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 10.267 Türken nach Deutschland. Das entspricht einer Zunahme von 279,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Türkei liegt damit hinter Syrien und Afghanistan auf dem den dritten Platz der Hauptherkunftsländer. Insgesamt stellten in den ersten drei Monaten dieses Jahres 87.777 Menschen einen Asylantrag in Deutschland. 

Karl Kopp, Leiter der Europa-Abteilung von Pro Asyl, beobachtet die Lage in der Türkei und macht zwei Hauptursachen aus: staatliche Verfolgung und die desolate ökonomische Lage. 

Bereits seit dem gescheiterten Putschversuch im Jahr 2016 steigt laut Kopp die Zahl türkischer Asylbewerber in Deutschland. Die politische Lage verschlechterte sich in der Folge des Putsches rapide. „Besonders betroffen ist die kurdische Minderheit und Unterstützer*innen”, schreibt Kopp. Kurden stellen mit knapp 20 Prozent der Bevölkerung die größte Minderheit in der Türkei dar. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kurden und dem türkischen Staat. 

Doch nicht nur der Druck auf Kurden in der Türkei nimmt laut Kopp zu, auch Akademiker stehen im Fokus des Staates: „Betroffen sind all jene, die sich für eine demokratische Gesellschaft einsetzen und damit in Opposition zu der autoritären Regierung unter Staatspräsident Erdogan stehen, sowie tatsächliche oder vermeintliche Unterstützer*innen des Predigers Gülen.”

Neben politischen Gründen sei die desolate wirtschaftliche Lage in der Türkei ein Hauptfluchtgrund. Zwar ist die Inflationsrate im März leicht zurückgegangen. Sie liegt aber weiter deutlich über 50 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland lag die Inflationsrate im März bei 7,4 Prozent. Die Preissteigerungen für Alltagsprodukte sind in der Türkei somit um ein Vielfaches höher als in Deutschland. 

Die Bleibeperspektive für türkische Asylbewerber ist trotz der angespannten Lage schlecht. Lediglich 15,7 Prozent der Asylbewerber mit türkischem Pass erhalten laut BAMF einen Schutzstatus. Zum Vergleich: Die Gesamtschutzquote für alle Herkunftsländer lag in den ersten drei Monaten dieses Jahres bei 51,7 Prozent. 

Andrea Lindholz, stellvertretende Fraktionsvorsitzende für Innen- und Rechtspolitik der Union im Bundestag, fordert die Bundesregierung auf, aktiv zu werden. Die CSU-Politikerin sagt: „Der gravierende Anstieg von Asylantragstellern aus der Türkei ist beunruhigend.” Der überwiegende Teil der Personen habe keinen Schutzbedarf. Sie sagt: „Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie diese Entwicklung gegenüber unserem NATO-Partner Türkei klar zur Sprache bringt und nach Wegen sucht, sie zu stoppen.”

Lindholz weist darauf hin, dass die steigende Zahl nicht nur auf das Erdbeben zurückzuführen sei, da sich bereits 2022 die Zahl türkischer Asylbewerber im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht hat. Die CSU-Politikerin kritisiert in Richtung der Bundesinnenministerin: „Frau Faeser hätte gegenüber der Türkei längst die Initiative ergreifen müssen.”

Migrationsexperte Kopp hingegen kritisiert, dass die Anerkennungsquote nicht den realen Verfolgungsdruck widerspiegle. Kurden machen nach Angaben von Pro Asyl den Großteil der Asylbewerber aus. In Deutschland würde Kurden allerdings oft eine Nähe zu der als Terrorgruppe eingestuften kurdischen Partei PKK unterstellt. Daher werde diesen Menschen oft Asyl verwehrt.

Ob weiterhin so viele Menschen die Türkei verlassen, hängt laut Kopp von mehreren Faktoren ab: Die Folgen des verheerenden Erdbebens seien noch nicht absehbar. Die Bundesregierung hat im Februar ein vereinfachtes Visumverfahren eingerichtet. Damit sollen Erdbebenopfer aus der Türkei die Möglichkeit erhalten, für einen begrenzten Zeitraum bei Familienangehörigen in Deutschland unterzukommen. Zuletzt hatte sich die Zahl dieser vereinfachten Visa für Deutschland innerhalb einer Woche fast verdoppelt. 

In knapp vier Wochen, am 14. Mai, wird zudem in der Türkei gewählt. Für Kopp ist klar: Der Wahlausgang und für den Fall einer Abwahl Erdogans die friedliche Übergabe der Macht wird zentral für die Migration von Türken nach Deutschland sein.

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