Osnabrück  Cannabis Social Clubs: Wie Kaninchenzüchter – nur mit Hanf

Jule Rumpker
|
Von Jule Rumpker
| 14.04.2023 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Rauchen von Cannabis könnte in Deutschland bald legal werden. Foto: dpa/German Parga
Das Rauchen von Cannabis könnte in Deutschland bald legal werden. Foto: dpa/German Parga
Artikel teilen:

Cannabis soll legalisiert werden. Vor allem sogenannte Cannabis Social Clubs (CSC) spielen dabei eine Rolle. Wird es bald deutsche Coffeeshops geben und wer kann Mitglied werden? Wir haben im Interview mit Steffen Geyer, dem Vorsitzenden des CSC-Dachverbands, gesprochen.

Frage: Von Cannabis Social Clubs haben viele Menschen – zumindest in Deutschland – wohl bisher noch nichts gehört. Was kann man sich darunter vorstellen?

Antwort: Wir Deutschen sind ja das Volk der Vereine und CSCs sind nichts anderes als Kaninchenzüchtervereine, Tomatenzüchtervereine oder die Freunde der Kartoffelpflanze. Nur, dass wir uns mit Hanf beschäftigen. Die Leute, die sich für Hanf-Anbau interessieren, bündeln ihr Fachwissen und ihre Kräfte in Gemeinschaften. Diese soziale Komponente ist uns sehr wichtig. CSCs sind Orte, wo sich Konsumenten treffen und miteinander beschäftigen. Das ist auch in der Suchthilfe ein wichtiger Ansatz, um Leute herauszufiltern, die vielleicht risikoreichere Konsummuster haben. Die Regierung will diesen Ansatz leider kaputtmachen und den CSCs verbieten, dort gemeinschaftlich zu konsumieren. 

Frage: Wenn man dort nicht gemeinsam konsumiert, wie läuft es denn dann ab in den Clubs?

Antwort: Der kleinstmögliche CSC besteht beispielsweise aus drei oder fünf Leuten, die alle zu Hause ihre Pflanzen haben, sich alle 14 Tage treffen, miteinander reden über den Anbau und sich ihre Ergebnisse zeigen. Dann gibt es am anderen Ende der Skala – wie zum Beispiel in Barcelona – Clubs, wo man einfach reingeht, eine Mitgliedschaft für 20 Euro im Jahr kauft und dann ist es so wie in einem Coffeeshop in Amsterdam. Das sind ausdrücklich nicht die CSCs, die wir in Deutschland haben wollen und ausdrücklich auch nicht das, wofür der CSC-Dachverband steht. Wir sehen uns in der Mitte. Für uns ist die natürliche Größe für einen CSC 100 bis 150 Mitglieder, die sich alle untereinander kennen. Wir stehen für kleinteilige, lokale, vernetzte Strukturen von Leuten, die eine Cannabis-Genusskultur aufbauen wollen.

Frage: Die Regierung spricht von einer Höchstgrenze von 500 Mitgliedern pro Club. Sind das zu viele?

Antwort: Bei Clubs mit mehr als 500 Mitgliedern überwiegt der kommerzielle Verkauf. Das sind CSCs nicht. Wir sind keine Fachgeschäfte. Wir sind Anbau-Gemeinschaften, Leute, die sich zusammenschließen, weil sie Freude an der Pflanze Hanf haben. 

Frage: Wie beurteilen Sie die vorgeschlagenen Höchstgrenzen, dass pro Clubmitglied maximal 25 Gramm Cannabis pro Tag und maximal 50 Gramm pro Monat abgegeben werden dürfen?

Antwort: In der Praxis gehe ich davon aus, dass es so eine symbolische Grenze geben muss, um das politisch zu verkaufen. Aber ich denke, dass sich diese Grenze schnell verändern wird, weil wir in einem gleichen Markt konkurrieren wie beispielsweise Alkohol oder Tabak. Da gibt es keine Höchstgrenzen. Das heißt, wenn das Gesetz in Kraft tritt, wird es im Zweifel mein Job sein, die Bundesregierung zu verklagen und Gleichstellung zu fordern. 

