Berlin Mia Goth: Begegnung mit Hollywoods unheimlichster Schauspielerin
Seit ihrem Debüt in „Nymph()maniac“ ist Mia Goth die Expertin für Angstlust-Rollen schlechthin. Vor dem Filmstart von „Infinity Pool“ haben wir die Schauspielerin getroffen.
„Ich lege es wirklich nicht darauf an, mir die gruseligsten Horrorfilme rauszupicken.” Das antwortet eine gut gelaunte Mia Goth auf die Frage nach ihrer reichlich grausigen Rollengeschichte. Wir treffen sie im Februar am Rande der Berlinale, wo sie ihren neuen Film „Infinity Pool” vorstellt. Der Arthouse-Schocker schildert eine Welt, in der Mord und Vergewaltigung folgenlos bleiben. Kapitalverbrechen werden zwar mit dem Tod bestraft; wer reich ist, kann aber einen künstlichen Doppelgänger zur Hinrichtung schicken. Das Resultat ist ein Exzess, den Regisseur Brandon Cronenberg als philosophischen Blutrausch inszeniert.
Goth spielt in „Infinity Pool“ Gabi Bauer – eine Frau, die den naiven Protagonisten (Alexander Skarsgård) erst in die Welt der Entgrenzung lockt, um später ihn selbst sadistisch zu verfolgen. Was reizt die 29-Jährige am blutigen Projekt? Nichts als die Begeisterung für den Regisseur und die Rolle: „Gabi geht als reizende Person in die Geschichte und am Ende ist sie verdorben, wild und gestört. Dazwischen liegen so viele Farben und Töne. Es war ein Geschenk, die Figur zu spielen“, sagt Mia Goth und beteuert noch einmal: „Ich starte nicht mit dem Vorsatz, einen coolen psychologischen Thriller zu drehen.“ Mit Cronenberg, sagt sie, hätte sie auch eine Kumpel-Komödie gedreht oder ein Road-Movie.
Angefragt wird sie allerdings immer dann, wenn Hollywood den Grenzbereich von Lust und Schrecken auslotet. Nach einem Karrierestart als Model debütiert Goth in „Nymph()maniac” (2013), einem Gewaltdrama, das mit pornografischen Szenen arbeitet. (Hier spielt sie an der Seite von Shia LaBeouf, mit dem sie heute eine gemeinsame Tochter hat.) Ihre erste Hauptrolle übernimmt sie dann im Horrorfilm „A Cure for Wellness“ (2016) – als im Inzest gezeugte Tochter eines vampiristischen Mediziners. Im Sci-Fi-Drama „High Life“ (2018) wird Mia Goth im Weltall künstlich befruchtet. „Suspiria” (2018) macht sie zum Teil eines Hexenzirkels. Und im Horrorfilm „X“ (2022) spielt sie gleich zwei Hauptrollen: den Star eines Pornofilms und eine wahnsinnige Greisin, die sämtliche Mitglieder der Filmcrew ermordet.
Das alles klingt wüst, aber hinter jedem ihrer Projekte stehen die ganz großen Namen des Autorenfilms. Wenn Künstler wie Lars von Trier oder Claire Denis ihre gewagtesten Projekte drehen, landen sie zielsicher bei Mia Goth. „Sie ist ganz einfach eine perfekte Schauspielerin“, sagt ihr aktueller Regisseur Brandon Cronenberg, der bei der Berlinale ebenfalls zur Presserunde gekommen ist. „Ob sie nun unheimliche Figuren spielt oder irgendwas anderes.“
Hier sehen Sie den deutschen Trailer zu „Infinity Pool“:
Was im direkten Gespräch mit Mia Goth frappiert, ist ihre ungewöhnlich hohe Stimme. In der Netflix-Animation „The House“ (natürlich eine Schauergeschichte) hat sie gerade eine Neunjährige gesprochen. Und es ist nicht nur die Tonlage: Ihr flächiges Gesicht mit den kaum erkennbaren Brauen und der umso auffälligeren Stupsnase hat beinahe kleinkindliche Züge. Goth setzt das sehr gezielt ein: Das Grauen ihrer Filme betrachtet sie mit der Ausdruckslosigkeit eines Dreijährigen, der Käfern die Flügel ausreißt. Und wie ein Kleinkind kann auch sie aus dem Nichts in gellendes Geschrei wechseln, in dem plötzlich alles riesig wird, die Augen, der Mund, das enthemmte Gefühl.
Im harten Widerspruch zu ihrer Erscheinung machen Goths Figuren dann aber sehr erwachsene Dinge. In „Infinity Pool“ etwa überrumpelt sie einen Mann, der gerade in die Hecke pinkelt – und fängt mit leerer Miene an, ihn zu befriedigen. Später macht sie mit dem Auto Jagd auf denselben Mann und bedroht ihn dabei nicht nur physisch. Noch grausamer sind ihre herausgeschrieenen Beleidigungen, die sein schwaches Ego zerstören. Wie viel Vorbereitung steckt in so einer Szene? „Das haben wir nicht geprobt. Eigentlich haben wir überhaupt nicht geprobt. Und so arbeite ich auch am liebsten“, antwortet Mia Goth. „Brandon hat mir alle Freiheiten gegeben, meine Figur zu bauen. Nach dem Casting war er sich seiner Sache sicher und hat mich von der Leine gelassen.“
Teaser-Foto für Mia Goths nächsten Auftritt als „Pearl“:
Das Extreme, die Selbstverausgabung haben Methode: „Ich habe mich einfach reingeworfen“, sagt Goth über ihren Stil. „Von Regisseuren höre ich lieber den Satz: ‚Mach mal ein bisschen weniger.‘ Das ist besser als ‚Bitte mehr davon!‘ Es ist leichter, abzudimmen als aufzudrehen. Wenn man die Gefühle erzwingen wird, ist es am Ende nur gespielt. Und das will ja keiner.“
Was dabei entsteht, ist ein Schauspiel des Körpers und der Affekte. Brandon Cronenberg beschreibt seine Geschichte als die von Menschen, die „im entsprechenden Kontext zu Monstern werden“. Mia Goth ist die Schauspielerin für solche Rollen. Und neuerdings ist sie auch der Kopf dahinter. Bei den Filmfestspielen von Venedig feierte „Pearl“ seine Premiere, eine Fortsetzung ihres Horrorfilms „X“. Diesmal hat Mia Goth auch das Drehbuch mitgeschrieben.
Filmstart: „Infinity Pool“ läuft ab dem 20. April in den deutschen Kinos.