Hamburg  Kampfjet MiG-29: Mehr als nur ein DDR-Relikt

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 13.04.2023 18:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die MiG-29 war erst für die NVA, dann für die Bundeswehr im Einsatz. Foto: Matthias Zins/Bundeswehr
Die MiG-29 war erst für die NVA, dann für die Bundeswehr im Einsatz. Foto: Matthias Zins/Bundeswehr
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Die Bundesregierung selbst will keine Kampfjets in die Ukraine liefern, erlaubt aber dem Nachbarland Polen, die MiG-29 aus deutschen Beständen weiterzugeben. Ein Blick auf die sowjetischen Flugzeuge, die nun zur Verteidigung gegen Russland eingesetzt werden sollen.

Manch Militär konnte sein Glück wahrscheinlich kaum fassen, was die Wiedervereinigung so mit sich brachte. 24 sowjetische Kampfflugzeuge des Typs MiG-29 kamen in den Besitz der Bundeswehr. „Es war damals das modernste deutsche Jagdflugzeug”, sagt der Historiker Jens Wehner vom Militärhistorischen Museum in Dresden. Die Luftwaffe der alten Bundesrepublik hatte nichts Entsprechendes, man wartete bereits auf die neuen Kampfjets, die später mal Eurofighter heißen sollten.

„Es gab aber noch einen zweiten Grund”, führt Wehner fort. Die MiG-29 sei damals im Westen noch nicht so bekannt gewesen, doch es zeichnete sich langsam der erste Golfkrieg ab. Und auch die Iraner flogen damals mit der MiG-29. Eine gute Gelegenheit, das System zu studieren. „Die Bundeswehr ist da sehr viele Übungsluftkämpfe gegen befreundete Nato-Staaten geflogen”. Schon zuvor hatte das wendige Flugzeug aus der Sowjetunion selbst im Westen auf Flugshows Eindruck gemacht. 

Jetzt ist das Flugzeug wieder in aller Munde. Polen will seine Jets der Ukraine überlassen, in ungewohnter Windeseile genehmigte die Bundesrepublik am Donnerstag die Auslieferung.

1983 wurde die Mikojan-Gurewitsch (MiG) 29 von der sowjetischen Armee eingeführt - als späte Antwort auf die US-amerikanische F-16. Sie entwickelte sich zu einem kleinen Exportschlager, das Flugzeug genießt noch heute großes Ansehen, bei Liebhabern und bei Militärs gleichermaßen. Die indische Luftwaffe fliegt sie noch heute, selbst das Nato-Land Polen setzt noch auf die Maschinen. „Die F-16 ist aber klar stärker verbreitet“, grenzt Wehner ein.

Mehr als die 24 Flugzeuge konnte sich die DDR einst gar nicht leisten, andere Staaten des Warschauer Paktes bekamen ähnliche Stückzahlen. Doch warum ließ die Sowjetunion überhaupt zu, dass die Bundeswehr und damit der Westen die Technik der MiG-29 nach der Wiedervereinigung in die Hände bekam?

Immerhin musste das zugehörige Flugabwehrraketensystem S-3000, das die DDR ebenfalls vom „großen Bruder” hatte, noch vor der Wiedervereinigung zügig zurückgegeben werden.

„Man darf nicht vergessen, dass die NVA wie die anderen Staaten des Warschauer Pakts nur eine leicht gedrosselte Export-Variante bekam”, sagt Wehner. Radar und andere Komponenten seien nicht so leistungsfähig gewesen, wie bei der sowjetischen Originalversion.

Im Ukraine-Krieg benutzen beide Seiten die beste Version des leichten Jagdfliegers. Auch die Mig-29 wurde regelmäßig weiterentwickelt, wie Wehner betont. Eine Lieferung der Polen halten viele schon deswegen sinnvoll, weil die ukrainischen Piloten das Flugzeug gut kennen, doch es gibt noch einen weiteren Vorteil: Die MiG-29 ist geländegängiger als etwa die F-16, die eine asphaltierte Landebahn zum Starten braucht.

Das große Fahrwerk mit Niederdruckreifen kann auch auf Graspisten und improvisierten Flugplätzen starten, erläutert Jens Wehner. Zudem kann das Ansaugsystem von oben Luft ziehen, was Dreck vermeidet. 

Die Ausführungen von Jens Wehner, der sich als Wissenschaftler im Dienst der Bundeswehr nicht konkret zum Ukraine-Krieg äußern darf, legen nahe: Die MiG-29 ist für die Ukraine besonders attraktiv, immerhin werden seit mehr als einem Jahr regelmäßig Flugplätze in der Ukraine zerstört. 

Die Sowjetunion hinkte dem Westen in den Achtzigern technologisch bereits hinterher. Dass die MiG-29 mechanischer ist als andere Flugzeuge ihrer Generation mit weit mehr Elektronik „muss nicht heißen, dass sie auch schlechter ist”, ergänzt Wehner. Doch es gibt einige Nachteile. Die Reichweite ist geringer und die Wartungsintensität viel höher. 

Fraglich, ob sie im aktuellen Krieg ein „Gamechanger” ist. Militärisch sinnvoll, so wird es von Experten schon seit den ersten Forderungen aus Kiew gesagt, ist er allemal.

Dass Polen die Flieger der Bundesrepublik überhaupt für einen symbolischen Euro 2003 erhielt, hing damit zusammen, dass der Eurofighter endlich seiner Indienststellung näher kam. Die MiG-29 einfach nur als „DDR-Rest” zu bezeichnen kommt allerdings zu kurz. Nachdem die Bundeswehr sie dankend übernahm, wurden sie auf den technischen Stand der Nato gebracht und 1994 in Laage bei Rostock stationiert.

1996 stürzte eines der Flugzeuge ab, insgesamt wurden mehr als 30.000 Flugstunden absolviert. Dann gingen 22 Jets mitsamt einer sogenannten Endverbleibsklausel - sie schrieb die deutsche Zustimmung bei einer Weitergabe fest - ans Nachbarland, einer ins Luftwaffenmuseum nach Gatow bei Berlin.

Es ist ein Flugzeug, das im speziellen Fall der deutschen Geschichte „die Seiten wechselte” und für Jens Wehner - selbst passionierter Segelflieger und ein Kind der DDR - auch eine Art Symbol der Wiedervereinigung. Nach dem Mauerfall habe es den pauschalen Diskurs gegeben, dass alles aus dem Osten schlecht war, vom Auto bis zur Butter. Als man dann nach der Wende die MiG-29 im Diensten der Bundeswehr im deutschen Luftraum sah, schien klar: Es kann auch nicht alles Mist gewesen sein. „Diesen Gedanken gab es damals sicher”, sagt Wehner vorsichtig.

Kampfjets hätten eben schon immer gut für Symbolik und Propaganda herhalten können. Im Ersten Weltkrieg war es der Rote Baron, im Kalten Krieg wurde der Film Top Gun zum Kinohit. 

Die MiG-29 könnte nun ebenfalls bei allem militärischen Nutzen eine starke Symbolkraft mit sich bringen. Als weiteres Zeichen für die westliche Unterstützung der Ukraine. Mehr als 40 Jahre, nach die MiG von der sowjetischen Rüstungsindustrie gegen den Westen entwickelt wurde.

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