Frage: Es gibt ja bereits Cannabis Social Clubs in Deutschland. Wie viele sind das und was ist derzeit ihre Funktion?

Antwort: Der Verein und unsere Mitglieder arbeiten aktiv im Rahmen ihrer Möglichkeiten für eine Legalisierung von Cannabis, mit der Möglichkeit des Eigenanbaus und der vereinsrechtlichen Organisation als Ziel. In diesem Sinne betreibt der Verein Öffentlichkeitsarbeit. Es gibt in Deutschland aktuell knapp drei Dutzend CSC-Vereine. Die meisten davon sind jünger als ein Jahr. Es gibt ein Dutzend, die älter sind als ein Jahr. Die ältesten CSCs in Deutschland gibt es seit 10 bis 12 Jahren. 

Frage: Kann jeder Mensch so einen Verein gründen oder Mitglied werden?

Antwort: CSCs sind legaler Eigenanbau plus Vereinigungsfreiheit und die ist vom Grundgesetz geschützt. Insofern kann jeder, der möchte, jetzt schon mit sechs FreundInnen einen CSC gründen und für den Tag X bereitstehen, an dem die zweite Komponente, nämlich der legale Eigenanbau, dazukommt. Seit heute Morgen habe ich knapp 300 Emails von Leuten bekommen, die CSCs gründen wollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Ankündigung der Regierung dafür gesorgt hat, dass heute 100 neue Clubs auf dem Papier entstehen und das wird sicherlich weiterlaufen. 

Frage: Wie finanzieren sich diese Clubs?

Antwort: Wie alle anderen Vereine auch über Mitgliedsbeiträge und darüber, dass sie Einzelaktionen machen, Sponsoring, Verkaufstage oder Sonderveranstaltungen beispielsweise.

Frage: Und wie hoch ist so ein Mitgliedsbeitrag?

Antwort: Das können wir noch nicht einschätzen, weil wir nicht wissen, wie die Gesetzeslage sein wird und welche Vorkehrungen nötig sind. Im Moment liegen sie zwischen 12 und 50 Euro im Jahr. Das wird sich sicherlich ändern, wenn Vereine beschließen, eine Gewerbeimmobilie anzumieten, um dort Cannabis einzubauen oder jemanden dafür zu bezahlen, dass er dort zweimal am Tag die Pflanzen gießt. Aufwandsentschädigungen sind im Vereinsleben normal und die müssen dann auch gegenfinanziert werden. Da werden wir eine große Bandbreite an CSCs in Deutschland erleben, und ich hoffe, dass es einen Wettbewerb der CSCs um das soziale Element geben wird. Wir werden unsere Mitglieder sehr darauf schulen, dass sie primär Orte gemeinschaftlichen Handelns sind und nicht kommerzielle Abgabestellen

Frage: Nach aktuellem Stand ist es nicht möglich, vor Ort gemeinsam zu konsumieren. Wie wollen Sie dann sicherstellen, dass Cannabis nicht an Dritte oder Jugendliche weitergegeben wird?

Antwort: Ich frage mich nicht, ob CSCs perfekten Jugendschutz bieten können. Ich frage mich: Sind sie besser oder schlechter als der illegale Zustand, den wir jetzt haben? Ich bin einer der Direktoren des Hanf-Museums Berlin. Per Fragebogen fragen wir regelmäßig Schüler nach den Führungen, wie lange sie auf dem Schulhof brauchen, um Cannabis zu kaufen. Die durchschnittliche Antwort bei den 14 bis 16-Jährigen ist: sieben Minuten. Sie brauchen aber 13 Minuten, um Zigaretten zu kaufen. Trotzdem würde niemand sagen, das Abgaberecht von Zigaretten führt zwangsweise dazu, dass Jugendliche versorgt werden. Sondern es ist die beste unter den schlechten Möglichkeiten. So wird es mit CSCs auch. Ich habe keine Kontrolle über das moralische oder unmoralische Verhalten der einzelnen Mitglieder. Die werden natürlich untereinander darauf achten, dass nicht an Jugendliche abgegeben wird. In unserer Mustersatzung steht ausdrücklich drin, dass das verboten ist und dass das ein Grund ist, um aus dem Club ausgeschlossen zu werden. 

Ähnliche Artikel