Hamburg Bei Markus Lanz: AfD-Politiker Lucassen wirft Parteikollegen „Volksverrat“ vor
Einige AfD-Politiker pflegen enge Kontakte nach Russland. Rüdiger Lucassen sitzt für die AfD im Bundestag – und ging bei Markus Lanz auf Distanz zu zwei Parteimitgliedern, die er sich „nicht ausgesucht“ hätte.
Rüdiger Lucassen ist Politiker der AfD-Fraktion im Bundestag und Oberst a.D. der Bundeswehr. Als Geschäftsführer der pro-ades GmbH war er vor Beginn der Kämpfe in der Ost-Ukraine 2014 am Aufbau eines Gefechtsübungszentrums in Russland beteiligt. Die russische Regierung war damals der Geldgeber des Projekts, das letztlich auf die Sanktionsliste gekommen ist und deshalb nicht umgesetzt wurde.
In der Talk-Sendung von Markus Lanz sah sich Lucassen nun mit TV-Auftritten von Fraktionskollegen der AfD in Russland konfrontiert.
Zum einen ging es um den Auftritt des AfD-Abgeordneten Steffen Kotré in der Talkshow des russischen TV-Propagandisten Wladimir Solowjow. Kotré hatte gesagt, er sei „entsetzt, dass wieder deutsche Panzer geliefert werden, um Russen zu töten“.
Lucassen distanzierte sich: „Dafür habe ich kein Verständnis.“ Seine Partei müsse „zur Kenntnis nehmen, dass in der deutschen Bevölkerung dieses Bewusstsein, dass es sich hier um einen Angriffskrieg handelt, klar implementiert ist“.
In seiner Partei habe Lucassen es mit seiner Haltung trotzdem schwer. Der größte Teil der Fraktion sowie die Fraktionsspitze aus Alice Weidel und Tino Chrupalla hätten „sich dafür ausgesprochen, dass jeder dort reden kann, wo er es für richtig hält.“ Also auch im russischen Propaganda-Fernsehen.
Wegen dieser Haltung der Parteispitze fühlte sich offenbar auch AfD-Abgeordneter Eugen Schmidt dazu berufen. Er trat beim russischen Staatssender „Rossija 1“ auf und sprach davon, dass sich die Ersparnisse der deutschen Bevölkerung schon bald „in nichts auflösen“ würden. In einem Interview mit dem russischen Radiosender „Komsomolskaja Prawda“ behauptete er zudem: „Es gibt keine Demokratie in Deutschland. Es wird eine einheitliche Meinung aufgedrängt, und zwar von der regierenden Elite, und alle anderen politischen Meinungen werden mit allen möglichen Mitteln unterdrückt.“
Lucassen habe für diese Aussagen kein Verständnis. Bei Markus Lanz sagte er dazu: „Man könnte zu der Auffassung gelangen, dass das so etwas wie Volksverrat ist.“
Lucassen selbst war im Dezember zu Besuch in Kiew, um auf Minister-Ebene Gespräche zu führen. Er habe von seinem Besuch mitgenommen, „dass sie um ihr Land kämpfen.“ Dass die Ukraine inzwischen nicht mehr bereit sei, Gebiete abzutreten, könne er dennoch nicht verstehen. Lanz wirft ein: „Wenn der Westen keine Waffen geliefert hätte, hätten Sie die Ukraine nicht mehr besucht.“
Der zweite Talk-Gast der Sendung, Roderich Kiesewetter, fragte sich, wie gespalten die AfD-Fraktion im Bundestag inzwischen sei. Lucassen entgegnete: „Sie ist überhaupt nicht gespalten, sondern sie ist pluralistisch. Und ich bin sehr stolz darauf, dass wir verschiedene Meinungen zulassen.“ „Stolz auf die Beschönigung von Kriegsverbrechen?“, antwortete Kiesewetter scharf.
Die Fraktion oder die Partei verlassen will Lucassen aufgrund der kontroversen Auftritte seiner Kollegen aber nicht: „Ich will in der Partei dafür sorgen, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Wenn ich damit nicht durchkomme, ist für mich nicht das Ergebnis, ich verlasse die Partei, sondern ich kämpfe weiter.“ Innerhalb der AfD gebe es laut Lucassen eine Mehrheit, die nicht für solche Äußerungen stehe.
Der CDU-Politiker Kiesewetter ist besorgt über die Folgen der Auftritte im russischen Propaganda-Fernsehen: „Der Punkt ist, dass das Bild Deutschlands von solchen Menschen in Russland geprägt wird“, sagte der 59-Jährige.